Porträt der Woche

Kino statt Schule

Für den Bürgerfunk im Radiostudio: Zeev Reichard (18) Foto: Alexandra Roth

In den letzten Tagen war mein Alltag ganz anders als sonst. Ich war als Jugendreporter auf der Berlinale. Ich hatte mich dafür bei der Bundeszentrale für politische Bildung beworben. Es war etwas ganz Besonderes, hier mit sechs Jugendlichen aus ganz Deutschland zusammenzuarbeiten. Jeder hat seine journalistische Stärke, und das machte es auch so spannend. Wir hatten eine eigene Redaktion und haben uns die Filme im Kino angeschaut. Dann mussten wir sie kritisieren und konnten Interviews führen mit Regisseuren und Schauspielern aus aller Welt. Wir durften Formate ausprobieren, das war spannend.

Auch der tägliche Gang zum roten Teppich war etwas Besonderes. Große Promis habe ich nicht getroffen, aber George Clooney, Matt Damon und Shia LaBeouf habe ich von Weitem gesehen. Unsere Beiträge kann man im Internet unter www.fluter-berlinale.de nachlesen.

Die Tage in Berlin waren für mich ein weiterer Schritt auf dem Weg zu meinem Traumberuf Journalist. Eigentlich will ich Sportjournalist werden, aber ich möchte vielfältige Erfahrungen mit Interviews und dem journalistischen Schreiben sammeln.

Abitur Seit Montag ist wieder Schule angesagt. Ich gehe auf ein Aufbaugymnasium, nächstes Jahr steht das Abitur an. Morgens muss ich kurz nach sieben aus dem Haus. Der Weg ist etwas weiter, weil wir in Neuss wohnen, die Schule aber in Düsseldorf ist. Vormittags gehe ich in die Schule. Dann habe ich noch Nachmittagsunterricht: Jüdische Religionslehre und Hebräisch. Wenn ich Freistunden habe, gehe ich ins jüdische Altenheim in der Nähe und kann dort in Ruhe meine Aufgaben machen.

Im Nelly-Sachs-Haus arbeite ich auch nebenbei. Ich helfe beim sozialen Dienst, das heißt, ich betreue alte Menschen, helfe ihnen beim Essen oder gehe mit ihnen spazieren. Das tue ich jetzt schon seit einem Jahr, und es macht wirklich viel Spaß. Am Anfang war ich sehr zurückhaltend gegenüber den alten Menschen, aber mit der Zeit hat sich das entwickelt. Mittlerweile fällt es mir leichter, auf sie zuzugehen. Ich versuche, Unterhaltungen zu führen, aber das ist nicht immer einfach, weil wir viele Demenzkranke haben. Vorher hatte ich null Kontakt mit alten Menschen, außer zu meinem Opa. Mit ihm war es anders, er ist halt ein Familienmitglied.

Mir war es wichtig, selbst Geld zu verdienen und nicht erst nach der Schule damit anzufangen, denn ich möchte mir auch jetzt schon mal einen Wunsch erfüllen, zum Beispiel in den Urlaub fahren. Bei McDonald’s oder in einem Einkaufszentrum zu jobben, das ist keine Arbeit, die ans Herz geht. Das ist in einem Altenheim anders, weil man weiß, die Leute brauchen Hilfe. Es hat mich gereizt, dort zu arbeiten.

In den Ferien arbeite ich oft jeden Tag dort. Wenn Schule ist, bin ich einmal die Woche nachmittags für etwa vier Stunden im Nelly-Sachs-Haus. Und sonntags komme ich immer morgens um acht Uhr. Ich helfe dann beim Frühstück und bleibe bis elf Uhr. Länger geht nicht, weil ich dann zur Mathenachhilfe muss. Mathe ist mein drittes Abiturfach, und da muss ich ein bisschen reinhauen.

Fussball Ich möchte Sportjournalist werden. Absolut! Das ist schon seit Jahren mein Traum. Vorher wusste ich gar nicht, was ich später mal beruflich machen will. Fußball war immer schon meine Leidenschaft. Aber selbst spielen kann ich nicht. Das mache ich nur manchmal, so als Hobby. Aber ich bin nicht gut, und außerdem habe ich Asthma. Früher hat mich das extrem beeinflusst.

Mein Schülerpraktikum habe ich bei der Westdeutschen Zeitung, einer Düsseldorfer Lokalzeitung, gemacht. Zwei Wochen Sportredaktion! Das hat super viel Spaß gemacht. Ich wurde zu Fortuna, dem Düsseldorfer Fußballverein, mitgenommen, zum Eishockeyclub DEG, durfte mit zu Pressekonferenzen und eigene Artikel schreiben. Das war eine ganz neue Erfahrung. Als das Praktikum zuende war, wusste ich: Das ist es, was ich machen will!

Mittlerweile bin ich freier Mitarbeiter bei einem Jugendinternetportal. Um Erfahrungen zu sammeln, schreibe ich wöchentlich über Fortuna. Wir kriegen kein Geld dafür, sondern machen es »just for fun«. Wenn nicht Schabbat ist, gehe ich selbst ins Stadion, zumindest jedes Heimspiel sehe ich mir an. Sonst gucke ich die Spiele im Fernsehen oder im Internet.

In den Sommerferien habe ich einen Radioworkshop gemacht in einem Jugendzentrum. Am Anfang war sehr viel Theorie, aber dann durften wir ins Studio und einen eigenen Beitrag für den Bürgerfunk machen. Mein Freund und ich haben einen Beitrag über Fortuna gemacht – logisch! Wir waren mit dem Aufnahmegerät beim Training, konnten den Trainer und den Stürmer interviewen. Jetzt machen wir immer noch ab und zu Radio für den Bürgerfunk und ein Internetportal.

Ich höre Fußballspiele gern im Radio. Kommentatoren, die ihre Emotionen zeigen, auch mal schreien, sich nicht zurückhalten, finde ich gut. Mein Traum ist, später einmal Kommentator zu werden. Momentan fällt mir das Reden noch ein bisschen schwer, ich schreibe viel lieber als ich spreche. Aber wenn mir jemand eine Frage über Fußball stellt, dann kann ich locker zehn Minuten antworten.

Wintersport jedoch ist nicht so mein Thema. Es reizt mich einfach nicht. Ich schaue mir sehr gern große Turniere an, Handball oder Basketball und auch Olympische Sommerspiele. Aber die Winterspiele interessieren mich nicht so sehr. Es gibt da – abgesehen von Eishockey – keine Sportart, bei der ich Spaß habe, wenn ich sie verfolge. Trotzdem schaue ich dieser Tage bei den Olympischen Winterspielen hin und wieder auf die Ergebnisse und lese nach, wie viele und in welchen Disziplinen die Deutschen so ihre Medaillen gewinnen.

Freunde Feiern gehen ist nicht so mein Fall, weil ich keinen Alkohol trinke. Es ist im Moment einfach nicht mein Ding. Ich will es nicht. Manchmal wissen die Leute nicht, wann es genug ist. Ich möchte nicht mit Menschen unterwegs sein, die sich die Kante geben. Aber ich gehe schon gerne mal raus mit Freunden, ins Kino oder so.

Ich habe zwei ältere Schwestern, sie sind 21 und 20 Jahre alt. Die jüngere ist gerade für ein Jahr in Israel. Ich war da leider erst zweimal. Es ist ein schönes Land, aber ich könnte mich nicht damit anfreunden, dort zu leben. Ich bin in Deutschland aufgewachsen, hier sind meine Freunde, hier ist meine Familie. Israel ist schön, es gehört zu meiner Religion, aber dort langfristig zu wohnen, kann ich mir nicht vorstellen.

Das Judentum spielt in meinem Leben eine entscheidende Rolle. Wir begehen die Feiertage, essen koscher. Ich gehe am Schabbatmorgen auch gerne in die Synagoge. Es ist nicht einfach, in Deutschland den Schabbat zu halten, aber ich mache es trotzdem. Viele Fußballspiele finden samstags statt. Ich hole mir dann abends die Ergebnisse rein und schaue mir Spielsituationen im Internet an.

In einem Jahr mache ich Abitur. Ich muss sehen, dass ich die Schule irgendwie gut packe. Der fließende Übergang von der Realschule zur gymnasialen Oberstufe war nicht so einfach. Aber das Aufbaugymnasium ist eine gute Sache. Ich weiß noch nicht, ob ich nach dem Abitur ein Auslandsjahr machen will oder ob ich gleich anfange zu studieren, und wenn ja, wo. Vielleicht in Köln. Dort gibt es gute Angebote, und es ist nicht so weit weg von zu Hause.

Aufgezeichnet von Annette Kanis

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