Pestalozzistraße

Nicht am Rabbiner sparen

In der Kritik: Boris Braun Foto: Margrit Schmidt

Es seien fast so viele Besucher wie an den Hohen Feiertagen, sagte eine Beterin, die am Montagabend zur Versammlung in die Synagoge Pestalozzistraße gekommen war. Es gab jedoch keinen Gottesdienst, sondern es ging um die »Sicherung der Zukunft unserer Synagoge«, betonte Hans-Joachim Will vom Synagogenvorstand. Und die Zukunft bereitet Sorge. Zum einen geht es um die bisher noch nicht erfolgte Vertragsverlängerung zwischen der Jüdischen Gemeinde und Rabbiner Tuvia Ben-Chorin, zum anderen um die Kürzungen beim Etat, die hauptsächlich den Chor und somit den Ritus betreffen. Ein Langzeitproblem ist die immer noch nicht erfolgte Restaurierung der Synagoge.

Etwa 250 Beter und Vorstandsmitglieder der anderen Synagogen verfolgten die etwa dreistündige Diskussion. Kultusdezernent Boris Braun war auch eingeladen, um Fragen zu beantworten. »Man muss ihm zugutehalten, dass er gekommen ist«, sagte Gabbai Matthias Robert später. Im Mittelpunkt stand die Vertragsverlängerung des Rabbiners Tuvia Ben-Chorin, der seit Jahren in der Synagoge amtiert. Da er nur eine Zwei-Sechstel-Stelle hat, sei die Synagoge oft »wochenlang ohne Rabbiner«, sagte Gabbai Henryk Birnbach. Das sei »trist und traurig«. Die Beterschaft wünsche sich einen Rabbiner für alle Gottesdienste; es solle möglichst Ben-Chorin sein.

Votum Diesen Punkt sah Boris Braun vor wenigen Tagen in einem Interview mit dem DeutschlandRadio ganz anders. Dort sagte er, dass sich die Beter einen jungen Rabbiner wünschten, Ben-Chorin sei schon über 75. Ferner hinge ein Vertrag von der »finanziellen Lage der Gemeinde« ab. Die anwesenden Beter ließen sich das am Montagabend nicht gefallen und zeigten, dass sie Ben-Chorin behalten wollen. Einige Gemeindemitglieder traten ans Mikrofon, um ihre Meinung zu sagen. Schließlich wurde abgestimmt: Es gab ein eindeutiges Votum für den amtierenden Rabbiner.

Boris Braun sagte, dass Ben-Chorin zwar nur eine Teilzeitstelle habe, gleichwohl ein volles Gehalt beziehe. Aber als Kultusdezernent könne er sowieso nicht darüber entscheiden. Dafür sei der gesamte Gemeindevorstand zuständig. Die Frage, ob er die Vertragsverlängerung denn unterstützen würde, ließ Braun unbeantwortet. Doch stellte er klar: »Die Synagoge bleibt liberal.«

Liberal Zu den finanziellen Kürzungen wollte sich Braun ebenfalls nicht äußern. Auch der Aufforderung nach Offenlegung des Etats kam er nicht nach. Nur so viel: Es sei beim Budget aller Synagogen gestrichen worden, denn die Gemeinde müsse sparen. Ansonsten könne sie morgen keine Gehälter mehr zahlen. In der Synagoge Pestalozzistraße soll von der Kürzung hauptsächlich der Chor betroffen sein, der neben der Orgel ein wesentlicher Bestandteil des liberalen Gottesdienstes ist. »Auf die Orgel und den Chor können und wollen wir nicht verzichten«, sagt Gregor Salomon vom Synagogenvorstand. Das gehöre zum traditionellen Ritus. Er befürchte, dass man die liberale Strömung aushungern lasse.

Übereinstimmung gab es nur bei der Frage der Sanierung des Gotteshauses. Seit Jahren wird sie geplant und zwar mithilfe von Geldern der Stiftung Deutsche Klassenlotterie. Seit Langem sind die Zuwendungen, die sich auf über eine Million Euro belaufen, bewilligt. Zusätzlich hatte André Lossin, ehemaliger Geschäftsführer der Gemeinde, noch einen Antrag über 100.000 Euro beim Denkmalschutzamt gestellt – der bisher nicht beantwortet sei. Braun versprach, dieses Geld, sobald es da sei, weiterzuleiten. Derzeit plant der Synagogenvorstand, nach Pessach in das Gemeindehaus Fasanenstraße umzuziehen. Dann könne die Restaurierung beginnen.

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