Porträt der Woche

Mit Gespür für das Fragile

»Einen Eindruck von einem lebendigen, kulturreichen Judentum zu vermitteln, ist für mich wichtig«: Liliana Ruth Feierstein lebt in Berlin. Foto: Stephan Pramme

Ich bin kein gläubiger Mensch, aber für mich war das Judentum immer ein Refugium. Während meiner Kindheit und Jugend in Buenos Aires herrschte in Argentinien die Militärdiktatur. Da meine Eltern Sozialisten sind, ging ich nicht auf eine jüdische Schule, sondern wie alle anderen Kinder auf eine staatliche. Und das war in dieser Zeit schrecklich: Unser Schuldirektor war vorher Gefängniswärter.OK

Lediglich am Samstag besuchte ich die jüdische Schule unserer Jekke‐Gemeinde, also einer deutschsprachigen jüdischen Gemeinde. Unser alter Rabbiner, Hans Harf, kam aus Mönchengladbach. Das Gemeindehaus war 1936 oder ’37 gebaut worden und hatte sichere Kellerräume – ein deutscher Import, denn Keller gab es in Lateinamerika eigentlich nicht. Die Aktivitäten für uns Kinder fanden dort statt. Und hier waren Dinge sagbar, die nirgendwo sonst in Argentinien möglich gewesen wären.

Als ich neun Jahre alt war, kam ein Freund, der von seinem Onkel in den USA erzählte: Dort könne man sich vors Weiße Haus stellen und ungestraft sagen: »Ich mag den Präsidenten nicht.« Wir Kinder waren alle erstaunt! Mit zwölf Jahren bekamen wir in diesem Keller Sexualaufklärung – während der katholisch geprägten Diktatur vollkommen unvorstellbar. Und deswegen war dieser Keller in der jüdischen Gemeinde für mich ein Ort der Freiheit.

Aus meiner Sicht wird in Deutschland das Jüdischsein nie normal sein.

Jener Teil meiner Biografie, die Erfahrung der Fragilität, hat sicherlich dazu beigetragen, dass ich viel zu Gewalt und Diktaturen arbeite. Ich habe Philosophie und Literaturwissenschaft studiert und in Mexiko vor allem zu Indio‐Minderheiten geforscht. Mit einem lateinamerikanischen Thema kam ich 2000 über ein DAAD‐Stipendium nach Deutschland. Im Studium der Philosophie ist die deutsche Sprache sehr wichtig, und dennoch war das kein leichter Schritt – und für meine Eltern ein kleiner Schock. Es hat Jahre gebraucht, bis sie mich hier besucht haben.

GEMEINDE Sie sind in Argentinien geboren, aber ich stamme aus einer polnisch‐jüdischen Familie, meine Großeltern ha­ben noch Jiddisch gesprochen. Mein Vater arbeitete sehr lange in der jüdischen Gemeinde von Buenos Aires und hat den jüdischen Verlag Milá mitgegründet.

Wenn ich ihn dort mit deutschen Freunden besucht habe, habe ich fast automatisch im Eingang der Gemeinde ins Englische gewechselt, obwohl mein Deutsch viel besser war. Aber ich habe gespürt, dass ich das in diesen Räumen zumindest damals nicht sprechen konnte.

Die jüdische Gemeinschaft in Argentinien ist sehr groß und vielfältig. Viele der Juden dort verstehen sich als Kulturjuden. Das heißt nicht, dass man keinen Kontakt zur Tradition hat, aber das Selbstverständnis ist ein anderes: Man versteht sich als zutiefst jüdisch, aber eben nicht religiös. Es gibt zahlreiche jüdische Klubs, Lesekreise, Theater. Hier in Deutschland ist das anders, die Gemeinden sind eng mit Synagogen verknüpft.

Wahrscheinlich geht es mir so, wie es jeder aus Buenos Aires oder New York empfinden würde: Man kommt aus einer Stadt, in der das Jüdischsein ganz normal und selbstverständlich ist. In Deutschland wird das nie normal sein. Hier ist man erst einmal mit der Schwere der Geschichte und einer Art Exotismus konfrontiert: Viele meiner Kollegen an der Universität kannten vor mir kaum jemanden oder niemanden, der jüdisch war. Denn es gibt – oder gab, als ich 2000 kam – nicht viele Juden. So fühlt man sich seltsam allein.

BERUF Ich weiß zum Beispiel nicht, ob ich hier an der Humboldt‐Universität, wo ich Professorin der Kulturwissenschaft bin, noch andere jüdische Kollegen habe. Natürlich habe ich auch darüber nachgedacht, zurückzugehen, aber ich fühle mich zum Beispiel als Frau in Deutschland sehr wohl, da ist die Kultur in Lateinamerika ganz anders.

Die meisten meiner Studenten kommen aus deutschen Schulen, in denen man nur über Vernichtung spricht. Dass es auch Überlebende gab, wissen viele nicht, was mich immer wieder erstaunt. Doch in den Schulbüchern endet die Geschichte 1945, und irgendwann kommt dann Israel.

Einen Eindruck von einem lebendigen, kulturreichen Judentum zu vermitteln, ist für mich wichtig, und ich mache dabei sehr schöne Erfahrungen mit meinen Studenten.

Dass ich einmal zum Thema Judentum arbeiten und unterrichten würde, war nicht vorgezeichnet. Das Thema meines DAAD‐Stipendiums war, wie gesagt, ein ganz anderes. Den Background der jüdischen Philosophie hatte ich schon immer, aber ich habe ihn eher mitgedacht. Dass das Judentum wirklich ein Objekt meiner Forschung wird, ist erst in Deutschland passiert. Ich war gleichermaßen entsetzt und fasziniert vom Reichtum des jüdischen Denkens vor 1933.

COHEN Natürlich hatte ich Autoren wie Mendelssohn, Cohen oder Rosenzweig schon gelesen, aber ich glaube, dass ich sie in Lateinamerika nicht wirklich in ihrer Tiefe verstanden habe. Auch die Zerstörungen der Schoa waren mir als argentinische Jüdin klar, doch erst hier in Deutschland ist mir wirklich bewusst geworden, was die deutschsprachigen Juden geschaffen hatten und was vernichtet wurde. Plötzlich hatte ich das Bedürfnis, das als Erbe anzunehmen.

Ich denke etwa an Hermann Cohen, einen fast vergessenen Philosophen, der einer der besten Neu‐Kantianer war. Eine Kollegin hat mir geholfen, ihn auf Deutsch zu verstehen – eine Herausforderung und für mich ein Schock, dass so ein großartiger Autor nicht nur für das jüdische Denken, sondern auch für die Geschichte der Philosophie einfach verschwunden war. Zugleich begegnete ich hier einer großen Neugier meiner jüdischen Freunde und Kollegen, die fragten, wie es in Argentinien sei. Für viele war neu, dass wir in Buenos Aires eine der größten jüdischen Gemeinden weltweit haben – mit einer regen Geschichte und einer sehr lebendigen Kultur. So kam ich zum Thema Judentum in Lateinamerika.

Da meine Eltern Sozialisten sind, war es für uns in der argentinischen Diktatur noch gefährlicher.

Das ist auch eines meiner derzeitigen Forschungsprojekte: das Kulturerbe deutschsprachiger Juden in Lateinamerika – bislang eine große Forschungslücke. Was man über die Geschichte der Juden in Lateinamerika weiß, wird hauptsächlich über berühmte Namen wie Stefan Zweig oder Anna Seghers transportiert. Über die ganz alltäglichen Menschen gibt es indes nichts. Das will ich ändern.

PANTOMIME Auch Selma Stern, die Namensgeberin des Zentrums für Jüdische Studien, dessen Sprecherin ich seit Kurzem bin, hat mit ihrer wissenschaftlichen Arbeit Lücken geschlossen. Ich kann mir vorstellen, dass sich das Bedürfnis dazu für sie und ihre Kolleginnen aus der Erfahrung der fragilen Existenz als Jüdin erklärt.

Ebenjene Fragilität ist mir aufgrund meiner Biografie bekannt, obschon das natürlich eine andere Situation war. Aber die Sensibilität für das Leise und für die Rechte von Minderheiten ergibt sich für mich aus meiner jüdischen Erfahrung und Tradition.

Dabei war meine akademische Laufbahn gar nicht so geplant. Ich habe immer auch außerhalb der Hochschule gearbeitet, etwa für das American Jewish Committee, in verschiedenen jüdischen Gemeinden und für den Landesverband der Sinti und Roma in Baden‐Württemberg. Das war mir wichtig, denn ich hätte nie gedacht, dass ich an der Universität bleibe.

Als ich noch jung war, habe ich Pantomime gemacht und wollte eigentlich bei dem berühmten Marcel Marceau in Paris lernen – auch er eine interessante jüdische Figur. Doch meine Eltern wollten mich nicht so weit weg ziehen lassen. Marceau kam zur Pantomime, weil er Kinder vor den Nationalsozialisten versteckte und in die Schweiz schmuggelte. Er hatte so viel Angst, dass er lernen musste, seinen Körper zu trainieren – bis in die kleinsten Gesten.

Wieder eine fragile jüdische Erfahrung, die ich verstehe: Da meine Eltern Sozialisten sind, war es für uns in der argentinischen Diktatur noch einmal gefährlicher; wir lernten, diese ganz leisen Gesten zu spüren, aus der Stimme oder selbst einem Ton sehr sensibel Dinge herauszulesen – eine Art zu fühlen, um zu denken.

TRAUM Neben der Pantomime war ich immer an der Musik interessiert, und ich habe vor Kurzem angefangen, Geige zu lernen. Bei diesem Instrument sind die Noten nicht markiert, man muss sie wirklich finden – und genau zuhören, sonst greift man daneben. Insofern bedeutet auch die Geige für mich eine sehr filigrane Arbeit – und einen alten Traum, der sich jetzt für mich verwirklicht.

Aufgezeichnet von Alice Lanzke

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