Porträt

Liebling Kreuzberg

Guter Geist der Gemeinde: Ina Berger macht sowohl in der Küche als auch mit der Gartenschere eine gute Figur. Foto: Stephan Pramme

Gärtnerin, Putzfrau, Köchin und Fremdenführerin – Ina Berger hat seit Kurzem viele neue Aufgaben. Bevor sie und ihr Mann Michael als Hausmeister‐Ehepaar in der Synagoge Fraenkelufer in Kreuzberg anfingen, war sie »nur« Schneiderin, Hausfrau und Mutter von drei mittlerweile erwachsenen Kindern. »Unsere Töchter und unser Sohn sind in dieser Synagoge groß geworden, unser Sohn feierte hier auch seine Bar‐ Mizwa«, sagt Ina Berger. Für sie sei dieses Gotteshaus immer ein besonderes gewesen – familiär und ein Ort voller Kinder.

Die Einkäufe hat sie nun hochgeschleppt. Jetzt steht sie in der Küche der Hausmeister‐Wohnung und ist mit den Vorbereitungen für den Sederabend am morgigen Freitag beschäftigt. Seit zwei Jahren leben die Bergers in der kleinen Wohnung in der Synagoge.

Als Ina Berger zusammen mit ihrem Mann vor mehr als 30 Jahren aus Israel nach Berlin zog, war diese Synagoge eine ihrer ersten Anlaufstellen. Und da sie beide die Atmosphäre schätzten, blieben sie als Beter dort. Damals waren die Gottesdienste gut besucht. »Es herrschte schon in diesen Jahren ein herzlicher Umgangston«, erinnert sich die 56‐Jährige. Mittlerweile hätte sie einige Wünsche, was in der Synagoge verbessert werden könnte.

Vor allem soll ihrer Meinung nach wieder richtig Leben in die Synagoge einziehen – und das möchte sie mit mehreren Angeboten gerne verwirklichen. Ihre größte Sorge gilt dem begrenzten Platz. Es gebe neben der Synagoge nur noch einen kleineren Raum, in dem der Kiddusch stattfindet und in dem das Silber, der Schmuck und das Porzellan in Schränken aufbewahrt werden. Da auch das heiße Wasser für Tee und Kaffee auf einem Tisch nach dem Gottesdienst bereit‐ steht, dürfen Kinder nicht herumlaufen.

Dachgeschoss Während in anderen Betergemeinschaften mittlerweile Kinderbetreuungen und Unterricht für den Nachwuchs angeboten wird, gebe es am Fraenkelufer noch nicht einmal einen Raum, wo das möglich wäre. Der Synagogenvorstand hatte vor zwei Jahren gehofft, das Dachgeschoss für etwa 30.000 Euro ausbauen zu können, um Raum zu schaffen, aber bisher sei nichts weiter geschehen. Stattdessen ist das Dach undicht und muss dringend erneuert werden.

Dennoch besuchen immer mehr Beter das Gotteshaus. Etliche ältere seien wiedergekommen, obwohl es kaum Parkplätze um die Synagoge herum gibt. Einige nehmen sogar ein Taxi und lassen sich von anderen Betern nach Hause fahren. »Da wäre es doch toll, wenn die Gemeinde einen Busdienst anbieten könnte«, schlägt sie vor.

Auch mehrere Israelis besuchen regelmäßig die Gottesdienste, Bar‐Mizwa‐Feiern gibt es wieder und neulich auch eine »Abscherungszeremonie«, bei einem dreijährigen Jungen zum ersten Mal feierlich die Haare abgeschnitten wurden. Im Mai soll es eine Hochzeit geben.

Da immer Platzmangel herrscht, sei bei der Bauabteilung der Jüdischen Gemeinde angefragt worden, ob sich im Garten eine Art fester Pavillon installiert lasse, unter dem die Beter feiern könnten. Der Vorschlag sei abgelehnt worden, da die Synagoge unter Denkmalschutz steht. »Ich hatte nach einer Möglichkeit gesucht, wenigstens für den Sommer mehr Platz zu schaffen, aber das hat nicht geklappt«, bedauert Berger. Zu Jom Kippur möchte sie Betern am liebsten Übernachtungsmöglichkeiten anbieten.

Bisher wohnte an den Hohen Feiertagen lediglich ein Rabbiner aus Israel auf dem Dachboden. »Es wäre doch schön, wenn man den Boden auch dafür herrichten und ausbauen könnte.«

Köchin Ein bisschen ist Ina Berger ihrem Traum bereits nähergekommen. Jahrelang wurde in der Synagoge kein Sederabend angeboten – bis zum vergangenen Jahr. Nun bereitete sie zum zweiten Mal die Seder vor. Mehr als 50 Beter haben sich be reits angemeldet, und es gebe immer noch Anfragen. »Wir sind ausgebucht.

Ich koche leidenschaftlich gerne, würde mich aber nur als Hobbyköchin bezeichnen.« Von ihren Reisen nach Israel, wo ihre Mutter und ihre Schwester mit Familie wohnen, bringt sie Zutaten und Gewürze mit. Ihre Begeisterung fürs Koche hat sie auch an ihre drei Kinder weitergegeben, meint sie.

Geboren wurde Ina Berger in der Ukraine. 1979 gab es für ihre Familie keine Möglichkeit mehr, als Juden dort zu leben, weshalb sie nach Israel emigrierte. Dort lernte sie Hebräisch und auch ihren späteren Mann kennen, der aus Lettland stammt und damals bei der Armee war. Mit ihrem Mann, von Beruf Bauklempner, ging sie zusammen nach Berlin, wo sie bereits Verwandte hatten. Sie zogen mehrmals um, lebten erst in Mariendorf und jetzt wieder im »tiefsten Kreuzberg«, wie Berger ihre Adresse beschreibt.

Noch bevor die Kinder kamen, war sie als Schneiderin angestellt, dann machte sie sich selbstständig. Nebenbei zog sie ihre zwei Töchter und einen Sohn auf. Mittlerweile hat Berger zwei Enkelkinder. Als ihre Finger nicht mehr so richtig wollten, absolvierte sie ihr Examen als Ausbilderin, dann bewarb sie sich auf die Stelle in der Synagoge.

Tatendrang Sie koche in ihrer privaten Küche, aber sie würde sich wünschen, noch mehr Küchengeräte zur Verfügung zu haben. »In der Jüdischen Oberschule gibt es eine ungenutzte Küche – ebenso im Gemeinderestaurant Fasanenstraße – und wir könnten die Einrichtung so gut gebrauchen«, meint die zierliche, kleine Frau voller Tatendrang. Oder zumindest einige der Geräte. Am Donnerstag geht sie immer für den Kiddusch einkaufen. Freitags wird geputzt.

Und später deckt sie die Tische. Um sechs Uhr steht sie am Samstag auf, um alles fertig zu haben, wenn der Gottesdienst zu Ende ist. »Ich bin Frühaufsteher, das fällt mir nicht schwer.« Beim Kiddusch serviert sie und räumt anschließend alles weg. Zwei Tage braucht sie, um das Gotteshaus gründlich zu putzen. Im Herbst kommt noch das Laubharken, im Winter das Schneeschippen dazu. Manchmal rufen auch Interessierte aus anderen Städten oder Ländern an und fragen, ob sie sich mal die Synagoge anschauen können, wenn sie in Berlin sind.

Erst kürzlich war ein Rabbiner aus Kanada da, dessen Vater als letzter Rabbiner in diesem Gotteshaus amtiert und die Pogromnacht miterlebt hatte. Der Sohn war zu Besuch in der Stadt und wollte sich die Synagoge ansehen. Aus Australien kam hingegen eine Familie, deren Eltern am Fraenkelufer unter der Chuppa gestanden hatten.

»Ich versuche dann immer, viel über die Synagoge zu erzählen«, sagt Ina Berger. Und die ist ihr seit mehr als 30 Jahren bestens vertraut. Derzeit hat sie aber keine Zeit, Besucher herumzufühen, denn die Arbeit als Köchin ruft – schließlich steht Pessach vor der Tür.

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