Köln

Kunst als Lebensbejahung

»Alturas de Macchu Picchu, CANTO I«, Ausstellung: Santiago de Chile 1980

Als ich am 10. November 1938 zur Schule ging, sah ich die erschreckende Verwüstung und Gewalt auf den Straßen, und erfuhr, dass in der Nacht Menschen misshandelt, festgenommen wurden. Es blieb kein innerer Raum, sich frei fühlen zu können.«

Mit diesen Worten erinnerte sich Ruth Rebecca Fischer‐Beglückter Jahrzehnte später an jenen Tag, als sie sich auf den Weg in die »Jahwne«, das jüdische Reformgymnasium in Köln, machte und der Alltag für die damals Elfjährige über Nacht nicht mehr so war wie bisher. Ein Jahr später fand sie einen neuen Raum, um sich frei zu fühlen. Ihrer alleinerziehenden Mutter war mit den Kindern die Flucht nach Chile geglückt.

Es ist eine fast unglaublich anmutende Wendung in der bewegten Biografie der heute 91 Jahre alten Künstlerin, dass sie später einerseits ausgerechnet an ihrem Zufluchtsort vor der Diktatur von Augusto Pinochet floh und andererseits dann ausgerechnet wieder nach Köln zurückkehrte. »Mit meiner Rückkehr musste ich mein seelisch‐geistiges Leben aus dem diktatorisch‐unfreien Chile retten«, äußerte die 1927 in der Rheinmetropole geborene Fischer‐Beglückter. Im Jahr 2017 zog sie zu ihrer Tochter nach Spanien.

Kunstschatz »Als ich sie noch in Köln besuchte, war das eine faszinierende Momentaufnahme«, erinnert sich David Klapheck. Wie schon so oft waren dem Geschäftsführer der Synagogen‐Gemeinde Köln (SGK) Bilder angeboten worden, die er sich anschauen sollte, es würde sich lohnen. »Ich kam in eine Wohnung mit zweieinhalb Zimmern, in denen sich rund 300 Bilder befanden«, erzählt Klapheck.

»Und ich habe einen unglaublichen künstlerischen Schatz vorgefunden.« Als Sohn des Grafikers und Malers Konrad Klapheck (geboren 1935) und durch seine berufliche Tätigkeit in einer Galerie bringt David Klapheck genügend Expertise mit, um den künstlerischen Schatz der seit 1980 als freie Künstlerin arbeitenden Ruth Rebecca Fischer‐Beglückter beurteilen zu können.

44 Gemälde hat die Malerin ihrer ehemaligen Gemeinde vermacht. Bis zum 26. November sind die Bilder noch in den Räumen der Synagogen‐Gemeinde an der Roonstraße zu sehen – die erste umfassende Retrospektive der Künstlerin, die hauptberuflich zunächst viele Jahre als Psychologin arbeitete.
Ohne Chile wäre sie wohl nie zur Malerei gekommen, schreibt die Enkelin im Vorwort des aufwendig gestalteten Ausstellungskatalogs.

Farbkraft Dem Betrachter begegnen großformatige abstrakte Gemälde, die nicht zuletzt durch den dicken, fast verschwenderischen Auftrag kräftiger Farben eine geradezu suggestive Kraft entfalten. Mehr noch. »Die Bilder strotzen vor Mut und Lebensbejahung«, interpretiert David Klapheck und verweist auf die Biografie der Künstlerin: »Das muss im Zusammenhang gesehen werden, dann erschließen sich die Bilder noch viel eindrucksvoller.«

Doch nicht nur Chile hat Ruth Rebecca Fischer‐Beglückter geprägt. Auch Israel markiert in den vielfältigen Lebensstatio­nen dieser Zeitzeugin eine bewegende Wegmarke. 1948 meldete sich die damalige Studentin der Philosophie und Psychologie an der Universität von Santiago de Chile für den Unabhängigkeitskrieg. In der Palmach, einer paramilitärischen jüdischen Einrichtung, lernte sie ihren Mann Enrique Rothschild kennen. Zwei Monate nach der Heirat fiel der Soldat an der Front in der Wüste Negev. Die junge Witwe kehrte daraufhin nach Chile zurück, heiratete später erneut und wurde Mutter einer Tochter.

Chile Neben den vielen Naturerfahrungen in Chile sind es Alltagsbegegnungen sowie Erfahrungen aus Krieg und Emigration, die im Werk von Fischer‐Beglückter thematisiert und ausdrucksstark verarbeitet werden. Aber auch literarische Vorlagen wie beispielsweise alttestamentliche Psalmen oder auch Musik sind für die gläubige Jüdin bedeutsame Quellen für ihr künstlerisches Schaffen.

Die Lebensgeschichte von Ruth Rebecca Fischer‐Beglückter hat auch Markus Eisenbeis beeindruckt, insbesondere die Flucht vor dem Nationalsozialismus und die spätere Rückkehr in ihre Heimat. »Es ist ein sehr versöhnender Lebensweg einer jüdischen Künstlerin, die oftmals im Schatten ihrer männlichen Kollegen stand«, sagt der geschäftsführende Gesellschafter des renommierten Auktionshauses Van Ham.

Die Assistentin der Geschäftsführung, Dana Röttger, hat federführend den Katalog konzipiert und mit sehr viel Arbeit und Liebe zum Detail das Ausstellungsprojekt begleitet. Insgesamt sei diese Schau keinesfalls nur eine regionale zeitgeschichtliche Facette, sagt Eisenbeis, der hofft, dass die Retrospektive auf dieses »exemplarische Schicksal eines außergewöhnlichen Lebens und Wirkens« auch außerhalb Kölns auf lebhaftes Interesse stoßen wird.

Die Ausstellung ist noch bis zum 26. November in der Synagoge Roonstraße zu besichtigen.

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