Regensburg

Kunstwerk der Gemeinsamkeit

Entwurf: Das Kunstwerk von Tom Kristen mit dem Gedicht von Rose Ausländer soll im Eingangsbereich der Synagoge Regensburg hängen. Foto: PR

GemeindeDer Begriff Gemeinsamkeit beschreibt die Jüdische Gemeinde Regensburg wohl am besten, sowohl was ihre innere Struktur und das Verhältnis der rund 1000 Mitglieder zueinander angeht als auch ihre Einbettung in die Gesellschaft der traditionsreichen Stadt an der Donau. »Gemeinsamkeit« hat auch die Lyrikerin Rose Ausländer eines ihrer Gedichte überschrieben, das nun als Kunstwerk das neue Regensburger Gemeindezentrum zieren wird.

Der bayerische Künstler Tom Kristen hat es entworfen. Auf einer goldfarbenen Metallspirale sind vier Strophen des Ausländer-Gedichts angebracht – und zwar in der Originalhandschrift der Lyrikerin.

Das Kunstwerk zitiert: »Vergesst nicht / Freunde / wir reisen gemeinsam«. In der dritten und vierten Strophe heißt es: »Vergesst nicht / es ist unsere / gemeinsame Welt / die ungeteilte / ach die geteilte / die uns aufblühen lässt / die uns vernichtet / diese zerrissene / ungeteilte Erde / auf der wir / gemeinsam reisen«. Die einzelnen Buchstaben messen 25 Zentimeter. Der Durchmesser bemisst sich auf 5,70 Meter, insgesamt ist die Spirale 53,3 Meter lang.

Entwürfe Die Jury hatte unter insgesamt acht Vorschlägen ausgewählt und einstimmig für die 75.000 Euro teure Arbeit von Tom Kristen votiert. Regensburgs Gemeindevorsitzende Ilse Danziger zeigt sich höchst zufrieden: »Uns gefällt die künstlerische Idee und ihre Realisierung. Das Kunstwerk ist direkt am Eingang angebracht. Es drückt etwas Verbindendes zwischen außen und innen aus.« Der Inhalt des Gedichts von Rose Ausländer entspreche zudem einem zentralen Anliegen der Regensburger Gemeinde.

»Gemeinsamkeit bezieht sich nicht nur auf unsere Gemeinde selbst, sondern auch auf unser Bemühen, gemeinsam mit unserer Stadt und allen Menschen hier etwas zu erreichen, das uns gemeinsam am Herzen liegt.« Die Jüdische Gemeinde Regensburg leiste einen Beitrag zum kulturellen Leben der Stadt und lade zu Veranstaltungen ein, die offen für alle sind. »Das Gemeindezentrum etabliert sich weiterhin als ein kultureller Ort für die ganze Stadt«, sagt Danziger.

Nutzen Tom Kristen hat bereits zahlreiche Werke im sakralen, aber auch im profanen öffentlichen Raum realisiert. Jetzt schafft er zum ersten Mal ein künstlerisches Statement für eine Synagoge: »Ich frage mich immer, was kann Kunst an einem durch Nutzung und die gegebene architektonische Situation festgelegten Ort Zuätzliches leisten, wie kann sie geistigen und ästhetischen Mehrwert schaffen«.

Da die räumlichen Gegebenheiten sehr beengt sind, habe er den »Zwischenort« vor dem Eingang gewählt. Bei diesen Überlegungen sei ihm das Gedicht von Rose Ausländer geradezu »zugeflogen«. »Da wusste ich: Das ist es.«
Ihre inhaltliche Entscheidung begründet die Jury mit dem Hinweis, Rose Ausländers Gedicht spiegele die jüdische Geschichte wider und betone die gemeinsame Verantwortung für die Zukunft. »Der gewählte Ort ist als Schnittstelle zwischen Stadtgesellschaft und jüdischer Gemeinde gut gewählt. Die Mehrschichtigkeit der Arbeit bezüglich Symbolkraft und Raumwirkung wird besonders positiv gesehen.«

Kosten Das neue Gemeindezentrum – ein Entwurf des Architekten Volker Staab – wird genau an der Stelle errichtet, an der seit 1912 die große Synagoge stand, die 1938 von den Nazis zerstört und abgerissen wurde. Das Gemeindezentrum mit integrierter Synagoge soll rund fünf Millionen Euro kosten. Dazu kommen 2,5 Millionen für die Sanierung für Räumlichkeiten des alten Gemeindehauses.

Die Einweihung des Gemeindezentrums ist an einem historischen Datum geplant, dem 23. Februar 2019. An jenem Tag wurden 500 Jahre zuvor Juden aus der Stadt vertrieben und die mittelalterliche Synagoge zerstört, die damals auf dem heutigen Neupfarrplatz in der Altstadt stand. Auf ihren Grundmauern schuf 2005 der israelische Künstler Dani Karavan ein begehbares Bodenrelief. Es ist heute – ganz im Sinn des Mottos »Gemeinsamkeit« – eine Begegnungsstätte.

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