Köln

»Offene Türen und Herzen«

Ist gern in Köln: Rabbiner Yechiel Brukner Foto: Constantin Graf Hoensbroech

Herr Rabbiner Brukner, nach drei Jahren Vakanz hat die Synagogen‐Gemeinde Köln mit Ihnen wieder einen Rabbiner. Wie fällt Ihr Fazit nach den ersten 100 Tagen aus?
Meine Familie und ich sind hier mit offenen Türen und Herzen empfangen worden. Und das liegt nicht nur daran, dass es drei Jahre keinen Gemeinderabbiner gegeben hat. Die Kölner sind einfach so – mit viel Wärme, Lächeln und Aufrichtigkeit. Wir sind sehr froh, dass wir hier sind.

Vor Ihrem offiziellen Amtsantritt gab es eine mehrmonatige Übergangsphase. Konnten Sie schon etwas bewirken?
Ich bin dabei, mich einzuarbeiten und die Strukturen der Gemeinde gemeinsam mit den verantwortlichen Personen und Gremien zu analysieren. Die Gemeinde hat eine herausfordernde Zeit hinter sich, denn in den Jahren ohne Gemeinderabbiner wurden viele Aufgaben verteilt, um das Gemeindeleben in dieser Zeit zu gewährleisten. Und für mich besteht die Herausforderung nun darin, Verantwortlichkeiten wieder in den Bereich des Gemeinderabbiners zu integrieren. Das ist nicht immer leicht. Aber Gott sei Dank sind wir da auf einem guten Weg.

Wie sehen Sie Ihre Aufgabe?
Es geht für mich nicht um die Frage, wie viele Mitglieder die jüdische Gemeinde Köln hat, sondern darum: Wie viele kann ich erreichen, wie viele Seelen kann ich berühren? Ich möchte dazu beitragen, jüdische Identität zu stärken, in allen Altersgruppen. Meine Beobachtung ist, und das gilt nicht nur für Köln, sondern für viele Juden in Deutschland: Die jüdischen Seelen sind durstig nach Judentum. Denn Judentum in Deutschland ist kein Ideal, sondern ein Faktum. Das wahre Judentum gibt es nur in Israel. Die Teilnahme ist aber nicht für jeden möglich. Deshalb dürfen wir diese Menschen nicht alleinlassen. Sie müssen gefördert, begleitet, gestärkt werden.

Wie wollen Sie das konkret erreichen?

Die Tatsache, dass jemand jüdisch ist, muss gestärkt werden – etwa durch Traditionen, Feste, religiöse Erziehung und die Intensivierung der unterschiedlichen Lernangebote. Ich möchte spezifische Situationen wie einen Hebel nutzen, um nachhaltige Dialoge herzustellen. Sei es bei der Chanukkafeier in Chorweiler oder Porz oder bei der Eröffnung einer Ausstellung im Gemeindesaal. Oder im Gespräch mit jungen Menschen, die vor der Barmizwa stehen. Schon jetzt habe ich sehr schöne Erfahrungen dabei machen können, nur durch die ersten Gespräche und Kontakte an sich. Vielfach können Menschen ihr Judentum nicht frei ausleben aufgrund unterschiedlicher äußerer Umstände. Aber andererseits suchen sie nach Impulsen für ihre jüdische Identität. In einer so aktiven Gemeinde wie der Synagogen‐Gemeinde Köln ergeben sich auch immer Möglichkeiten zu Begegnungen und Gesprächen, und ich will diese Gelegenheiten nutzen. Auch nach 100 Tagen befinde ich mich in einem permanenten Lernprozess – über die Gemeinde, ihre Menschen und Traditionen.

Einer dieser äußeren Umstände könnte der Antisemitismus in Deutschland sein.
Ich hätte niemals in Deutschland damit gerechnet, dass hierzulande nach der Schoa überhaupt wieder antisemitische Töne möglich sind. Das hat mich schockiert. Und es ist sehr beunruhigend, mit welcher Schnelligkeit eine neue, offenkundig rechte Partei sich entwickeln kann und Zulauf findet. Hinzu kommt die Problematik mit dem eingewanderten Antisemitismus: Ich selbst bin zweimal antisemitisch angegangen worden.

Wie kann aus Ihrer Sicht gegen Antisemitismus vorgegangen werden?
Man muss viel häufiger in die Schulen gehen und über Israel und die Juden mit den jungen Menschen sprechen. Ich bin überzeugt davon, dass wir durch einen intensiven Dialog, in dem auch antisemitische Vorurteile offen angesprochen werden, viel für das gesellschaftliche Miteinander erreichen können.

Mit dem Kölner Gemeinderabbiner sprach Gräfin Ulrike von Hoensbroech.

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