Festakt

Ort der Gemeinschaft

Willkommen in der Ohel-Jakob-Synagoge: Viele Gäste nahmen am Festakt teil. Foto: Daniel Schvarcz

Für Präsidentin Charlotte Knobloch ist und bleibt der 9. November ein besonderer Tag: ein Tag der Trauer und ein Tag der Zukunft. Mit Blick zurück und nach vorne hatte sie den Jahrestag des Pogroms von 1938 bereits für die Grundsteinlegung 2003 und 2006 für die Einweihung der Ohel‐Jakob‐Synagoge gewählt. Beim Festakt zum fünfjährigen Bestehen am 9. November dieses Jahres machte sie in ihrer Begrüßungsansprache beides deutlich: Ein ganzes Jahrhundert deutscher Geschichte spiegele sich in einem einzigen Tag – ein Schicksalstag der Deutschen.

Ihr kommt bei diesem Datum als Allererstes die Hand ihres Vaters in Erinnerung: »Ich spüre sie heute noch genauso fest und so warm wie vor 73 Jahren, als er mich kleines Mädchen an dieser Hand in jener Nacht des Jahres 1938 durch diese Stadt geführt hat. Ich rieche noch heute den Qualm, der von der einstigen Ohel‐Jakob‐Synagoge in der Herzog‐Rudolf‐Straße gen Himmel aufstieg.«

Diese Bilder kann sie nicht vergessen – und doch hat in ihrem Inneren Hoffnung Platz gefunden. »In meinem Herzen trage ich Zukunft. In meinem Herzen trage ich Glück. Ich bin glücklich – weil ich seit mehr als sechs Jahrzehnten in einer Stadt lebe, in einem Freistaat und in einer Republik, in der sich das Gute durchgesetzt hat.« Im Verlauf eines einzigen Menschenlebens habe sich München »von der Hauptstadt der Bewegung zu jener Weltstadt mit Herz entwickelt, die wir alle lieben«. Hier ist das Zentrum entstanden, das die jüdische Gemeinschaft Münchens aus Hinterhöfen in die Mitte der Stadt brachte.

Charlotte Knobloch begrüßte zum Jubiläum die vielen Gäste aus der Gemeinde und dem öffentlichen Leben Münchens. Mit einem Violinenstück eröffnete Mark Tiktiner die Feierstunde. Das erinnerte manchen an den Einzug von Giora Feidman bei der Eröffnung vor fünf Jahren. Und es gab noch weitere Parallelen: Jonathan Chmiel und Steven Guttmann, die seinerzeit als Jugendliche die Tore der Synagoge geöffnet hatten, sprachen über die Erfahrungen seither: »Mit der Ohel‐Jakob‐Synagoge ist ein Fundament der Beständigkeit geschaffen worden, ein Symbol des Miteinanders.«

Begegnungsstätte Dieses Miteinander betonte auch Ministerpräsident Horst Seehofer in seiner Rede, als er die Synagoge als »Ort der Gemeinschaft und der friedlichen Zusammenkunft« bezeichnete. Er freute sich über die Anziehungskraft, die das Gemeindezentrum in den zurückliegenden fünf Jahren entwickelt hat, »als religiöser Mittelpunkt, als Forum des kulturellen Austauschs und als Begegnungsstätte für Menschen aller Glaubensrichtungen«. Er dankte Charlotte Knobloch und der IKG: »Sie öffnen uns die Tore zu ihrem Glauben und lassen uns teilhaben an den Traditionen jüdischer Kultur. Über die religiösen Grenzen hinweg sind Sie bereit zum Dialog und zum gegenseitigen Verstehen. Sie schenken uns Ihr Vertrauen. Über die Gräben der Geschichte reichen Sie uns die Hand zur Versöhnung und zum gemeinsamen Gedenken.«

Er lobte das große Engagement im Zeichen der Toleranz, des Friedens und der Humanität. Die Unbefangenheit der Kinder, die hier spielen, sei ein »kleines Wunder. Denn wir wissen: Das Aufblühen der jüdischen Gemeinde in München nach dem Holocaust ist alles andere als eine Selbstverständlichkeit.« Und Horst Seehofer erinnerte an den 9. November 1938, an dem die Juden ihr Vaterland verloren haben. Er bekräftigte die Aussage des früheren Ministerpräsidenten Edmund Stoiber und bezeichnete auch seinerseits die Juden als »fünften Stamm Bayerns«.

Den Blick zurück und in die Zukunft unterstrich ebenfalls Münchens Oberbürgermeister Christian Ude. Seit 22 Jahren begleitet er regelmäßig alle Veranstaltungen der IKG zum 9. November. Er erinnerte daran, dass Charlotte Knobloch vor fünf Jahren zunächst zur Verwunderung mancher für den Auftakt zu den Einweihungsfeierlichkeiten der Synagoge den Alten Rathaussaal gewählt hatte – den Saal, von dem der braune Terror des Novemberpogroms ausgegangen war. Er dankte ihr für diese Geste: »Es gibt keinen Ort und keinen Tag, die für die Opfer und für die demokratische Gesellschaft tabu wären.«

An Knobloch gewandt, sagte Ude: »Sie haben damit nicht nur für die Gemeinschaft der Juden in München ein großartiges Umdenken erreicht, sondern auch der Stadt geholfen.« Ude gratulierte, dass mit Synagoge und Zentrum nicht nur ein Raum für den Glauben geschaffen wurde, sondern auch ein bedeutender Ort für die Stadtgesellschaft. Dass die Ohel‐Jakob‐Synagoge auch architektonisch etwas Besonderes ist, unterstrich Charlotte Knobloch mit dem Verweis auf die Auszeichnung des Deutschen Architekturpreises. Architektin Rena Wandel‐Hoefer saß zur Feierstunde in einer Reihe mit der Präsidentin, ebenso wie die Präsidentin des Bayerischen Landtags, Barbara Stamm.

Torarolle Da die Synagoge nicht nur ein baulicher Besuchermagnet ist, war der Höhepunkt der Veranstaltung die Einbringung einer neuen Torarolle – »das größte Geschenk, das einer jüdischen Gemeinde dargebracht werden kann«, wie es Charlotte Knobloch formulierte. Bereits am Tag vorher hatten die Gemeindemitglieder noch Gelegenheit, sich mit einem Buchstaben in diese Tora einzubringen. Während der Feierstunde trug der frühere Rabbiner Steven Langnas die neue Schriftrolle eines anonymen Spenders in das Gotteshaus und übergab sie seinem Nachfolger, Rabbiner Arie Folger. »Unsere Synagoge ist kein Museum«, hatte Folger in seiner Ansprache betont. »Sie ist ein Ort, wo gelebt wird.« So betonte er auch die Bedeutung der Kinder in der Gemeinde. Sie sollten nicht nur bloßes Wissen vermittelt bekommen, sondern auch die Umsetzung dessen.

Auf die Bedeutung der Tora war Ber Szenker eingegangen. Er unterstrich ihren Wert gerade in der schnelllebigen Zeit von heute: Sie bleibt »die einzige Konstante, aus deren Studium Antwort und Erkenntnis fließen, die wir alle verwenden können, um in dieser neuen Welt gottnah und menschlich zu bleiben«.

Die feierliche Atmosphäre wurde immer wieder durch den Gesang des Chors der großen Synagoge Jerusalem, der auch 2006 die Eröffnung begleitet hatte, hervorgehoben. Über die tiefen Eindrücke, die der Festakt bei allen Besuchern hinterlassen hatte, konnten sich die Gäste im Anschluss bei einem Empfang im Hubert‐Burda‐Saal austauschen.

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