Porträt der Woche

»Kunst ist meine Leidenschaft«

Arkadia Vershvovskaya studiert Jüdische Studien in Potsdam und malt in ihrer Freizeit

von Jérôme Lombard  15.09.2019 08:19 Uhr

»Solange ich Fotos meiner Lieblingsgemälde bei mir habe, kann ich mich überall heimisch fühlen«: Arkadia Vershvovskaya (26) lebt in Berlin. Foto: Stephan Pramme

Arkadia Vershvovskaya studiert Jüdische Studien in Potsdam und malt in ihrer Freizeit

von Jérôme Lombard  15.09.2019 08:19 Uhr

Wassily Kandinsky, Kasimir Malewitsch, El Lissitzky. Mit den Namen dieser großen Künstler der russischen Avantgarde bin ich aufgewachsen. Mein Vater arbeitete in der Sowjetunion viele Jahre lang als Kunsthistoriker. Nebenbei sammelte er auch selbst Kunstwerke. Die russische Avantgardemalerei der 20er-Jahre war schon immer einer seiner besonderen Interessensschwerpunkte.

Ich glaube, es sind die abstrakten Formen und Farben, gemischt mit der politischen Botschaft nach gesellschaftlicher Umwälzung, die ihn daran so faszinieren. Mit einem kunstvernarrten Vater wie meinem war es dann eigentlich nur logisch, dass mir die Liebe zur Kunst – und speziell zur Malerei – quasi in die Wiege gelegt wurde.

berlin-weissensee Bis heute ist Kunst eine meiner besonderen Leidenschaften. Ich besuche liebend gern Ausstellungen und Galerien. Zudem male und zeichne ich selbst. Ich hatte sogar kurzzeitig überlegt, an der renommierten Kunsthochschule in Berlin-Weißensee zu studieren, und mich auch dort beworben. Ich wurde sogar angenommen – was an sich schon ein Erfolg ist.

Am Ende habe ich mich dann aber doch für ein etwas bodenständigeres Studium entschieden: Seit 2014 bin ich im Bachelorstudiengang Russistik und Jüdische Studien an der Universität Potsdam eingeschrieben. Ich finde, dass diese Fächerkombination am besten zu meiner Persönlichkeit und meinen Interessen passt.

Mein Vater hat mir die Liebe zur russischen Avantgarde in die Wiege gelegt.

Ich wurde 1992 in St. Petersburg geboren. Mein Vater war dort für längere Zeit in der Eremitage beschäftigt. Zusammen mit meiner Mutter und meinem zwölf Jahre älteren Bruder sind wir ein Jahr nach meiner Geburt nach Deutschland ausgewandert. Zunächst ging es für uns nach Köln, vier Jahre später zogen wir nach Berlin, wo ich seitdem lebe.

Als sogenannte Kontingentflüchtlinge konnten wir damals recht unbürokratisch einen dauerhaften Aufenthaltstitel in der Bundesrepublik erhalten. Ich glaube, dass diese Möglichkeit der Einreise der Hauptbeweggrund für meine Eltern war, ausgerechnet nach Deutschland zu gehen.

FAMILIE Für meine Eltern, beide russische Juden, war es bestimmt nicht einfach, ihre Heimat zu verlassen. Meine Mutter hat in der Sowjetunion Journalistik studiert und als Redakteurin und freie Autorin für verschiedene Zeitungen gearbeitet. Darüber hinaus hat sie schon seit ihrer Kindheit Prosa geschrieben. Bis heute arbeitet sie als Schriftstellerin.

Meine Mutter hat mir erzählt, wie der staatliche Zensurapparat in der Sowjetunion immer wieder versuchte, ihre Arbeit einzuschränken. So wollte sie zum Beispiel beim Fernsehen arbeiten. Das war immer schon ihr großer Traum gewesen. Es wurde ihr von den Behörden aber klargemacht, dass sie als Jüdin keinen Platz in diesem für den Staat entscheidenden Massenmedium haben würde. Absurde Situationen wie diese hat sie immer wieder erlebt.

Meine Eltern haben mir außerdem beide viel von dem in Russland grassierenden Antisemitismus erzählt, der sie nach dem Fall des Eisernen Vorhangs schließlich dazu bewegt hat, das Land zu verlassen.

Leider habe ich meinen Großvater nie kennengelernt. Ich hätte ihm viele Fragen zum Judentum stellen wollen.

Mein Vater stammt aus einer religiösen Familie, sein Vater war Rabbiner in der litauischen Hauptstadt Vilnius. Leider habe ich meinen Großvater väterlicherseits nie kennengelernt. Ich hätte ihm viele Fragen zum Judentum stellen wollen.

In der Sowjetunion wurde die jüdische Tradition und Religion wie alle anderen Religionen stark unterdrückt – ein Umstand, der die Familie meines Vaters sehr belastet hat. Meine Eltern sind aufgrund der Verhältnisse damals sowjetisch-atheistisch aufgewachsen, auch wenn sich beide ihrer jüdischen Herkunft stets bewusst waren.

FEIERTAGE In meiner Kindheit hat das Judentum in religiöser Hinsicht daher keine große Rolle gespielt. In Köln war ich sogar auf einer katholischen Vorschule. In Berlin aber wechselte ich auf die jüdische Grundschule, die Heinz-Galinski-Schule, und mein Abitur legte ich am Jüdischen Gymnasium Moses Mendelssohn ab.

Denn auch wenn das Judentum als Religion bei uns zu Hause nicht sehr präsent war, so waren es die Traditionen und Gebräuche immer. Die Hohen Feiertage, Chanukka und Pessach feiern wir gemeinsam, seit ich denken kann. Tradition und Familie als Werte zusammenzubringen, war meinen Eltern in der Erziehung sehr wichtig.

Als ich 14 oder 15 Jahre alt war, fing ich an, mich intensiver mit dem Judentum zu beschäftigen. Der Religionsunterricht an der Schule war ein wichtiger Auslöser dafür. Ich wollte einfach mehr über meine Familiengeschichte und ihre Wurzeln erfahren. Ganz entscheidend war auch, dass ich mit 18 Jahren eine Taglit-Reise nach Israel unternommen habe. Mit anderen Jugendlichen gemeinsam nach Israel zu fahren und Jerusalem, Tel Aviv und Haifa zu sehen, war eine ganz besondere Erfahrung, die mich in meiner jüdischen Identität nachhaltig bestärkt hat.

Meine Mutter hat mir erzählt, wie der staatliche Zensurapparat in der Sowjetunion immer wieder versuchte, ihre Arbeit einzuschränken.

Meine Mutter, die in der Jüdischen Gemeinde zu Berlin sehr aktiv ist, hat mich damals auf das Taglit-Programm des Zentralrats aufmerksam gemacht. Ich wusste vorher gar nichts von dieser Möglichkeit und bin bis heute dankbar, dass ich diese Chance bekommen habe.

TRADITION Inzwischen habe ich mein Judentum ganz persönlich für mich entdeckt. Ich lebe die Traditionen und Gesetze so, wie ich es für richtig halte. Ich würde mich selbst zwar als konservativ, aber nicht im doktrinären Sinne beschreiben.

Die Kaschrut halte ich ein, und den Schabbat versuche ich als wirklichen Ruhetag anzunehmen. Ich gehe auch regelmäßig in die Synagoge zum Gottesdienst. Und der Wunsch, noch mehr über jüdische Philosophie, Sprache, Kultur und Geschichte zu erfahren, hat schließlich dazu beigetragen, dass ich mich für Jüdische Studien als Zweitfach entschieden habe.

Auch nach meinem Abschluss fände ich es schön, in einem jüdischen Kontext zu bleiben und tätig zu werden. Ich könnte mir zum Beispiel gut vorstellen, in der Berliner Jüdischen Gemeinde zu arbeiten. Mein großer Traum wäre es, in der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem mitzuwirken. Ich war schon einige Male dort und bin von der Atmosphäre des Ortes begeistert.

TRAUM Für mich ist Yad Vashem der zentrale Ort, um etwas über die Schoa zu erfahren. Natürlich gibt es auf der ganzen Welt Holocaust-Museen, aber ein Museum zu diesem Thema auf israelischem Boden ist natürlich noch einmal etwas ganz Besonderes.

Die Schoa ist ein wichtiger Teil meiner Identität und der meiner Familie. Die Geschichte war bei uns immer sehr präsent, Familienangehörige wurden von den Natio­nalsozialisten ermordet. An einer so bedeutenden pädagogischen Lernstätte über das Menschheitsverbrechen der Schoa wie Yad Vashem arbeiten zu können, wäre eine große Ehre für mich.

Die große Anziehungskraft, die Berlin für junge Menschen aus der ganzen Welt hat – auch speziell aus Israel –, habe ich nie ganz verstanden.

Doch selbst wenn sich dieser Traum nicht erfüllen sollte, kann ich mir durchaus vorstellen, nach Israel zu ziehen. Wir haben einige Verwandte dort, und ich bin immer gerne im Land.

Ich mag das Lebensgefühl und die Menschen, die eine ganz bestimmte Art des Zusammenhalts haben. Zudem beeindruckt mich, wie offen die Leute ihr Judentum ausleben. Wenn ich es mir aussuchen könnte, würde ich gerne entweder in Haifa oder in Netanya wohnen. Dort leben viele russischsprachige Einwanderer, und die Städte gefallen mir beide sehr gut. Aber mal schauen, noch ist es ja nicht so weit.

COMMUNITY Erst einmal muss ich mein Studium beenden, und dann sehe ich weiter. An Berlin gebunden fühle ich mich jedenfalls nicht. Natürlich lebt meine Familie hier, und ich habe viele Freunde in der jüdischen Community. Die große Anziehungskraft, die Berlin für junge Menschen aus der ganzen Welt hat – auch speziell aus Israel –, habe ich aber nie ganz verstanden.

Klar, Berlin hat als Stadt viel zu bieten, gerade auch für Juden. Das weiß ich zu schätzen. Aber auch andere Städte haben auf diesem Gebiet jede Menge Interessantes zu bieten.

Ich will mir jedenfalls alle Optionen offenhalten. Denn ich bin jung und möchte etwas aus meinem Leben machen. Und solange ich immer ein paar Bilder meiner Lieblingsgemälde bei mir habe, kann ich mich überall heimisch fühlen.

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