Hamburg

Kochkurs und kleine Klassen

Wir sind schon da: Welche Kinder kommen im nächsten Jahr hinzu? Foto: Moritz Pieler

Stolz hält Nimue einen Pappbogen mit aufgeklebten Buchstaben hoch. Eben hat das fünfjährige Mädchen ihr erstes Wort auf Hebräisch zu Papier gebracht. Die Stunden davor hat sie gespielt und geschrieben, gemalt und die Räume der Joseph‐Carlebach‐Schule im Hamburger Grindelviertel erkundet. Ihre Eltern sind zum Tag der offenen Tür gekommen, um sich die Ganztagsschule genauer anzuschauen.

Es ist bisher die dritte Schule, die sich ihre Mutter Anja Romeikat anguckt, eine moderate Zahl für Hamburger Verhältnisse, wo Eltern oft sieben, acht Schulen besuchen, bevor sie sich entscheiden. »Wir haben in der Zeitung über die Schule gelesen und da sie in unserer Nachbarschaft liegt, wollten wir sie gerne kennenlernen.« Romeikats sind keine jüdische Familie und wussten zunächst gar nicht, dass die Schule allen Kindern offen steht.

»Etwa 30 Prozent der Kinder haben keinen jüdischen Hintergrund«, erzählt Nina Kolberg vom Elternbeirat, deren Sohn David die zweite Klasse besucht. Gerade dieses Miteinander mache die Idee der Schule aus, findet Ruben Herzberg, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Hamburg. »Darum geht es hier, eine anspruchsvolle und schöne Schule zu haben, die den Kindern ein Zuhause ist und in der sie einen gemeinsamen Blick auf die Welt bekommen.«

Ganztagsbetreuung Ein Konzept, das auch die Familie Romeikat überzeugt. »Ich habe mich direkt wohlgefühlt, als wir in die Schule kamen. Es ist ja auch ein sehr schönes Gebäude« erzählt Frau Romeikat im Elterngespräch mit Schuldirektor Heinz Hibbeler. Die Schule liegt in der Tat im historischen Talmud‐Tora‐Gebäude im Grindelviertel, in der sie in den Jahren 1911 bis 1939 schon einmal beheimatet war. 2007 wurde sie dort als Ganztagsschule wiedereröffnet. Ihre Schülerzahlen steigen seitdem stetig an. Waren es im ersten Jahrgang noch zwölf Kinder, sind es mittlerweile fast 60 in den Klassen eins bis drei und in der Vorschule.

Dennoch sind gerade die kleinen Klassen ein starkes Argument für viele Eltern. Dass es zum Lernangebot der Schule gehört, sich individuell auf Bedürfnisse und Talente der Kinder einzustellen, wird erst dadurch möglich. In den nächsten Jahren soll die Schule bis zur sechsten Klasse erweitert werden.

jahrgangsübergreifend Das Konzept der Schule ist klar definiert, zu den inhaltlichen Vorgaben der Schulbehörde kommen gleichermaßen jüdische Inhalte wie Religionsunterricht und Hebräisch. Gelernt wird jahrgangsübergreifend, mit einer stetigen »Mischung aus Anspannung und Entspannung«, wie Ruben Herzberg berichtet, selbst Leiter eines staatlichen Hamburger Ganztags‐Gymnasiums. Jeder Tag startet mit einem Gebet und einem sogenannten offenen Beginn, bevor es an die Schulfächer geht. Dazu kommen Angebote wie die Computer AG, in der die Kinder den Umgang mit dem Internet lernen und eigene Multimedia‐Projekte erstellen. Im vergangenen Halbjahr entstand so ein Trickfilm, bei dem die Kinder von Kamera bis Schnitt alles selbst produzierten.
An den neuen Rechnern spielen gerade ein paar Kinder mit freudigem Kreischen ein Belohnungsspiel, das in einem Lernprogramm integriert ist. Nina Kolberg berichtet, dass sie sich für die Joseph‐Carlebach‐Schule entschieden hätte, weil es eine offene, tolle Schule sei, wo sich ihr Kind wohlfühlen kann. »Für uns war das Jüdische sehr spannend, uns gefiel an der jüdischen Erziehung das Grundprinzip, dass man Kindern keine Angst machen darf.« Angst scheinen die Kinder hier tatsächlich nicht zu haben, die durch die Flure flitzen oder mit ihren Lehrern Malbögen ausfüllen. Bewegung gehört zum Alltag der Schule: »Da wird schon mal der Flur zu einem Hockeyfeld umfunktioniert«, sagt Rektor Hibbeler, der sich im Sommer in den Ruhestand verabschieden wird. Für ihn sucht die Schule einen Nachfolger mit jüdischem Hintergrund.

schulküche Am Eingang der Schule stutzt eine junge Mutter mit ihrer kleinen Tochter, als sie die Sicherheitsschleuse betreten und ihre Taschen leeren müssen. Die Sicherheitsvorkehrungen erschrecken viele potenzielle Bewerber. Die Kinder hingegen gewöhnten sich sehr schnell daran, sagt Alexander Topaz, Elternratsvorsitzender. »Für die Kinder gehört der Umgang mit den Wachleuten einfach dazu. Es sind eher die Eltern, die sich Sorgen machen.« Zudem seien nur wegen des Tages der offenen Tür gesonderte Kontrollen notwendig.

Rektor Hibbeler zählt im Elterngespräch die Vorteile der Sicherheitsmaßnahmen auf: »Zum einen können keine unbekannten Personen auf das Gelände kommen und es kann auch kein Kind unbemerkt die Schule verlassen.«
Weitere Besonderheiten bedürfen etwas näherer Erklärung. Zum Beispiel, dass die Kinder keine eigenen Lebensmittel mit in die Schule bringen dürfen. Die Schulküche versorgt die Kinder zum Frühstück, Mittag‐ und Nachmittagsimbiss mit koscheren Speisen. Das gilt auch für Geburtstagskuchen. Aber die Essregelung hat nicht nur einen religiösen Hintergrund. »Wir wollen den Kindern hier auch eine Esskultur vermitteln«, sagt Hibbeler. Über ihre Kinder lernen auf diese Weise auch die Eltern viel über jüdisches Leben. Einmal im Monat kommen sie beim Elterntreff zusammen, besprechen Probleme und organisieren Feste. Seit Neuestem gibt es eine Freundesgruppe zur Förderung der Schule, wie Alexander Topaz stolz berichtet.

Auf sie habe die Schule einen sehr guten Eindruck gemacht, sagt Anja Romeikat zum Abschluss. Und auch Nimue wirkt sehr zufrieden mit ihrem hebräischen Namensschriftzug in der Hand, als die Familie durch die Sicherheitsschleuse in den Winternachmittag entlassen wird.

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