Berlin

Nach Räumen getrennt

Gottesdienst von Sukkat Schalom Foto: Xpress / Rolf Walter

Jeden Freitag ist es der gleiche Ablauf: Manfred Friedländer richtet die Betstube her, kümmert sich um den Kidduschwein und um die Kerzen. Feierlich sieht der Raum aus. Eine Menora steht auf dem Tisch, Samtvorhänge liegen aus. Die Torarolle ist noch in einem schmucklosen Büroschrank untergebracht.

Es ist 18 Uhr. Die Beter der ehemaligen Synagoge Herbartstraße feiern ihren Gottesdienst im Mehrzweckraum des Seniorenzentrums des Jeannette-Wolff-Heims an der Dernburgstraße. Danach treffen sich Beter und Heimbewohner im Speisesaal zum Kiddusch. Anschließend geht Manfred Friedländer wieder in den Mehrzweckraum, verstaut alles in den Schränken, stellt die Stühle zurück. Es ist 19.30 Uhr, ein paar Meter weiter beginnt der Gottesdienst der Betergemeinschaft Sukkat Schalom in der Synagoge Herbartstraße.

Ritus »Einerseits bin ich zufrieden«, sagt der 79-jährige Friedländer, der früher Gabbai in der Synagoge Pestalozzistraße war und seit einigen Monaten im Seniorenzentrum lebt. Andererseits sei er »stinksauer«. Im August fand der letzte Gottesdienst nach liberalem Ritus in der Synagoge Herbartstraße statt, die für die Bewohner des Seniorenzentrums vor Jahrzehnten gebaut und eröffnet worden war. Vor mehreren Wochen wurde das Gotteshaus geräumt.

Zur Begründung sagt Gemeindesprecher Ilan Kiesling, dass es zu wenige Beter gebe und man sich eine neue Belebung durch die Synagogengemeinde Sukkat Schalom erhoffe. Diese ist mittlerweile in die Räume der Herbartstraße eingezogen und feiert dort ihren reform-egalitären Gottesdienst.

Dass es nun für die Beter mit dem liberalen Ritus nur noch einen Betraum gibt – damit hat sich Manfred Friedländer abgefunden. Unter der Woche ist dieser Ort ein Klubraum, in man Fernsehen schaut und Karten spielt. Mit den anfangs verärgerten Kartenspielern, die befürchteten, dass sie dort nicht mehr sitzen könnten, hat er sich geeinigt.

Atmosphäre Dennoch ist Friedländer nicht zufrieden: »Ich möchte, dass wir offiziell anerkannt werden«, sagt er. Es kämen mehr Beter als früher zu den Gottesdiensten, betont Friedländer. Vor allem Männer sind inzwischen wieder zahlreicher vertreten. »Viele Bewohner hatten wahrscheinlich nicht mehr die Kraft, in die Herbartstraße zu gehen«, vermutet er. Garry Wolff, früherer Heimleiter und bis zur Schließung Gabbai der Synagoge, hat sich zurückgezogen. »Ich sehe mich außerstande, die den Senioren zustehende synagogale Atmosphäre zu ermöglichen«, sagt er. Zum Seniorenzentrum gehört seiner Meinung nach ein eigener Betraum.

»Sukkat Schalom und wir sind keine Konkurrenten«, betont Friedländer. Während er den Multifunktionsraum aufräumt, amtiert Rabbiner Andreas Nachama beim Gottesdienst in der reform-egalitären Synagoge. Etwa 50 Beter sind in die Herbartstraße gekommen. »Die Garagensynagoge ist nun Vergangenheit«, sagt Benno Simoni vom Vorstand der Synagogengemeinde.

Erstmals könnten sie Gottesdienste in würdevoller und angemessener Umgebung abhalten. Die lange Suche nach einem neuen Domizil hat vorübergehend ein Ende. Und sie haben nun auf die Räume immer Zugriff und müssen sich diese nicht mehr mit anderen Vereinen teilen – was vorher jahrelang der Fall war.

Kiddusch Rund 12.000 Euro hat die Gemeinschaft in die Renovierung gesteckt, die Jüdische Gemeinde zu Berlin habe die Kosten für die Grundsanierung übernommen. Die Stuhlreihen sind geblieben, aber es gibt einen neuen Teppich, die Wände sind gestrichen. Dort, wo vorher die Frauen gesessen haben, stehen nun Tische für den Kiddusch. Ihren Toraschrank haben sie mitgenommen.

»Der neue Standort ist gut angenommen worden, besser als erwartet«, sagt Simoni. Außerdem kämen auch Bewohner vom Seniorenzentrum zu den Reform-Gottesdiensten, die sich sehr freuen würden, dass sie nun zusammen mit ihren Partnern sitzen können. Schon jetzt sei offensichtlich, dass der Platz in Zukunft nicht ausreichen wird, meint Simoni. »Obwohl wir zufrieden sind, sind wir trotzdem traurig, dass wir unser Domizil nun nicht mehr in Zehlendorf haben.« Simoni hofft, dass sie eines Tages zurückkehren können, um dort die Moses-Mendelssohn-Synagoge aufzubauen.

Gespräch

Bedrohung und Staatsversagen

Der zweite »Jüdische Salon« des Zentralrats der Juden widmet sich Ronen Steinke und seinem neuen Buch

 02.07.2020

Würzburg

Gepäckstücke erinnern

Auf dem Bahnhofsvorplatz wurde der »DenkOrt Deportationen 1941–1944« eingeweiht

von Stefan W. Römmelt  18.06.2020

Gemeinden

Aktiv und engagiert

Die Zentralwohlfahrtsstelle veröffentlicht ihre Statistik für 2019 – die Zahlen geben wichtige Hinweise

von Heide Sobotka  18.06.2020

Nachruf

Zeitzeuge, Wissenschaftler, Gabbai

Der Medizinhistoriker Gerhard Baader starb im Alter von 91 Jahren in Berlin

von Christine Schmitt  16.06.2020

Hannover

Tausende spenden für Familie

Im Internet wird für Witwe und Kinder von Rabbiner Wolff sel. A. gesammelt – über eine Million Euro sind schon eingegangen

von Michael Thaidigsmann  30.04.2020 Aktualisiert

Jahrestag

In kleinem Rahmen

Zum 75. Jubiläum sollte es große Feiern geben, doch wegen Corona wurde es ein stilles Gedenken

von Eugen El  23.04.2020

Fraenkelufer

Mufleta mit Schwarzwälder Kirsch

Zum Mimounafest treffen sich die Beter virtuell statt in der Synagoge – und backen zusammen

von Ralf Balke  23.04.2020

München

Alle Hände voll zu tun

Steven Guttmann tritt sein Amt als IKG-Geschäftsführer in schwieriger Zeit an. Ein Porträt

von Helmut Reister  23.04.2020

Dortmund

Jüdische Grundschule geplant

Stadtverwaltung hat Projekt bereits gebilligt – schon kommendes Jahr könnte Einrichtung für 180 Kinder öffnen

von Michael Thaidigsmann  22.04.2020