Kassel

Lehrhaus für alle

Gut vorbereitet: Die Kasseler Gemeinde setzt heute auf ihre Jugend. Foto: Gabriele Sümer

Grau‐blau, Hell‐ und tiefes Nachtblau herrschen in der Kasseler Synagoge. Je nachdem, wie die Sonne durch das Fenster in der Ostwand fällt. Vor dem Ostfenster steht der Toraschrein. Seine Flügeltüren geben beim Öffnen auf Hebräisch den Schriftzug »Wisse, vor wem du stehst«, frei. Im Gebetsraum wölbt sich über dem schwarzen Schieferfußboden und den Sitzbänken eine halbrunde Decke aus Zedernholz. Die Wände sind schlicht in Weiß gehalten. Architekturkritiker loben den Bau.

Vor zehn Jahren, am 28. Mai 2000, weihten Zentralratspräsident Paul Spiegel sel. A., Ministerpräsident Roland Koch, der Vorsitzende des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Hessen, Moritz Neumann, und Architekt Alfred Jacoby diesen Bau gemeinsam mit Honoratioren, Kirchenvertretern und Politikern aus Stadt und Land ein. Ein feierlicher Akt, und ein Zeichen des Selbstbewusstseins in einer Zeit, in der Brandanschläge auf Synagogen in Erfurt und Lübeck verübt wurden. Auch zehn Jahre später stehen Streifenwagen vor der Tür. Das Gemeindeleben im neuen Haus hat sich eingespielt, ist Normalität, ist offener geworden. Doch auch in diesen Tagen ist wieder ein Brandanschlag auf eine Synagoge verübt worden, in Worms.

Das blaue Glas hinter dem Toraschrein hat Risse, sie erinnern an dunkle Zeiten. Vor der Schoa hatte Kassel 2.500 jüdische Bürger. Schon am 7. November, zwei Tage vor dem Novemberpogrom 1938, zerstörten Nazis die Kasseler Synagoge. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hatte die Gemeinde nur noch etwa 70 Mitglieder. In den 60er‐Jahren entstand eine winzige Synagoge, die 30 Jahre später zu klein wurde, weil immer mehr jüdische Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion kamen.

Zuwanderung Als der Bau der neuen Synagoge begann, hatte die Gemeinde schon um die 700 Mitglieder. Heute sind es rund 1.000. Kassel hat nach Frankfurt die zweitgrößte jüdische Gemeinde in Hessen, im Landesverband, dem Frankfurt nicht angehört, steht Kassel an der Spitze.

Die Synagoge in der Bremer Straße ist heute nicht nur ein »Haus des Betens«, sondern auch ein »Haus des Lernens«, ein »Haus der Versammlung«. Es gibt eine Bibliothek und eine eigene Küche neben dem großzügigen Gemeinderaum. Dieser bietet Platz für Theater, Sprachkurse, Gymnastik, Religionsunterricht.

2004 kam mit Shlomo Freyshist der lang ersehnte eigene Rabbiner, der inzwischen zwei Vorbeter ausgebildet hat. Nach wie vor ist allerdings die Finanzierung seiner Stelle nicht gesichert. Die Gemeinde selbst bringt Geld dafür auf, sie wird von der Stadt Kassel und dem Landesverband unterstützt, ein Großteil fließt über Spenden – wie lange noch, ist ungewiss.

Immerhin sichert ein Vertrag mit der Stadt einen regelmäßigen finanziellen Zuschuss der Kommune, der außer für die Rabbinerstelle auch für andere Bereiche der Gemeindearbeit genutzt werden kann. 2008 sammelten die evangelischen und katholischen Kirchengemeinden für die jüdische Gemeinde, damit sie die Torarolle restaurieren lassen konnte, die aus der während der Nazizeit geschändeten Synagoge gerettet wurde.
Angekommen All das zeigt, »dass die Gemeinde voll in der Gesellschaft angekommen ist«, meint Esther Haß vom Gemeindevorstand. Die ehemalige Gemeindevorsitzende hat großen Anteil daran, dass überhaupt eine neue Synagoge gebaut wurde.

Nicht nur Gemeindemitglieder kommen in das schlichte, aber markante Bauwerk. Dort werden auch Konzerte oder Führungen für die Öffentlichkeit geboten, ein Mal im Monat öffnet das »Jüdische Lehrhaus« seine Pforten. Hervorgegangen ist es aus der Sonntagsmatinee, zu der Esther Haß und Rabbiner Freyshits regelmäßig einluden. »Jetzt ist das Ziel wohl tatsächlich erreicht«, freut sich die Gründerin Esther Haß. Jetzt könne man wohl von einem Lehrhaus sprechen, das Gespräche zwischen den Religionen fördert. Wobei die Lehrtätigkeit schon bei den Kindern beginnt.

offenes Haus Das Gemeindezentrum ist ein »offenes Haus« geworden. In der Bibliothek suchen sich nicht nur Gemeindemitglieder neue Literatur aus. Regelmäßig kommen Gäste, die sich entweder für die jüdische Religion oder den Staat Israel interessieren und hier entsprechenden Lesestoff finden.

Die russischsprachige Zuwanderung schlägt sich inzwischen auch in der Gemeindeführung nieder. Im vergangenen Jahr wählte die Gemeinde mit Ilana Katz und Grigorij Lagodinsky einen neuen Vorstand. Die neue Vorsitzende stammt aus Lettland. Die studierte Biologin musste in Deutschland bei Null anfangen, gründete einen Pflegedienst, der sich speziell um jüdische Senioren kümmert und ist inzwischen über die Stadtgrenzen hinweg erfolgreich. Für die Kasseler Gemeinde ist in Räumen des Pflegedienstes ein Seniorentreff eingerichtet worden.

Nachwuchs Eines bereitet ihr allerdings Sorgen: »Sobald unsere Jugendlichen einen Ausbildungsplatz gefunden haben oder studieren, verlassen sie die Gemeinde.« Ihr Stellvertreter pflichtet ihr bei: »Was für die Integration sehr positiv ist, schwächt die Gemeinde.« Da zugleich der Anteil an älteren Menschen, die nach und nach sterben, sehr groß ist, sinkt die Zahl der Gemeindemitglieder. Um diesen Trend zu stoppen, schlägt er eine »assoziierte Mitgliedschaft« solcher Zuwanderer vor, bei denen lediglich der Vater Jude im Sinne der Halacha ist. In Kassel gebe es zahlreiche solcher Familien»Das Ziel muss sein, ihnen langfristig den Übertritt zu ermöglichen«, meint Lagodinsky.

Doch gerade er selbst stellt das Gegenteil der Befürchtungen dar. Der junge Jurist kam schon vor 16 Jahren nach Deutschland und ist voll integriert und engagiert sich in der Gemeinde. Ein Ziel, das vom vorherigen Vorstand begonnen wurde, ist bereits erreicht worden, eine Jugendgruppe zu gründen, die sich nach dem Freitagsgottesdienst häufig zum Kiddusch trifft und Ausflüge organisiert.

Zwar sei die Gruppe noch klein, doch man habe die Idee, einen hauptamtlichen Mitarbeiter für die Jugendbetreuung einzustellen. Lagodinsky versucht, Interesse und Identität für und mit der jüdischen Gemeinschaft zu schaffen. So fordert er unter anderen die Eltern und Großeltern auf, ihren Kindern und Enkeln das Judentum stärker nahezubringen, schließlich sei es »eine Familienreligion«.

Die Gemeinde bemüht sich seit einiger Zeit mit dem »Kinderlehrhaus« stärker um die Jungen und Mädchen aus ihren Reihen. Ein Kindergarten und eine jüdische Grundschule sind noch ein Traum. Doch es gibt auch einen Hoffnungsschimmer: Wenn am kommenden Sonntag mit einem Tag der Offenen Tür das zehnjährige Jubiläum der Synagoge gefeiert wird, tritt ein Kinderchor aus der Gemeinde auf.

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