Köln

Lernen, was koscher ist

Judentum zum Anfassen: Beim Workshop stellen die Kinder eigene Schabbatkerzen her. Foto: Michael Bause

Der Neunjährige mit den wachen schwarzen Augen erzählt, er sei Engländer, ein muslimischer Engländer. Er ist sichtlich stolz darauf, etwas Besonderes zu sein unter seinen Klassenkameradinnen und Kameraden, den Türken, Russen, Italienern, Marokkanern und Spaniern sowie ein paar deutschen Kindern. Der pfiffige Engländer hat als einziges der Kinder schon mal etwas von Chanukka gehört: »Das ist bei den Juden so ähnlich wie Weihnachten, oder unser Zuckerfest«, erklärt er.

Schabbattisch Am vergangenen Freitag war jedoch nicht Chanukka, sondern Schabbat das Thema des Workshops »Jüdisches Leben entdecken« im Kölner Stadtmuseum. Es komme dabei nicht so sehr auf abstraktes Lernen an, betonte die Projektleiterin Ulrike Kühnemund von der Agentur Cologne goes Culture, sondern auf sinnliche Eindrücke und Erfahrungen, auf ein eher spielerisches Umgehen mit dem Thema und positive Gefühle.

Auf einem Tisch stehen die beiden Schabbatleuchter, auch ein Körbchen mit Challastücken, bedeckt von einer weißen, bestickten Challa‐Decke, ein silberner Kiddusch‐Becher, ein Salzstreuer, eine Besaminbüchse mit duftenden Nelken schmücken den Festtisch. Die Challot sind koscher, gebacken von einer Kölner Bäckerei. Eine Flasche Wein steht ebenfalls auf dem Tisch. Der ist jedoch nur zum Anschauen, getrunken wird Traubensaft.

Förderer Es ist der zweite Workshop für Schulkinder in dem von der 1803 gegründeten Ephraim‐Veitel‐Stiftung geförderten Projekt. Unterstützung findet es auch durch das Kölnische Stadtmuseum, den Bundesverband Information und Beratung für NS‐Verfolgte und das Schulreferat der Evangelischen Kirche im Rheinland in Köln.

Auf die Idee, solch einen Workshop für Kinder vom Kindergartenalter bis zum Abitur anzubieten, kam Kühnemund, weil sie sich schon seit der eigenen Schulzeit für die Geschichte der Juden, speziell der Juden in Deutschland, interessiert. Sie beschäftigte sich intensiv mit der Nazizeit und der Schoa, beschloss dann aber, sich nicht nur mit den toten, sondern mit den lebenden Juden zu beschäftigen, was sie nun schon seit 20 Jahren intensiv betreibt.

Durch Freunde in der liberalen Gemeinde Köln und Besuche in jüdischen Museen, durch Fachliteratur und viele Besuche in Israel drang die gelernte Historikerin tiefer in den Stoff ein. Sie habe sich, wenn sie sich einmal nicht ganz sicher war bei der Vorbereitung des Projektes, Rat bei ihren jüdischen Freunden geholt.

Vorbereitung Die Kinder, die an diesem Freitagvormittag einen Schabbat in Kurzform erleben, sind Schülerinnen und Schüler der dritten und vierten Klasse einer Kölner Montessorischule. Sie kommen ganz unvorbereitet, anders als die Gruppe der etwas älteren Schüler am ersten Projekttag, für die das mit allen Sinnen Erlebte nur das Sahnehäubchen auf ihre bislang theoretische Beschäftigung mit dem Judentum war, erklärt Ulrike Kühnemund.

Sie habe viele Führungen in der Judaica‐Sammlung des Stadtmuseums gemacht und habe gemerkt, dass viel von dem Gesagten gar nicht richtig ankam oder gleich wieder vergessen wurde. Kühnemund möchte, dass die Kinder im Gegensatz dazu hier ganz sinnlich erfahren können, was das tägliche Leben im Judentum bedeutet. Wenn zum Beispiel das Thema Schabbat behandelt wird, können sie die Kultgegenstände anfassen, sie schmecken die Challot und den Rebensaft, hören die Gebete, riechen den Duft der Schabbatkerzen und der Nelken in der Besaminbüchse.

Um Interesse bei den Kindern zu wecken, hat ihnen die Projektleiterin nicht nur vom Schabbat und vom Schabbatausgang erzählt, sondern sie aus Papier die Gewürzdose basteln lassen und den Kindern gezeigt, wie man Hawdala‐Kerzen selbst machen kann. Die jungen Workshopteilnehmer waren begeistert.

Geschick Aber die Dochte schön gerade in die länglichen roten, weißen und blauen Wachsstreifen zu kneten, scheint gar nicht so einfach zu sein, jedenfalls geht es nicht gerade leise zu bei dieser Arbeit. Die prächtigste Kerze hat ein türkischer Junge gebastelt. »Gerade die türkischen Kinder machen begeistert mit, da ist keinerlei Ressentiment oder latenter Antisemitismus zu spüren«, betont Kühnemund. »Die arabischstämmigen Kinder freuen sich, weil sie keine Mühe haben mit der Aussprache der hebräischen Wörter, die zum Schabbat gehören: Challa und Hawdala zum Beispiel.«

Die Workshops seien nicht in erster Linie dazu da, den Antisemitismus zu bekämpfen. Das spiele wohl auch mit, doch vor allem gehe es darum, den Kindern einen Zugang zum Judentum zu ermöglichen. Wenn sie später irgendwo von Juden oder dem Judentum hören, sollen sie den Begriff als positiv empfinden. Da das Kölner Stadtmuseum eine umfangreiche Judaica‐Abteilung hat, werden sie wohl auch einmal die Gelegenheit haben, ein Schofar in die Hand zu nehmen oder gar darauf zu blasen versuchen. Bisher haben sich rund 20 Kölner Schulen zu einem Workshop angemeldet. Die ersten beiden Lerntage sowie den kommenden finanziert die Veitel‐Stiftung, für die Teilnehmer sind sie kostenlos. Danach aber müssen die Schulen beziehungsweise die Eltern der beteiligten Schüler und Schülerinnen eine Kursgebühr zahlen, pro Schulklasse sind das 150 Euro für den Kurs und 100 Euro für das Lehrmaterial. Doch dafür gibt es gelegentlich auch etwas Leckeres zu essen.

Kochkurs Viele Nichtjuden wissen zwar, dass Schweinefleisch nicht koscher ist, und für die Moslems ist das ja auch nichts Ungewöhnliches, doch was es wirklich bedeutet, koscher zu kochen und koscher zu essen, wissen hierzulande die wenigsten, nicht nur die Kinder. Vielleicht lernen diejenigen, die im Laufe des kommenden Jahres einen der Workshops besuchen, ein bisschen mehr darüber. So plant Kühnemund beispielsweise, eine koscheres Menu für die Familie zusammenzustellen, auch eine koschere Kleinigkeit selbst zuzubereiten und anschließend zu essen. Liebe geht durch den Magen, sagt man ja. Verständnis zum Teil vielleicht auch.

Ein Wermutstropfen beendete den Workshop: Auf der weißen, schön bestickten Challa‐Decke aus Damast prangte zum Schluss ein dicker roter Wachsfleck und daneben ein kleines Brandloch von dem Streichholz, mit dem eines der Kinder die selbstgemachte Hawdala‐Kerze angezündet hatte.

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