Kino

Mit Gefühl

Szene aus dem Film Five Hours from Paris Foto: verleih

Für eine Woche – vom 18. bis zum 24. Januar – wurde das Jüdische Gemeindezentrum zum Treffpunkt für Filmfreunde: Die IKG hatte in Kooperation mit dem Jewish Film Festival Berlin & Potsdam zu den Jüdischen Filmtagen geladen. Die Auswahl der gezeigten Filme zog viele Münchner an, die sich für Thematik und Schauspieler interessierten und die die Gelegenheit wahrnehmen wollten, selten gezeigte Filme zu sehen. Das Spektrum umfasste Spiel‐ und Dokumentarfilme.

Gleich am ersten Abend begrüßte Nicola Galliner, die Leiterin des Jewish Filmfestivals, die Gäste zu dem Episodenfilm Room and a Half über das Leben des Literatur‐Nobelpreisträgers Joseph Brodsky. Die Leiterin des IKG‐Kulturzentrums, Ellen Presser, die die Filmtage organisiert hatte, führte in das Spielfilm‐Debüt von Andy Khrzhanovsky ein.

Nicht nur die russischsprachigen Zuschauer waren von den Bildern aus St. Petersburg begeistert. Weiter ging es mit einer völlig anderen Thematik: Ahead of Time von Regisseur Robert Richman (USA/Israel 2009) rief mit der heute 97‐jährigen Ruth Gruber die Zeit ab 1932 in Deutschland ebenso in Erinnerung wie jüdische Schicksale nach der Befreiung, die Nürnberger Prozesse und die Gründung des Staates Israel.

Das Porträt der amerikanischen Journalistin und Autorin, die Anfang der 30er‐Jahre in Köln studierte und anschließend promovierte, wurde durch Archivaufnahmen besonders lebendig. Um eine Dokumentation ganz eigener Art ging es am letzten der vier Abende: Mit A Film Unfinished. Geheimsache Ghettofilm der israelischen Regisseurin Yael Hersonski wurden die psychischen Kräfte der Zuschauer auf besondere Weise strapaziert.

Berichte oder Aufnahmen aus der Zeit der Schoa, die Nürnberger Prozesse, all die niederschmetternden Wahrheiten wurden noch getoppt durch die Perfidie der Nationalsozialisten, die das gezeigte Material für einen Propagandafilm aufgenommen hatten.

Rohschnitt Ellen Presser wusste wohl, was sie ihren Gästen zumutete, als sie eingangs sagte, wenn jemand den Saal während der Vorführung verlasse, habe sie Verständnis dafür. Andrea Löw vom Institut für Zeitgeschichte führte in den historischen Kontext ein. Das Filmmaterial war als Rohschnitt Mitte der 50er‐Jahre in einem Archiv mit Filmdosen aus der Nazizeit entdeckt worden.

Er verband authentische Momentaufnahmen mit gestellten Szenen. Das beweisen eine Spule mit nicht verwendetem Verschnitt ebenso wie die Auszüge aus Tagebüchern von Überlebenden des Warschauer Ghettos. In dem Dokumentarfilm (Israel 2009) wird beides zusammengeführt. Ein Eindruck, der blieb: Den Menschen, die für die gestellten Szenen missbraucht wurden, wurde ihre Würde erneut genommen. Eine Überlebende entlarvt die Lügen als Zeugin im Film: »Blumen – wenn es sie gegeben hätte, hätten wir sie aufgegessen.«

Die dritte Präsentation der Filmtage Five Hours from Paris signalisierte nichts anderes als Freude an einer humorvollen und zugleich melancholischen Geschichte. Leonid Prudovsky inszenierte die Komödie (Israel 2009), die durch ihren Charme und einen zarten Rhythmus besticht. Diesmal ein unbelastender, szenenweise vielleicht ein wenig traurig stimmender Film: »In dem Streifen geht es vor allem um eines: um Liebe. Es geht um Musik. Es geht um Hoffnung und Verzweiflung, um Träume und Trauer.

Doch um eines geht es eigentlich nicht: um Politik«, führte die IKG‐Präsidentin Charlotte Knobloch aus. Und sie kam von der Geschichte zur Realität: »Im Frühsommer 2010 kamen Regisseur Leonid Prudovsky und sein Werk Five Hours from Paris unschuldig unter die Räder fantasie‐ und gnadenloser politischer Mechanismen. Der Überraschungserfolg beim internationalen Filmfest in Toronto und der beste israelische Spielfilm des Haifa International Film Festival sollte im Filmsommer 2010 in Frankreich gezeigt werden. Doch er wurde nie aufgeführt, sondern fiel im Juni dem französischen Israel‐Boykott zum Opfer.«

Momentaufnahme Der Film ist für Charlotte Knobloch in ganz besonderer Weise eine Botschaft: »Wir haben diese leicht melancholische Liebesgeschichte ganz bewusst in unser Programm aufgenommen, weil dem Film just, da es darauf ankam, die Stimme geraubt wurde.

Five Hours from Paris zeigt ein anderes Israel als jenes, das Sie aus den Medien kennen. Es ist eine private Geschichte. Ein stiller Film, sehr bedacht, sehr persönlich. Er erzählt von Menschen, von Gefühlen, von Liebe und all den schönen und nicht so schönen Emotionen, die unser Leben ausmachen. Und in dem Moment, da wir uns darauf besinnen, dass wir es mit Menschen zu tun haben – auf beiden Seiten – dann haben wir den Grad an Empathie erreicht, den wir brauchen, um den Konflikt im Nahen Osten ein kleines Stückchen mehr verstehen zu können.«

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