Provisorium

Nicht ohne meine Orgel

Schön, aber renovierungsbedürftig: Synagoge Pestalozzistraße Foto: Mike Minehan

Die Beter der Pestalozzistraße können aufatmen. Seit Dienstag steht fest, dass sie für die Zeit der Restaurierung der Synagoge ihre Gottesdienste im Gemeindehaus Fasanenstraße abhalten können – und zwar mit ihrem gewohnten Ritus, zu dem auch eine Orgel, eine Organistin und ein gemischter Chor gehören.

»Wir freuen uns darüber, dass wir zusammen mit dem Vorstand einen Weg gefunden haben, der das Prinzip der Einheitsgemeinde wahrt und es unterschiedlichen religiösen Strömungen ermöglicht, unter dem gemeinsamen Dach des Gemeindehauses an der Fasanenstraße ihre Aktivitäten durchzuführen«, lautet die Erklärung des Synagogenvorstandes.

Eigentlich war alles bereits geplant gewesen – immerhin hatte der Synagogenvorstand von der vorherigen Gemeindechefin Lala Süsskind längst die Genehmigung erhalten, dass sie das Gemeindehaus für die 16 Monate Bauzeit als Ausweichquartier beziehen können.

Doch Ende März gab es erst einmal einen Schreck. Bei einer Begehung in der Fasanenstraße, bei der der Kultusdezernent Boris Braun, Gabbaim, Kantoren und Mitarbeiter der Bauabteilung der Jüdischen Gemeinde mit von der Partie waren, soll Braun gesagt haben, dass er erst einmal das Votum des amtierenden Gemeindevorstandes um Gideon Joffe einholen müsse.

Dieser solle entscheiden, ob die Synagoge Pestalozzistraße mit ihrer durch Chor und Orgel geprägten Liturgie im Gemeindehaus ihre Gottesdienste abhalten dürfe. Das geht aus einem Schreiben hervor, das der Synagogenvorstand daraufhin an den Gemeindevorsitzenden geschickt hat und das der Jüdischen Allgemeinen vorliegt. Fast drei Wochen lang mussten die Beter mit der Ungewissheit leben, wie es mit ihren Gottesdiensten weitergehen soll. Denn für sie stand fest, dass sie nicht auf ihren Ritus verzichtet hätten.

Liturgie Ruth Galinski ist Beterin in der Synagoge Pestalozzistraße seitdem sie in Berlin lebt. Die Witwe des ehemaligen Gemeindevorsitzenden und Zentralratspräsidenten Heinz Galinski ist über das Hin und Her verärgert: »Die Orgel und der gemischte Chor sind Bestandteile unserer Liturgie«, sagt die 90‐Jährige. Da können »orthodoxe Herren« nicht darüber bestimmen, ob die Orgel, der gemischte Chor und eine Organistin Platz in dem Ausweichquartier in der Fasanenstraße haben. »Die können in ihrer Synagoge machen, was sie möchten – und wir in unserer. Wir sind immerhin eine Einheitsgemeinde.« Für sie ist eine Einheitsgemeinde eine Institution, in der alle Richtungen des Judentums gleichberechtigt ihren Platz haben. »Jeder soll seine Freiheit haben.«

Auch der orthodoxe Rabbiner Yitshak Ehrenberg beruft sich auf die Einheitsgemeinde. Aber aus einem ganz anderen Blickwinkel. »Durch die Orgelmusik und den Klang des gemischten Chores könnten sich fromme und orthodoxe Gäste des Restaurants im Gemeindehaus gestört fühlen«, sagt der Rabbiner.

Das koschere Restaurant befand sich bis zur Schließung Ende Januar unter seiner Aufsicht. Derzeit steht es allerdings leer und müsste saniert werden. »Das Gemeindehaus gehört uns allen und sollte neutral sein, da wir eine Einheitsgemeinde sind.« Aber Ehrenberg zeigt auch Verständnis für die Beter. »Jede Synagoge hat ihren eigenen Ritus, und ich verstehe, dass die Beter nicht auf Orgel und Chor verzichten wollen.«

Vorhang »An den Hohen Feiertagen sind früher die Beter der Pestalozzistraße aus Platzgründen ins Gemeindehaus ausgewichen«, erinnert sich Ruth Galinski. Im Großen Saal, der als Mehrzweckraum geplant worden sei, gebe es hinter dem Vorhang die entsprechende Einrichtung mit Toraschrank. Seit Errichtung des Gemeindehauses Ende der 50er‐Jahre hätten dort immer wieder Gottesdienste mit Orgel und Chor stattgefunden.

Das Haus sei stets ein Treffpunkt für alle Juden Berlins gewesen, ungeachtet ihrer Ausrichtung, und es kenne seit Jahrzehnten parallele orthodoxe und liberale Sedarim, heißt es in dem Schreiben. Das Gemeindehaus stehe an der Stelle, an der vor der Schoa eine liberale Synagoge ge‐standen hatte, die von den Nazis zerstört wurde.

»Wenn wir es betreten, treten wir durch ihr aus der Zerstörung gerettetes Portal«, steht in dem Brief. Der durch Louis Lewandowski (1821–1894) geprägte Gottesdienst der Synagoge Pestalozzistraße sei eine der großen Traditionen des in der Schoa vernichteten deutschen liberalen Judentums. »Heute ist sie weltweit eine der wenigen Synagogen mit durch Lewandowski vollständig geprägtem Minhag (liturgischer Brauch)«, heißt es. Diese Tradition sei bisher von allen Vorständen der nach der Schoa wiederbegründeten Jüdischen Gemeinde zu Berlin aktiv unterstützt worden.

Schimmel Grund für den nun notwendigen Umzug: Die Synagoge Pestalozzistraße muss seit Jahren dringend saniert werden. Das Dach sei undicht, die Außenwände mittlerweile morsch, und Schimmel breite sich aus, so der ehemalige Bau‐ und Kultusdezernent Grigorij Kristal. Die Kellerwände müssen trockengelegt werden. Der In‐nenraum soll wieder in seinen ursprünglichen Zustand versetzt werden. Kostenpunkt: Mehr als eine Million Euro, so Jochen Palenker, früherer Finanzdezernent. Deshalb hatte der vorherige Vorstand einen Antrag bei der Lottostiftung gestellt.

Als vor etwa zwei Jahren die Stiftung dem zustimmte, gab es nur verhalten Freude, da die Gemeinde finanziell nicht in der Lage war, den notwendigen Eigenanteil zu leisten. Der sei ihr nun erlassen worden. Die Gemeinde unterstütze die Restaurierung mit 54.000 Euro. Eigentlich sollte auch eine neue Orgel mit in das Konzept aufgenommen werden. Der Wunsch war, dass sie prominent im Innenraum platziert werden sollte, wie es zu Louis Lewandowskis Zeiten in der Synagoge Oranienburger Straße der Fall war. Doch diese Kosten wollte die Lottostiftung nicht übernehmen, weshalb es nun bei der elektrischen Orgel bleiben wird.

Am 27. April soll der erste Gottesdienst im Gemeindehaus stattfinden – hoffen die Mitglieder des Synagogenvorstandes. Wenn etwas Ruhe eingekehrt ist, dann wollen sich die Beter einem weiteren Projekt widmen: Sie wollen 300.000 Euro zusammenbringen, um den Kidduschraum, die Küche und die Fußbodenbeläge zu sanieren.

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