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Neues Gedenken

Ausstellung im Polizeipräsidium: »Ein Herz reist durch Berlin – es gibt Liebe, warum hasst Du?« Foto: Gregor Zielke

Lesung, Kranzniederlegung, Konzert, Sternmarsch, Kolloquien: Berlin erinnerte an die Pogromnacht vom 9. November 1938. Am Montag eröffnete die Vorsitzende der Gemeinde, Lala Süßkind, und die amtierende Polizeipräsidentin Margarete Koppers im Polizeipräsidium am Platz der Luftbrücke die Ausstellung »Ein Herz reist durch Berlin – es gibt Liebe, warum hasst Du?« zu Ehren des ehemaligen Leiter des Polizeireviers 16 im Bezirk Mitte. Der Polizeioberleutnant Wilhelm Krützfeld hatte 1938 die Zerstörung der Synagoge in der Oranienburger Straße verhindert.

Am Mittwoch fand die offizielle Gedenkfeier der Gemeinde in der Fasanenstraße statt. An verschiedenen Gedenkveranstaltungen nehmen noch Zeitzeugen teil. Doch von Mal zu Mal werden es weniger. Allein in diesem Jahr verstarben unter anderen Isaak Behar sel. A. und Motty Weinreb sel. A.. Die Jüdische Allgemeine hat prominente Gemeindemitglieder gefragt, wie sie sich künftig Gedenkveranstaltung ohne Zeitzeugen vorstellen.

Michael Joachim, Vorsitzender der Repräsentantenversammlung:
Solange es Zeitzeugen gibt, die glaubhafte Darstellungen abgeben können, hinterlässt das Eindruck bei allen und speziell bei jüngeren Menschen. Es ist zwar sehr glaubwürdig, wenn Menschen das Erlebte erzählen. Aber auch ohne sie fühlen sich meiner Erfahrung nach junge Menschen angesprochen. Es ist wichtig, dass auch von bezirklicher Seite an diese Zeit und an die Opfer erinnert wird, schließlich waren die Juden die Leidtragenden.

Inge Marcus, 89 Jahre, Gemeindeälteste:
Die Gedenkveranstaltungen sind auch ohne Zeitzeugen möglich – obwohl sie die Ereignisse auf eine eindringliche Art und Weise nahebringen. Ich habe die Gedenkveranstaltungen in unserem Gemeindehaus als würdevoll und feierlich in Erinnerung. Ich war einige Male als Zeitzeugin in der Schule und redete mit den Schülern. Manchmal kamen auch Journalisten und Buchautoren zu mir nach Hause, um aufzuschreiben, was ich erlebt hatte, denn am Morgen nach der Pogromnacht kam ein Lehrer zu mir, entschuldigte sich und teilte mir mit, dass ich nicht mehr weiter zur Schule kommen könne. Am selben Tag noch wurde mein Vater abgeholt und nach Sachsenhausen deportiert.

Rabbiner Andreas Nachama, Direktor der Stiftung Topographie des Terrors:
Bei den Gedenkveranstaltungen von unserer Synagogengemeinschaft Sukkat Schalom ist das schon der Fall. Bei uns werden Dokumente wie beispielsweise Tagebucheintragungen und Briefe vorgelesen. Aber es muss in jedem Falle authentisch zugehen. Man kann auch die Gedenkveranstaltungen an authentischen Orten stattfinden lassen wie beispielsweise an der Stelle, wo früher eine Synagoge brannte. Die jüdischen Gemeinden sollten sich darauf verständigen, wie Gedenkveranstaltungen aussehen sollen. Ich fände es gut, wenn es einen Rahmen geben würde und damit eine bestimmte Liturgie geschaffen wird. Das gilt auch für nichtjüdische Organisatoren wie Jugendgruppen oder Bezirksämter.

Jael Botsch‐Fitterling, pensionierte Studiendirektorin:
Der 9. November ist der Gedenktag der Juden. Es ist in Deutschland auch wegen der Öffnung der Mauer ein wichtiges Datum – aber das Gedenken der Juden darf nicht dahinter verschwinden. In der Gesellschaft für Christlich‐Jüdische Zusammenarbeit habe ich mich dafür eingesetzt, dass es keine eigene Veranstaltung gibt, sondern dass in dem Rundbrief an den Tag erinnert wird, damit man nicht untereinander mit Veranstaltungen konkurriert. Niemals dürfen die Organisatoren von Zeitzeugen abhängig sein. Dokumente zeigen das ganze Umfeld der damaligen Zeit objektiv auf, die Zeitzeugen sind subjektive Einzelschicksale, die den Zuhörer ergreifen. Aber die Objektivität ist wichtig. Für die Schulen würde ich es begrüßen, wenn es einen Koffer mit Arbeitsmaterialien geben würde. In dem sollen die entsprechenden Unterlagen, Filme, Bücher und Ähnliches drin sein. Vielleicht könnte es auch mal einen Ideen‐Wettbewerb zu diesem Thema – Gedenken in der Schule – geben.

Hermann Simon, Direktor Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum:
Das ist doch der Lauf der Welt: Eine Generation geht und eine neue kommt. Ich habe keine Patentrezepte zur Hand, schlage aber Folgendes vor. Erstens sollte das Nachdenken, wie wir uns 2012 oder auch und vor allem 2013 an die Tage des Novembers 1938 erinnern, nicht kurz vor dem 9. November beginnen, sondern unmittelbar danach. Zweitens: Nachdenken sollten nicht wir allein, sondern gemeinsam mit Vertretern der nächsten Generation. Und noch gibt es ja Menschen, die die Zeit der Verfolgung überlebt haben. Sie sollten von den Jungen befragt werden, wie sie sich würdiges Gedenken wünschen. Und das so schnell wie möglich.

Lala Süsskind, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde:
In den Cafés der Stadt sitzen noch jede Menge Zeitzeugen, denn jeder Mensch, der den Krieg erlebt hat, ist ein Zeitzeuge. Man muss sie nicht immer nur in der Jüdischen Gemeinde suchen. Glücklicherweise hat die Shoah Foundation von Spielberg eine große Zahl von Zeitzeugengespräche gefilmt, die nun auch in einem Archiv der Freien Universität in Dahlem zugänglich sind. Dort können sie auch in Zukunft jederzeit abgerufen werden. Man sollte sich aber vor allem auch außerhalb der Gedenktage mit den schrecklichen Ereignissen des Dritten Reiches beschäftigen. Weitere Möglichkeiten sehe ich in regionalen Geschichtswerkstätten, Gedenkstättenfahrten und der Verlegung von Stolpersteinen. Diesen Projekten ist gemeinsam, dass sie eine persönliche Beschäftigung mit dem Thema verlangen, und das ist es, was in der Zukunft immer wichtiger werden wird.

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