Integration

Leyla darf bleiben

Gerade noch einmal gutgegangen – Leyla Gasanova kann wieder durchatmen und zur Ruhe kommen. Das sah bis Ende vergangener Woche noch ganz anders aus. »Ich hatte solche Angst, dass ich nach Moskau abgeschoben werde«, sagt die Schülerin.

Mitte Mai, drei Wochen nach ihrem 18. Geburtstag, erhielt sie ein Schreiben der Ausländerbehörde, in dem es um ihre Aufenthaltserlaubnis ging. Da sie nun volljährig sei, habe sich ihr Status verändert. Auf dem mitgeschickten Anhörungsbogen, den Leyla ausfüllen sollte, wurde als letzte Konsequenz auch die Möglichkeit der Abschiebung nach Russland genannt.

entwarnung Daraufhin sei sie regelrecht in Panik geraten, erzählt Leyla. Sie hatte nur noch Angst vor der Zukunft, sagt sie. Denn sie fürchtete, zurück in ihre Geburtsstadt Moskau zu müssen. Dort lebte sie bis 2009. Doch aus Furcht vor Antisemitismus wanderte die Familie im gleichen Jahr nach Israel aus. Wiederum drei Jahre später zogen die Gasanovs nach Deutschland.

Nun gibt es erst einmal Entwarnung: »Wir werden zusammen eine Lösung finden, sodass Leyla auf jeden Fall in Deutschland ihren Schulabschluss und eine Ausbildung machen kann«, sagt Andreas Möser, Pressesprecher der Stadt Hannover, auf Nachfrage der Jüdischen Allgemeinen.

zuspruch Eines hat Leyla in den vergangenen für sie bedrohlichen Tagen ganz besonders stark gespürt: Neben öffentlicher Unterstützung erfuhr sie spontanen Rückhalt vieler jüdischer Freunde – allen voran von den Jugendlichen des Jugendzentrums »Rimon« der Liberalen Jüdischen Gemeinde in Hannover.

»Ich bin so erleichtert, dass sich die Angelegenheit nun erst einmal geklärt hat«, sagt Madrich Monty-Maximilian Ott, der außerdem stellvertretender Bundesvorsitzender des Jungen Forums der Deutsch-Israelischen Gesellschaft ist. Etliche Madrichim wollten in den Tagen der Verzweiflung etwas für »ihre Leyla« tun und hatten sich bereits verabredet, mit einem Stand in der Öffentlichkeit auf die Geschichte aufmerksam zu machen und Unterschriften für eine – mittlerweile geschlossene – Online-Petition zu sammeln.

Darüber hinaus engagierten sich auch die Lehrer ihrer Schule sowie SPD-Politiker und Mitglieder des niedersächsischen Landtages für die Jugendliche, darunter die Abgeordneten Doris Schröder-Köpf (SPD) und Michael Höntsch, Sprecher der SPD-Fraktion gegen Rechts, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit.

rechtslage »Es ist ein sehr unglücklicher und komplizierter Fall«, sagt Leylas Rechtsanwalt Frederek Freckmann. In Israel erhielten Leylas Eltern damals die israelische Staatsangehörigkeit. Aus nicht mehr nachvollziehbaren Gründen bekam Leyla sie aber nicht. Die israelische Botschaft in Berlin wollte sich auf Nachfrage vorerst nicht dazu äußern.

Die damals Zwölfjährige hatte sich in Israel gut eingelebt, lernte Hebräisch, besuchte eine Schule und fand neue Freunde. Doch dann beschlossen ihre Eltern, nach Hannover zu ziehen. Das Problem – Leyla reiste nur mit einem Besuchsvisum ein. Doch den Eltern war dieses Formdetail damals womöglich nicht bewusst.

»Es ist ungewöhnlich, dass die Tochter nur die russische Staatsangehörigkeit hat, ihre Eltern hingegen beide Pässe – den russischen und den israelischen«, meint der Rechtsanwalt, der sich auf Asyl- und Ausländerrecht spezialisiert hat. Leyla erinnert sich auch, dass es bei Passkontrollen durchaus hier und da mal Nachfragen gab, ob sie wirklich die Tochter sei. Nunmehr benötige Leyla einen Aufenthaltstitel, wie es im Amtsdeutsch heißt, um legal in Deutschland leben zu können.

volljährig Bis zu ihrem 18. Geburtstag war ihr Aufenthalt untrennbar mit dem derzeitig erlaubten Aufenthalt ihres Vaters verbunden, der als Angestellter arbeitet. Jetzt, da sie volljährig geworden ist, müsse ihr Aufenthalt eigenständig behandelt werden, sagt Freckmann. Um eine Aufenthaltserlaubnis zu erhalten, hätte Leyla jedoch zunächst mit dem passenden Visum nach Deutschland einreisen müssen, da russische Staatsbürger im Gegensatz zu israelischen von dieser Voraussetzung nicht befreit seien, erklärt der Anwalt. Ein Besuchsvisum sei für einen langfristigen Aufenthalt unzureichend.

Aber auch die weiteren rechtlichen Voraussetzungen für eine Aufenthaltserlaubnis müssten bei Leyla kritisch bewertet werden, erläutert der Rechtsanwalt. Zwar habe der Gesetzgeber erst vor wenigen Jahren eine Aufenthaltserlaubnis für gut integrierte Jugendliche eingeführt. Doch obwohl Leyla hervorragend integriert sei und gute Ergebnisse in der Schule erziele, könne sie nicht von dieser Regelung profitieren. Denn dafür müsste sie unter anderem bereits seit sechs Jahren in Deutschland leben.

Dies führe zu dem »absurden Ergebnis«, dass die »hervorragend integrierte« Leyla ohne ihre Familie nach Russland ausreisen müsste – in ein Land, welches sie zum letzten Mal im Alter von zwölf Jahren sah, in dem sie keine Angehörigen mehr hat und mit dem sie nichts mehr verbindet, sagt Freckmann.

integriert Gerade aus diesen humanitären Gründen dürfe man die Tochter jedoch nicht wieder zurückschicken und von ihrer Familie trennen, argumentiert der Rechtsanwalt. In diesen Tagen habe er ein Gespräch mit der Leitung der Ausländerbehörde geführt, um für diesen besonderen Einzelfall eine Lösung zu finden. Das Gespräch sei sehr konstruktiv gewesen, da die Ausländerbehörde der gleichen Ansicht sei.

In Hannover fühlt sich Leyla wohl – obwohl sie in kurzer Zeit zwei Neuanfänge schaffen musste, zuerst in Israel, dann drei Jahre später in Deutschland. »Ich wollte mich auf jeden Fall integrieren«, sagt sie rückblickend. Wegen ihrer anfangs noch fehlenden Deutschkenntnisse dauerte es mehrere Monate, bis eine Schule sie aufnahm. Doch nach den Anfangsschwierigkeiten ist Leyla angekommen – in Hannover, in der Schule, in der liberalen Gemeinde. Sie engagiert sich aktiv in deren Jugendzentrum.

»Leyla ist für uns wichtig, sie gehört zu uns, deshalb wollten wir ihr helfen«, begründet Monty-Maximilian Ott sein Engagement. Gemeindevorsitzende Ingrid Wettberg betont: »Leyla ist eine Stütze unseres Jugendzentrums und sehr aktiv in der Jugendarbeit. Wenn es bei uns brennt, dann rufen wir Leyla an, und sie kommt.«

freunde Sie sei absolut zuverlässig und »eine gute Freundin«, schrieb Lou Jürgenliemk aus Göttingen in der Online-Petition als Kommentar – sie kennt Leyla von Veranstaltungen und Madrichim-Ausbildungen. Judit Marach, ebenfalls Madricha in Hannover, ist seit einem Jahr mit Leyla befreundet. »Sie kann sehr gut mit Jugendlichen und kleineren Kindern umgehen, kennt sich im Judentum aus und kann Hebräisch«, sagt die Madricha.

Erst kürzlich habe sie eine Einführung ins Hebräische gegeben und den Satzbau der Sprache erklärt. Als Judit Marach und Jennifer Peters, ebenfalls Madricha und ehemalige Nachbarin von Leyla, von deren Sorgen erfuhren, war ihr erster Gedanke: »Da müssen wir etwas machen und ihr helfen.«

Auch Kay Schweigmann-Greve, Vorsitzender der DIG-Hannover und Direktor der Jüdischen Bibliothek, die ihre Räume neben dem Jugendzentrum hat, war schockiert, als er von Leylas Fall erfuhr. »Das Mädchen spricht vier Sprachen, hat etwas im Kopf, ist nett und einfach eine Bereicherung für unsere Gesellschaft.« Spontan setzte er sich ebenfalls für das Mädchen ein und kontaktierte diverse Politiker mit der Bitte, Leyla zu helfen.

pläne Nun kann Leyla wieder in Ruhe lernen und sich auf die Qualifikation für die Oberstufe vorbereiten: Sie möchte ihr Abitur an ihrer Schule, dem Georg-Büchner-Gymnasium in Seelze, machen und das, obwohl sie vor drei Jahren noch kein Wort Deutsch sprach. Später plant sie, eine Ausbildung anzufangen und rasch auf eigenen Füßen zu stehen. Außerdem will sie mit ihren zwei Monate alten Zwillingsbrüdern und Eltern zusammenleben und sich weiter in ihrem Jugendzentrum engagieren.

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