Saarbrücken

Mahnmal ohne Erinnerung

Wand: Täfelchen sollen an jedes einzelne Schoaopfer erinnern. (Architekturzeichnung) Foto: JES

Wohl kaum jemand, der die alte Berliner Promenade in Saarbrücken kennt, wird widersprechen, wenn man das Stück, das heute Rabbiner-Rülf-Platz heißt, hässlich nannte. Ein Hingucker war dieser Platz, der an den Rabbiner erinnern soll, der die jüdische Gemeinde vor der Schoa geführt hatte und sie ab 1951 wieder aufbauen half, wahrlich nicht. Seit April dieses Jahres wird er umgestaltet. Eine Freitreppe soll von der Saar hinauf zum Saarcenter, einer zwölfstöckigen Bausünde aus den 60er-Jahren, führen. Dort, wo einst ein öder Parkplatz, mit einigen wenigen Pflanzkübeln und Taxen in Dreierreihen war, soll eine mit Bäumen begrünte Fläche entstehen und zum Chillen und Partyfeiern einladen.

Der Platz solle, so hieß es nach Willen aller im Stadtrat vertretenen Fraktionen, attraktiver werden. Das Saarcenter hatte Leerstand zu verzeichnen, die Wohnqualität war trotz City-Lage äußerst unbefriedigend. Gedacht hatte man offenbar auch an eine Belebung durch eine Partymeile mit viel Event-Charakter vor allem für jugendliche Gäste. Anders lässt sich der Unmut nicht erklären, der jüngst im Kulturausschuss der Stadt aufgekommen ist.

erinnerungswald Denn man hatte sich auch dafür entschieden, den Rabbiner-Rülf-Platz für ein Mahnmal zur Erinnerung an die jüdischen Schoa-Opfer zu nutzen. Bestehen sollte es nach Entwurf des Darmstädter Professors für Plastisches Gestalten, Ariel Auslender, aus 1,10 Meter hohen Bronze-Baumstümpfen, von denen ein Teil auf den Treppenstufen stehen und sich auf dem Platz mit echten Bäumen zu einem »Erinnerungswald« vermischen sollten.

Am 26. Juni 2012 hatte der Stadtrat für die Realisierung dieses Entwurfes Auslenders »Der unterbrochene Wald« gestimmt. Eine Tafel mit dem Zitat von Rabbiner Rülf »Es war eine große und schöne Gemeinde von dreitausend Seelen« sollte das Mahnmal vervollständigen.

Doch keine Erinnerung ohne Namen, warb der Vorsitzende der Synaogengemeinde Saar, Richard Bermann, für eine wichtige Erweiterung. »Von Kindheit an lernen wir Juden, dass Erinnern ein wichtiger Bestandteil unserer Geschichte ist. Eine jüdische Weisheit sagt: ›Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung‹. Deshalb sind wir es den Opfern der Schoa schuldig, sie und ihre Leiden niemals zu vergessen.« Denn vergesse man sie, würden sie ein zweites Mal ermordet, so der Gemeindevorsitzende. Er schlug also vor, das Mahnmal um eine Wand zu ergänzen, auf der Plaketten mit den Namen der jüdischen Schoa-Opfer angebracht werden.

Der Künstler, selbst jüdisch, willigte ein mit dem Hinweis, Schüler könnten die Schicksale der Ermordeten recherchieren und ihre Namen selbst in die Plaketten stanzen, um eine »persönliche Identifikation mit dem Mahnmal« zu schaffen. Der Kulturrat der Stadt sah seine Pläne für den »neuen Rabbiner-Rülf-Platz« durch diese »Umwidmung« durchkreuzt. Die »gigantische Täfelchen-Tapete« würde den »optischen Hagel einer Dachau-Auschwitz-Struthof-Aufzählung« auf die dort Verweilenden auslösen.

Einwände Die Linken-Politikerin Gabriele Ungers befürchtet, die Riesenfläche erschlage die Menschen. Der FDP-Kollege Friedhelm Flieger befürwortet zwar eine Namensnennung, aber bevorzugt eine »dezentere Lösung«, etwa ein Einlassen im Boden. Schon jetzt werde das Denkmal Stör-Impulse auslösen. Andere Lokalpolitiker, so schreibt die Saarbrücker Zeitung, sprechen von »Überforderung der Bevölkerung« und befürchten: »Eine Gedenkwand mitten in der Gute-Laune-Zone ist ›nicht zumutbar‹.«

»Nicht zumutbar?«, fragt sich der Vorsitzende der Christlich-Jüdischen Arbeitsgemeinschaft des Saarlandes, Herbert Jochum. Die Ausgrenzung, Verfolgung und Ermordung der Juden fand vor aller Augen statt, schreibt er in einem Offenen Brief an die Stadtverordneten. »Dann sollte doch auch die Erinnerung öffentlich sein, vor aller Augen. Sie darf nicht an den Rand geschoben werden, in einem Innenraum versteckt, auf den Friedhof verbannt«, pflichtet er Gemeindevorsitzenden Bermann bei.

Die Grünen unterstützen Bermanns Vorschlag. Thomas Brück, der designierte Umweltdezernent, hat bereits 1200 Namen recherchiert und mit Schulen gesprochen. Die Ministerpräsidentin, so heißt es, sei informiert. Baudezernentin Rena Wandel-Hoefer versteht Bermanns »Ungeduld«. Sie meint jedoch, dass die Ausweitung des Auslender-Entwurfs einen »Debatten-Prozess« benötigt. Wollte man diesen abwarten, wird es langsam eng, denn Platz und Mahnmal sollen am 12. November dieses Jahres eingeweiht werden.

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