»Köfte Kosher«

Die Menschen nicht vergessen

Die Ägypterin Marwa El-Sherbini war 2009 in Dresden aus Rassenhass erstochen worden. Foto: Till Schmidt

Kein Vergessen – in Bremen ist der »Köfte Kosher«-Erinnerungspavillon wiedereingeweiht worden. 2012 hatten sich im Rahmen des Projektes muslimische und jüdische Jugendliche mit Diskriminierung, rechter Gewalt und Zivilcourage auseinandergesetzt. Ein Ergebnis war die gemeinsame Gestaltung eines Erinnerungsortes im Bremer Stadtzentrum.

Auf den Steinpavillon sprühten die Jugendlichen die Porträts von zwölf Personen, die in den vergangenen 20 Jahren in Deutschland ermordet worden waren: getötet wegen ihrer Religion, ihrer Hautfarbe, ihrer sexuellen Orientierung, einer Behinderung oder weil sie obdachlos waren.

GEDENKEN Als Teil der »Köfte Kosher«-Neuauflage wurde der weitgehend verwahrloste Pavillon umgestaltet und der Platz an der Humboldtstraße in »Marwa-El-Sherbini-Platz« umbenannt. Die 1977 in Alexandria geborene El-Sherbini hatte einige Zeit in Bremen gelebt – und war 2009 im Landgericht Dresden aus rassistischen Motiven erstochen worden. Eines der Porträts am Pavillon zeigt die ägyptische Handballspielerin und Pharmazeutin.

Durch spezielles, versiegeltes Acrylglas ist der Pavillon vor Graffiti geschützt. Außerdem hat der Gedenkort eine digitale Dimension erhalten: Über QR-Codes können Interessierte Informationen zu den Opfern rechter Gewalt auf ihren Smartphones abrufen und mit vor Ort ausleihbaren 3D-Brillen sowohl die jeweiligen Tatorte als auch anschließend kurze digitale Kunstwerke zu einzelnen Biografien ansehen.

»Es ist wichtig, Verantwortung
für Mitmenschen zu übernehmen.«
Elianna Renner

18 Schülerinnen und Schüler der berufsorientierenden Wilhelm-Wagenfeld-Schule hatten an der Umgestaltung des Gedenkpavillons mitgewirkt. Über mehrere Monate hinweg recherchierten die Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu den Biografien der zwölf Opfer rechter Gewalt und entwarfen anschließend künstlerische Arbeiten zum Gedenken an sie.

»Platzbenennungen und Gedenkorte sind ein Zeichen dafür, was uns gesellschaftlich wichtig ist«, sagt Daniel de Olano. Der stellvertretende Sprecher des Beirats Östliche Vorstadt hatte sich seit Jahren für eine Umbenennung des Platzes eingesetzt. »Mit der anstehenden Restaurierung des Erinnerungspavillons bot sich nun die Gelegenheit, einen neuen Anlauf zu unternehmen«, sagte der SPD-Politiker. Alle Beiratsfraktionen – von Linkspartei bis CDU – stimmten im Stadtteilbeirat für die Namensgebung.

FESTAKT An dem Festakt im Herbst hatten etwa 200 Personen teilgenommen. Darunter waren Vertreter der Grünen und der Linkspartei aus der Bremer Bürgerschaft, Vertreter der SPD, Grünen, Linken und FDP aus der Kommunalvertretung, die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde im Lande Bremen, Elvira Noa, sowie die Gruppe »Omas gegen rechts«. »Gerade in einer Zeit, in der rechte Gewalt wieder unverhohlen auf die Straße und rechte Hetze in die Parlamente getragen wird, müssen wir uns bewusst machen, dass so etwas nicht folgenlos bleibt. Menschen werden direkt aus unserer Mitte gerissen«, betont Daniel de Olano.

»Mit ›Köfte Kosher‹ wollen wir Jugendlichen vermitteln, wie wichtig es ist, Verantwortung für Mitmenschen zu übernehmen«, sagte Projektkoordinatorin Elianna Renner. »Nicht erst seit Chemnitz wissen wir, wie gefährlich und brutal die Neonazis sind – und wie wenig ihnen Menschenleben wert sind«, sagte die Künstlerin.

Irina Drabkina ist ebenfalls Teil des »Köfte Kosher«-Teams. An dem Festakt habe sie vor allem beeindruckt, dass hier die individuellen Biografien der zwölf Ermordeten in den Vordergrund gerückt worden sind – etwa über das mehrmalige Verlesen und Erwähnen ihrer Namen, sagte Drabkina. »Die Gratwanderung zwischen respektvollem Erinnern und einer lebensfrohen Feier ist uns gelungen«, sagt sie. So gab es neben den Redebeiträgen auch Musik, unter anderem von der simbabwischen Hip-Hop-Musikerin Awa und dem DJ-Duo »NazNak goes Kanak«. Viele Gäste blieben bis in die Abendstunden.

ZIVILCOURAGE »Tagtäglich können wir alle Zivilcourage zeigen. Es ist im Interesse der Gesamtgesellschaft, menschenfeindlichen Diskriminierungen entgegenzutreten«, sagt Irina Drabkina. Elianna Renner will künftig versuchen, den Kontakt zu den Hinterbliebenen zu intensivieren. Denkbar sei eine Zusammenarbeit bei weiteren Projekten.

Daneben ist es der Künstlerin wichtig, Wissenslücken zu den einzelnen Biografien zu füllen und die Lebensläufe der Ermordeten detailliert zu dokumentieren. »Es ist gut zu wissen, dass wir, die von rechter Gewalt direkt betroffen sind, zusammenarbeiten und uns solidarisieren«, sagt Renner.

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