Braunschweig

Kritische Töne zum Jahresbeginn

Eintrag ins Goldene Buch der Stadt Braunschweig: Josef Schuster Foto: Philipp Ziebart/BestPixels.de

Nach knapp vier Jahren Amtszeit war Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, zum ersten Mal Gast der Jüdischen Gemeinde Braunschweig. Sie hatte ihn zu ihrem Neujahrsempfang eingeladen. Mit knapp 200 Mitgliedern gehört sie zu den kleineren Gemeinden im Lande.

Aber Braunschweig und die Region haben schon vor Jahrhunderten im jüdischen Geistesleben eine bedeutende Rolle gespielt. So erinnerte Schuster in seiner Rede unter anderem an Israel Jacobson. Der jüdische Aufklärer, Pädagoge, Rabbiner und Bankier – 1768 in Halberstadt geboren – lebte und wirkte viele Jahre lang in Braunschweig und war einer der Begründer des Reformjudentums.

netzwerk Schuster würdigte das 2016 an der Technischen Universität Braunschweig gegründete Israel Jacobson Netzwerk für jüdische Kultur und Geschichte, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, insbesondere die jüdische Geschichte der Region Braunschweig vor dem Vergessen zu bewahren. Der 250. Geburtstag Jacobsons ist Anlass für eine Fülle von Gedenkveranstaltungen – unter anderem mit Einblicken in die jüdische Musikgeschichte bis hin zu Bob Dylan.

Doch zunächst galt die Bewunderung aller Svetlana Kundish, Kantorin der Braunschweiger Gemeinde. Das von ihr gesungene Gebet »Ilu finu«, eine Komposition von Shlomo Gronich, bewegte weit über den Augenblick hinaus.

Doch unter die launigen Worte von Rabbiner Jona Simon, warum Juden bereits das Jahr 5779 begrüßen, mischten sich die kritischen Töne des Zentralratspräsidenten. In wenigen Wochen werden auf Gedenkfeiern wieder ernste Reden gehalten werden. Anlass ist der 80. Jahrestag der Novemberpogrome von 1938. »Es gibt allenthalben Kritik an diesem angeblich rituellen Gedenken. Aber was wäre, wenn nicht einmal mehr zu bestimmten Daten an die historischen Ereignisse erinnert würde?«, fragte Schuster.

generation »Wären wir losgelöst von diesen Tagen wirklich in der Lage, die Erinnerung in die nächste Generation zu tragen?« Und wie haben Juden das zurückliegende Jahr erlebt? Es ist viel passiert, was sie beunruhigen muss. Ist Deutschland – das fragen sich viele von ihnen – wirklich noch ein sicheres Zuhause? Hier wurde Schuster sehr konkret, nannte Mobbing, körperliche Übergriffe gegen jüdische Schüler, Angriffe gegen Juden auf der Straße, auf Gemeinden, wie jüngst wieder in Gelsenkirchen, oder auf ein jüdisches Restaurant wie in Chemnitz.

Die Bundestagswahl habe zudem mit der AfD eine Partei ins Parlament gebracht mit Politikern, »die den Nationalsozialismus relativieren und die Opfer der Schoa verhöhnen«. Auch das ist Schusters Erfahrung: Viele verknüpfen ihre Kritik an Israel mit tradierten antisemitischen Klischees. »Dieser Antisemitismus dient dann als Brücke zu Gesellschaftsschichten, die bislang für Extremisten nur schwer zu erreichen waren.«

Antisemitismus werde auch von Migranten aus dem arabischen Raum verbreitet. »Ihre Herkunftsstaaten sind mit Israel tief verfeindet. In Ländern wie Syrien gehört Antisemitismus quasi zur Staatsreligion. In Atlanten, die dort im Schulunterricht verwendet werden, ist Israel nicht auf der Karte zu finden.«

Wie kann man jene, die zu uns kommen und mit solchen Feindbildern aufgewachsen sind, emotional erreichen? Kein leichtes Unterfangen. »Sie müssen einsehen, dass ihnen Schauermärchen erzählt wurden. Sie müssen sich eingestehen, in Teilen mit einem falschen Weltbild durchs Leben gegangen zu sein«, sagte Schuster.

Lehrerausbildung Die Lehrerausbildung muss besser werden. Auch das ein Schwerpunkt von Schusters Rede. Das Ziel müsse sein, jüdische Religion, Kultur und Geschichte breiter als bislang in den Schulen zu vermitteln. »Bisher kommen Juden als Thema in der Schule fast ausschließlich als Opfer vor – meist fokussiert auf die Zeit von 1933 bis 1945. Wie sehr das Judentum Deutschland Jahrhunderte davor und danach geprägt hat, fällt häufig unter den Tisch.«

Und doch beendete Schuster seine Re­de mit Beispielen der Zuversicht: Die KZ‐Gedenkstätten und jüdischen Museen vermelden seit Jahren steigende Besucherzahlen. Tausende nichtjüdischer Bürger setzten sich im Frühjahr aus Solidarität eine Kippa auf. Zum Konzert gegen rechts kamen in Chemnitz 65.000 Menschen.

Und es gibt noch einen Aspekt, der Schuster Hoffnung macht: »Das jüdische Leben entwickelt sich weiter, und die deutliche Mehrheit unserer Gesellschaft ist demokratisch und lebt die Werte unseres Grundgesetzes. Es ist nur eine Minderheit, die an diesen Grundfesten rüttelt.«

Schuster trug sich in das Goldene Buch der Stadt Braunschweig ein. Und sicher hat er Lust wiederzukommen, allein, um das Jüdische Museum des Braunschweigischen Landesmuseums zu besuchen. Dessen Judaica‐Sammlung gehört zu den herausragenden Sammlungen in Deutschland.

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