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Jüdische Schulen sind »entscheidende Faktoren in der Entwicklung der Schüler und damit zentral für die Zukunft jüdischen Lebens«, meint Sandra Anusiewicz-Baer. Foto: dpa

Jüdische Schulen stärken die Identität und das Selbstverständnis ihrer Schüler als Juden im 21. Jahrhundert. Das ist eine Aussage, der wahrscheinlich alle Rektoren jüdischer Bildungsinstitutionen sofort zustimmen würden. Auch, um die Wichtigkeit ihrer Einrichtungen für die Zukunft der Gemeinschaft zu betonen. Doch was verbirgt sich hinter dem Begriff der jüdischen Identität? Wenn sie der entscheidende Faktor für die individuelle Herausbildung der Persönlichkeit eines Menschen ist – so definiert der Brockhaus nämlich das Wort –, kann sie dann überhaupt in der Schule »gelernt« werden?

Hochspannende Fragen, die sich auch Sandra Anusiewicz-Baer stellte. In ihrer im vergangenen Jahr fertiggestellten Dissertation geht die Pädagogin der Annahme auf den Grund, dass jüdische Schulen mit ihrem Erziehungsansatz maßgeblich für die Identitätsbildung ihrer Schüler verantwortlich sind. Als Fallbeispiel untersuchte sie das Jüdische Gymnasium Moses Mendelssohn in Berlin.

Absolventen Anusiewicz-Baer sprach mit 23 Absolventen der 1993 gegründeten Schule. Sie befragte sie dazu, welchen Einfluss der Schulbesuch auf das Leben und das eigene Selbstverständnis genommen hat.

Nun war die Pädagogin zu Gast bei der Janusz Korczak Akademie in Mitte, um die Ergebnisse ihrer Studie vorzustellen. »Das Jüdische Gymnasium startete mit 27 Kindern. Heute besuchen mehr als 400 junge Menschen die Schule. 60 Prozent sind jüdische Kinder, 40 Prozent sind nichtjüdisch. Es wurde höchste Zeit, Bilanz zu ziehen und zu fragen, wie die Schule die Identität ihrer Schülerschaft geprägt hat«, erklärt Anusiewicz-Baer ihren Ansatz.

Sie wollte dem Jüdischen Gymnasium als ganz besonderer Bildungseinrichtung gerecht werden und gleichzeitig auch nach den aktuellen Gestaltungsmöglichkeiten für junge Juden in Deutschland fragen, wie sie sagt. Auch zwei ganz persönliche Motive haben die 43-Jährige zu ihrer Arbeit inspiriert: »Ich war drei Jahre lang Bildungsreferentin der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Jetzt wollte ich doch einmal schauen, ob unsere Bemühungen gefruchtet haben.«

Zudem habe sie zwei Söhne, die bald von der Grundschule auf die Oberschule wechseln. Das Jüdische Gymnasium da einmal genauer unter die Lupe zu nehmen, konnte nicht schaden, meint Anusiewicz-Baer augenzwinkernd.

davidstern Die Pädagogin stellte zwei Absolventenbiografien aus ihrer Dissertation vor, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Da ist zum einen Sarah. Die echten Namen hat Anusiewicz-Baer zwecks Anonymisierung geändert. Sarah wird in der DDR geboren, ihre Grundschulzeit verbringt sie nahezu vollständig im Bildungssystem des »Arbeiter- und Bauernstaats«.

Ihre Großmutter, eine Schoa-Überlebende aus Süddeutschland, war als überzeugte Kommunistin bewusst nach Ostdeutschland gegangen. Die Großmutter ist lange Zeit ihr einziger Bezugspunkt zum Judentum. Religion und Tradition spielen in ihrem Elternhaus keine Rolle. Nach der Wende schicken die Eltern Sarah auf das Jüdische Gymnasium. Warum auch nicht? Die Schule hat einen guten Ruf, liegt nicht weit vom Wohnhaus entfernt, und schließlich ist man ja auch jüdisch. Irgendwie.

Mit Enthusiasmus stürzt Sarah sich auf die Profilfächer Bibelkunde, Hebräisch und Jüdische Religionsphilosophie. Wie ein Schwamm saugt sie alles Wissen auf. Zum ersten Mal in ihrem Leben fühlt Sarah sich jüdisch, trägt ihren Davidstern mit Stolz. Doch mit dem Abitur und dem Ende der Schulzeit ist damit Schluss. Sarah macht eine Ausbildung und steigt ins Berufsleben ein, hat einen nichtjüdischen Partner. Jüdisches spielt in ihrem Leben heute keine Rolle.

»Sarahs Fall zeigt: Die Schule hat ihr zwar allerhand Wissen über das Judentum vermittelt, eine dauerhafte Identifikation resultierte daraus aber nicht«, erklärt die Pädagogin.

jeschiwa Ganz anders sieht es im Fall von Ilja aus. Auch er stammt aus einem säkularen Elternhaus. Zusammen mit seiner Familie kommt er als sogenannter Kontingentflüchtling aus der Ukraine nach Berlin. In der Oberstufe lernt er einen religiösen Freund kennen, der ihn zum Tefillinlegen zu sich nach Hause einlädt. Da das Ilja gefällt, geht er auch probeweise mit in die Jeschiwa.

Heute lebt Ilja orthodox. Seiner ehemaligen Schule wirft er vor, eine »Mogelpackung« zu sein: Es stehe zwar jüdisch drauf, dahinter stecke aber seiner Erfahrung nach nichts. Die Schule tue viel zu wenig, kritisiert Ilja, um orthodox ausgerichtetes Judentum und alltägliches Leben in Einklang zu bringen. Moderne Orthodoxie als eine Ausprägung jüdischer Identität komme im Lehrplan nicht vor. Seine Tochter wolle er keinesfalls auf das Jüdische Gymnasium schicken. Dort könne sie »kein zeitgemäßes orthodoxes Judentum« lernen, ist sich Ilja sicher.

»Ilja kritisiert seine ehemalige Schule, religiös interessierte Schüler nicht genügend zu fördern«, sagt Anusiewicz-Baer. »Auf der anderen Seite war es ja ein Mitschüler, der ihn maßgeblich beeinflusst und ihm sozusagen ein neues Identitätsangebot gemacht hat. Das lief dann zwar parallel zur schulischen Ausbildung ab, aber ohne die Schule hätte er den Freund wahrscheinlich nicht kennengelernt.«

individualität Das Fazit der Pädagogin lautet: »Das Jüdische Gymnasium bietet seinen Schülern vielfältige Angebote, jüdisches Leben und Tradition kennenzulernen. Schüler werden in ihrer Individualität anerkannt und dementsprechend gefördert.« Identität als solche könne man aber weder lehren noch lernen. Es gebe ja nun einmal keinen »Identitätsmuskel«, den man trainieren könne.

Auch wenn Identitäten eine zutiefst persönliche Angelegenheit sind, seien jüdische Schulen in jedem Fall entscheidende Faktoren in der Entwicklung der Schüler und damit zentral für die Zukunft jüdischen Lebens. Wer sich für die anderen Absolventen des Jüdischen Gymnasiums und ihre Geschichten interessiert, kann sie bald nachlesen. In diesem Sommer soll Anusiewicz-Baers Dissertation als Buch erscheinen.

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