Düsseldorf

Lammrücken und Maiskolben

Konzentriert wandern die Kinderaugen zwischen Ziel und Gummi‐Pfeilspitze hin und her. Anvisieren, nachjustieren, dann die Sehne loslassen. Der Pfeil schwirrt und trifft mit einem »Plopp« die wenige Meter entfernte Zielscheibe. Treffer. Freude und der Blick zu den Freunden – haben das jetzt auch alle gesehen? Oder man versucht es eben nochmal. Robin Hood hat schließlich auch mal klein angefangen.

Beim Lag‐BaOmer‐Grillen der Düsseldorfer Gemeinde am Sonntag ist das Bogenschießen ein fester Bestandteil. Das macht Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen nicht nur Spaß, sondern hat speziell an diesem Tag in der jüdischen Welt eine jahrhundertealte Tradition. Der Tag soll unter anderem den Bar‐Kochba‐Aufstand gegen die Römer aus den Jahren 132 bis 136 ins Gedächtnis rufen. Und da waren Pfeil und Bogen eine wichtige Waffe der jüdischen Kämpfer gegen die Besatzer.

Regenbogen »Der Bogen erinnert auch an den Regenbogen«, sagt Rolf Räbiger von der Firma Bogenlust, der das Bogenschießen leitet: Und der Regenbogen wiederum gilt seit biblischen Zeiten als Zeichen der Hoffnung und des Bundes zwischen Gott und den Juden. Räbiger macht es sichtlich Spaß, vor einem Tisch voller Bögen die Symbolik zu erklären, von der der passionierte Bogenschütze selbst erst vor einigen Jahren erfuhr. Schnell wird er jedoch unterbrochen von den Fragen der Kinder an den Zielscheiben: »Wann geht’s denn hier weiter?«

Die Duisburger Gemeinde hatte bereits am Donnerstag zum Grillen eingeladen.

Zum vierten Mal lud die Düsseldorfer Gemeinde nun schon zum Lag‐BaOmer‐Grillen auf das weitläufige Gelände eines Abenteuerspielplatzes im Stadtteil Oberkassel mit allerlei kindgerechten Attraktionen ein. An Lag BaOmer wird traditionell mit fröhlichen Festen am Lagerfeuer gefeiert. Einschränkende Gebote der Trauerzeit zwischen Pessach und Schawuot sind an diesem Tag aufgehoben.

Familien Die Familienveranstaltung, die auf den Europawahltag fiel, wurde bestens angenommen. Die Gemeinde hatte den Platz komplett gemietet. Für zehn Euro (Jugendliche und Studenten zahlten fünf Euro, Kinder hatten freien Eintritt) gab’s am Eingang ein Bändchen, und damit sind auch schon die Kosten für die koscheren Leckereien vom auf Hochtouren laufenden Grill abgegolten.

Auf Holzkohle brutzeln die Hähnchensteaks, zarte Lammrücken und saftige Bratwürste, die aromatischen Maiskölbchen nicht zu vergessen, auf deren Vorzüge die Grillmeister gern gesondert hinweisen. Angesichts üppiger Duftschwaden ist die Ansammlung an Grills sinnvollerweise etwas abseits platziert.

Aber wie grillt man garantiert koscher für mehrere Hundert hungrige Gäste? Indem man vorher die Infrastruktur schafft: Die Düsseldorfer Gemeinde hatte vor zwei Jahren die Ansiedlung des koscheren Geschäfts »Lechaim« unterstützt. Und zwar in einem Laden an der Roßstraße, wenige Minuten Fußweg von der Synagoge im Stadtteil Derendorf entfernt. Und dieses liefert nun zertifiziert koschere Lebensmittel für solche Feste. Natürlich schaut ein Rabbiner vor Beginn der Veranstaltung noch über Grill und Lebensmittel und gibt grünes Licht.

Geschicklichkeit Klar, dass neben Fleisch auch für ständigen Nachschub an Salat, Brötchen und zum Beispiel Melonenscheiben gesorgt wird. Viele ehrenamtliche Helfer sind auf dem Abenteuerspielplatz dabei, zum Beispiel das Jugendzentrum der Gemeinde mit rund zehn Aktiven. Die Jugendlichen schminken die jungen Besucher fantasievoll. Sie stellen auch ein »Natur‐Bemalungszentrum« auf die Beine, wo allerlei Objekte bunt angemalt werden können – auch Gesellschaftsspiele und ein Twister‐Geschicklichkeitsspiel sind im Gepäck. »Die Kinder haben super viel Spaß«, freut sich Katie vom Jugendzentrum. Vielen Kindern reicht auch einfach ein alter Fußball in Kombination mit einem mobilen Tor, um zum Nachmittags‐Kick anzutreten.

An den Tischen wurde auch über die Europawahl und das Kippatragen diskutiert.

An den Tischen wird derweil über die gerade laufende Europawahl diskutiert. Viele erzählen, dass sie vorher noch schnell im Wahllokal ihre Stimme abgegeben haben. Und auch die Frage, wo man sich denn in der NRW‐Landeshauptstadt öffentlich mit Kippa zeigen könne und wo besser nicht, ist ein Dauerthema.

Mitten im bunten Treiben steht Rabbiner Benjamin Kochan, der im vergangenen Sommer vom thüringischen Gera an den Rhein gewechselt ist. Es ist sein erstes Lag‐BaOmer‐Grillen in Düsseldorf. »Das ist eine tolle Familienveranstaltung. Prima, dass so viele gekommen sind. Hier scheinen sich ja alle zu kennen. Ich bin mit dem Bus hierhin gefahren – da habe ich es schon gemerkt: Zwei Drittel der Fahrgäste waren Gemeindemitglieder.«

Nachwuchs Für den Nachwuchs, darunter viele Kindergartenkinder und Schüler, ist es gar nicht so einfach, den Überblick über die Attraktionen auf dem circa 10.000 Quadratmeter großen Gelände zu behalten. Da gibt es neben den traditionellen Sandspielplätzen stillgelegte Autos zum Erkunden, eine Feuerstelle, Bretterbuden, ein Pferd (das den ganzen Rummel äußerst gelassen nimmt), eine über einer Senke an flexiblen Seilen aufgehängte »Lianenschaukel« – und vieles mehr.

Eine Bühne oder Programmpunkte zur Unterhaltung sucht man hier vergebens. Sie werden auch nicht vermisst. Auch andere NRW‐Gemeinden feierten Lag Ba­Omer mit Veranstaltungen. Die Duisburger Gemeinde hatte beispielsweise am Donnerstag zum Grillen eingeladen.

Einige der Besucher in Düsseldorf nutzen den Rückweg übrigens, um einen Bogen in eine weit entfernte Kultur zu schlagen, die ebenfalls das Bogenschießen seit Jahrhunderten hoch in Ehren hält: An den großen Spielplatz grenzt das bekannte EKO‐Haus der japanischen Kultur mit seinem kunstvoll arrangierten Garten und einem japanischen Tempel. Wie geschaffen für das Abschlussfoto eines gelungenen Lag‐BaOmer‐Tages.

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