Kantstrasse

Mittelpunkt jüdischen Lebens

Kino in der Kantstraße Foto: AKG Images

Wer schon einmal die rund zwei Kilometer lange Kantstraße zwischen Breitscheidplatz und Suarezstraße im Berliner Stadtteil Charlottenburg entlanggeschlendert ist, der weiß: Hier gibt es eigentlich alles. Egal ob chinesische Restaurants, italienische Möbelboutiquen oder japanische Bonsaigärten-Geschäfte: In der Kantstraße wird man in jedem Fall fündig.

Nicht umsonst gilt die nach dem Philosophen Immanuel Kant benannte Verkehrsachse gemeinhin als die internationalste Straße Berlins. »Ich habe die Kantstraße lange Zeit nur als gesichtslose Hauptverkehrsstraße wahrgenommen und bin unbewusst durchgeflitzt. Ich wollte einmal genauer hinter die Kulissen schauen und die Geschichte dieser Straße erkunden«, sagt Birgit Jochens, Historikerin und langjährige Leiterin des Museums Charlottenburg-Wilmersdorf.

City West Seit Langem schon interessiert sich Jochens für die Geschichte ihres Bezirks. Vor Kurzem hat sie ihr neues Buch mit dem Titel Die Kantstraße. Vom preußischen Charlottenburg zur Berliner City West veröffentlicht. Die Autorin beschreibt in ihrem Buch die bewegte sozioökonomische Entwicklung der in den 1890er-Jahren bebauten Straße und der unmittelbar angrenzenden Kieze bis in die Gegenwart.

Die Kantstraße als bevorzugte Wohngegend des Charlottenburger Bürgertums, als Eldorado für Musiker und Künstler, als Anziehungspunkt für Migranten aus China und Russland, als Interessensobjekt von Stadtentwicklern und Investoren: Äußerst lebhaft zeichnet die Historikerin Jochens das Porträt einer großen Westberliner Straße im Wandel der Zeit.

Ein Kapitel widmet sich speziell dem jüdischen Leben in der Kantstraße. Mitte Juni stellte Jochens im Gemeindehaus in der Fasanenstraße ihr Buch vor und wandelte gemeinsam mit Interessierten auf den Spuren des jüdischen Lebens in der Kantstraße. »Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Charlottenburg ein Zentrum jüdischen Lebens in Berlin. Der jüdische Anteil an der Bevölkerung lag bei rund 18 Prozent und war damit deutlich höher als in anderen Stadtvierteln«, sagte Jochens.

KuDamm Die Historikerin erklärte, dass die Kantstraße zusammen mit dem parallel verlaufenden Kurfürstendamm der Mittelpunkt jüdischen Lebens im Kiez war. Viele der dort lebenden jüdischen Familien gehörten zum Bürgertum und waren schon seit Generationen im Viertel verwurzelt. Namhafte Künstler wie Else Ury lebten in der Nachbarschaft.

In den 20er-Jahren kamen jüdische Neueinwanderer aus Osteuropa hinzu, die vor den antisemitischen Pogromen in ihrer Heimat nach Berlin geflüchtet waren. Mit den Synagogen in der Kant-, Fasanen- und Pestalozzistraße und den koscheren Lebensmittelgeschäften hatte sich die Gemeinde eine gut organisierte Infrastruktur geschaffen.

Viele jüdische Organisationen hatten ihren Sitz im Bezirk. In der Bleibtreustraße Nummer 50 hatte der zionistisch ausgerichtete Verein »Kartell jüdischer Verbindungen«, der junge Leute auf ein Leben in Eretz Israel vorbereiten wollte, Räume gemietet.

In der Knesebeckstraße 24 befand sich die Freie Jüdische Volkshochschule. In der Zeit des Nationalsozialismus gewann das Haus in der Kantstraße 158 für die jüdische Bevölkerung an negativer Bedeutung. Dort befand sich bis 1943 der Sitz der »Reichsvereinigung der Juden in Deutschland«, in der die Nationalsozialisten zwangsweise alle jüdischen Organisationen eingegliedert hatten.

Stolpersteine Das Gebäude wurde während des Kriegs zerstört. Heute steht an der Adresse ein funktionaler Kaufhausbau. Von den über 50 jüdischen Handelsgeschäften, die es vor dem Machtantritt der Nationalsozialisten in der und um die Kantstraße gab, existierte am Ende des Kriegs keines mehr. 220 jüdische Anwohner der Kantstraße, die von ihren Wohnungen aus in die Vernichtungslager im Osten deportiert wurden, sind heute namentlich bekannt. Für einige von ihnen wurden Stolpersteine verlegt.

Birgit Jochens hat darüber hinaus Einzelschicksale recherchiert. So zum Beispiel das Schicksal der jüdischen Frauenärztin Käthe Schipan. Sie war eine der ersten Ärztinnen überhaupt in Berlin und hatte ihre Praxis in der Kantstraße 33. Als überzeugte Sozialdemokratin hatte sie es sich zur Aufgabe gemacht, einkommensschwachen Frauen und Prostituierten im Kiez kostengünstige medizinische Versorgung zukommen zu lassen. Dank Jochens Buch wird ihre Geschichte nicht in Vergessenheit geraten.

Birgit Jochens: »Die Kantstraße. Vom preußischen Charlottenburg zur Berliner CITY WEST«, Verlag für Berlin-Brandenburg 2017, 168 S., 26 €

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