Münster

Mehr Demokratie gewagt?

Foto: Wilfried Gerharz

Der heftig in Kritik geratene Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Münster, Sharon Fehr, hat Rückendeckung aus Politik, Gemeinde und Bevölkerung erhalten. Eine Gruppe, die sich »AG für Basis‐Demokratie« nennt und sich selbst als »jüngere Erwachsene, die vorerst anonym bleiben möchten« bezeichnet, hatte in einer am Mittwoch bekannt gewordenen E‐Mail an drei Vorstandsmitglieder Anschuldigungen gegen den langjährigen Vorsitzenden erhoben. Kernpunkte darin waren Misswirtschaft, ein einschüchternder Führungsstil sowie schlechte Außenwirkung der Gemeinde in die Gesellschaft.

Die E‐Mail‐Schreiber forderten daher, drei neue Tagesordnungspunkte in das Programm der nächsten Mitgliederversammlung aufzunehmen. Ihr Schreiben nennt Sharon Fehr »ehrverletzend«. Um ihrem Schreiben mehr Gewicht zu verleihen, drohen sie überdies: »Damit Sie unseren Antrag ernst nehmen und nicht unter den Teppich kehren, schicken wir den Text auch an die lokale Presse.« Den Gemeindevorsitzenden schreiben sie nicht direkt an.

Spaltung Die Gemeinde solle gespalten werden, vermutet Fehr. So heißt es unter anderem in der Mail: »In der Gemeinde gibt es Gerüchte, dass Sharon Fehr in Münster eine Luxusvilla besitzt.« Und schiebt die Frage hinterher: »Woher hat er so viel Geld?« Er habe wohl die Wohnung von Magda Spiegel geerbt, wird gemutmaßt und der Verdacht der Erbschleicherei durch Fehr hergestellt.

Inzwischen hat sich der Sohn der Holocaust‐Überlebenden, deren Leben in dem Film Unter Bauern verfilmt worden ist, zu Wort gemeldet: Daniel Spiegel bezeichnet die Vorwürfe aus der Mail als »unhaltbare Verleumdung«, zitiert das Vorstandsmitglied Karina Hoensbroech. »Herr Fehr hat aus dem Nachlass keinerlei Geld‐ oder Sachwerte erhalten«, so Daniel Spiegel weiter. Magda Spiegels Wohnung befinde sich im Besitz der Erben, soeben sei dort eine Studentin eingezogen, erklärt er.

Was die angebliche Misswirtschaft der Gemeinde betreffe, weise das Konto per 31. Dezember 2014 nicht ein Minus von 50.000 Euro, sondern ein Plus von 170.000 Euro auf, korrigierte Fehr den Vorwurf der anonymen Kritiker. Außerdem würden die Finanzen jährlich durch Finanzprüfer und monatlich von einem Steuerbüro in Münster kontrolliert.

Ein gutes Finanzgebaren bestätigt auch ein Bankberater, der in einem Brief Fehr zu Hilfe eilt und ihm eine »sehr gute Präsenz in der Presse« bescheinigt, da könne nicht von Lächerlichkeit die Rede sein. »Außerdem haben Sie – rein wirtschaftlich betrachtet – auch erhebliche Mittel aus Spenden und anderen Zuwendungen für Ihre Gemeinde akquiriert.« Kein Zeichen von Eigennutz.

Teilhabe In der vermeintlichen Ausweglosigkeit für ihre demokratische Teilhabe brachten die »Basis‐Demokraten« weitere Beispiele für die Eigenmächtigkeit Fehrs vor. So habe er Fitnessgeräte »wohl nur für sich« angeschafft. Die Geräte, die in einem Raum unterhalb der Synagoge jedem Gemeindemitglied zur Verfügung stünden, seien auf Anregung junger Gemeindemitglieder und zudem kostengünstig angeschafft worden, entgegnet Fehr.

Schritt für Schritt versucht die zehnköpfige Gemeindevertretung, die Vorwürfe zu entkräften, und steht zu ihrem seit nun 21 Jahren tätigen Chef. Der versucht, den »Ball flach zu halten«, wiewohl ihn die Angriffe nicht ungerührt lassen. »Ein Rumoren zweier Mitglieder, die jedoch nur sehr losen Kontakt zur Gemeinde haben, war spürbar«, bekennt Fehr. Es habe sich aber nicht angedeutet, »dass sie zu Heckenschützen avancieren würden. Insofern brachen die Angriffe in der vorliegenden Form über die Presse wie ein Donnerschlag auf uns, auf mich herein«.

Unterstützung Er sehe seine Glaubwürdigkeit und Ehre infrage gestellt. Auch wenn ihm bewusst sei, in einer exponierten Stellung »solche Angriffe auch aushalten« zu müssen. Die »große solidarische Unterstützung unter anderem durch den Regierungspräsidenten, die Politik, die Bürgerinnen und Bürger der Stadt Münster, die Jüdische Gemeinde, den Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Westfalen und viele, viele Freunde« erleichtere ihm ein wenig, die Anwürfe besser zu ertragen.

Ironie der Geschichte ist, dass die »Basis‐Demokraten« mehr Teilhabe und Demokratie fordern, sich zur Vorstandswahl 2013, als man händeringend nach Kandidaten Ausschau hielt und dazu aufforderte, »kreativ am Entwicklungsprozess der Jüdischen Gemeinde mitzuarbeiten und sich in die Pflicht nehmen zu lassen«, offenbar nicht gemeldet hatten. »Die geforderte Transparenz ist längst Usus in der Gemeinde: unter anderem durch die öffentliche Sitzung der Gemeindevertretung. (…) Der Absender der hier in Rede stehenden E‐Mail scheint hier eine Chance verschenkt zu haben«, sagt der Vorstand.

 

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