ELES

Kick‐off für Toleranz

Interreligiöser Dialog: Hakan Tosuner vom Avicenna-Studienwerk, Dramatikerin Sasha Marianna Salzmann, Journalistin Kübra Gümüsay, ELES-Geschäftsführer Jo Frank (v.l.) Foto: Rolf Walter/xpress.berlin

Debatten gehören zur Demokratie. Doch Werte wie Meinungsfreiheit und Pluralismus sind plötzlich keine Selbstverständlichkeiten mehr und stehen überall zur Disposition. Um den zahlreichen Angriffen auf eine offene Gesellschaft etwas entgegenzusetzen, haben sich nun das Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk (ELES) sowie das Avicenna‐Studienwerk mit den Begabtenförderungswerken der Friedrich‐Ebert‐Stiftung, der Friedrich‐Naumann‐Stiftung für die Freiheit, der Hanns‐Seidel‐Stiftung, der Heinrich‐Böll‐Stiftung  sowie der Konrad‐Adenauer‐Stiftung und der Rosa‐Luxemburg‐Stiftung zusammengetan, um gemeinsam Strategien zu finden, gelebte Vielfalt in all ihren Facetten besser zu verteidigen. Allein diese breit gefächerte Koalition belegt, wie dringend notwendig Überlegungen und Konzepte zur Demokratiestärkung sind – und dass sich Projekte dieser Art nur religions‐ und parteienübergreifend bewältigen lassen.

Ausdruck dieser von Kooperationsgeist geprägten Grundhaltung aller Begabtenförderungswerke sollte die Veranstaltung »Vielfaltsverteidigung!« am vergangenen Donnerstag in Berlin sein, die den Auftakt zu der Vortrags‐ und Diskussionsreihe »Gesellschaftsvisionen: Gemeinsam für eine offene, pluralistische, demokratische Gesellschaft« bildete. Nicht ohne Grund wurde sie von dem jüdischen und dem muslimischen Studienwerk gemeinsam ausgetragen. »Auf diese Weise soll der Begriff der Allianzen mit konkreten Inhalten gefüllt werden«, so Jo Frank.

Die Koalition zur
Demokratiestärkung
ist breit gefächert.

ALLIANZ »Überall sind Verschiebungen der Grenzen sichtbar, was plötzlich alles gesagt werden kann«, bringt es Jo Frank auf den Punkt. »Das kann an einem Begabtenförderungswerk natürlich nicht spurlos vorbeigehen oder ihm womöglich egal sein – erst recht keinem jüdischen«, so der ELES‐Geschäftsführer. »Schließlich spiegeln wir selbst die gesellschaftliche Diversität ja auch wider.« Daraus leitet er die Maßstäbe ab, an denen sich die Arbeit von ELES, Avicenna und den anderen messen lassen muss. Denn es sollte den Stiftungen um mehr gehen als nur um die individuelle Förderung. »Wir haben den ganz klaren Anspruch, aktiv in die Gesellschaft hineinzuwirken und sie mitzugestalten.«

Sein Kollege Hakan Tosuner, Geschäftsführer des Avicenna‐Studienwerks, das leistungsstarke und engagierte muslimische Studierende fördert, kann dem nur beipflichten. »Keine der jeweiligen Gemeinschaften sollte in diesem Kontext alleine agieren.« Vor diesem Hintergrund gewinnt auch das vor vier Jahren von ELES ins Leben gerufene Programm »Dialogperspektiven« an Bedeutung, weil es Stipendiaten aller 13 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützten Begabtenförderungswerke als künftige Verantwortungsträger durch spezielle Programme zu Experten auf dem Gebiet des interreligiösen Dialogs macht. Auf diesen Erfahrungen möchte man weiter aufbauen.

THINKTANK Bei dieser Gelegenheit stellte man auch gleich sein neues »Baby« vor: den neuen jüdisch‐muslimischen Thinktank Karov‐Qareeb. »Uns geht es darum, das Eigene zu behaupten, ohne direkt dabei in der universellen Gleichförmigkeit aufzugehen«, so Frank. Die Stipendiaten sollen dafür größtmögliche Freiräume erhalten. »Was genau gemacht werden soll, muss man nicht vorher ausformulieren. Es bleibt ihnen selbst überlassen und hat viel mit der Lust zu tun, gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen.«

Auf dem Podium in Berlin stellten sich die Dramatikerin Sasha Marianna Salzmann und die Journalistin und Bloggerin Kübra Gümüsay den Fragen. Vor allem Salzmann äußerte Bedenken zum Titel der Veranstaltung. »Verteidigung hat aus meiner persönlichen Perspektive etwas mit Wegducken zu tun«, erklärte sie und verwies auf ihre Erfahrungen als Boxerin. »Ich wäre eher dafür, das Wort ›Verteidigung‹ durch ›Leben‹ zu ersetzen.« Viele Aspekte davon seien sowieso eng mit den Fragen von Identität und Diversität verwoben.

»Ich kann schon gar nicht mehr aufzählen, wie viele Minderheiten ich in meiner Person vereine«, so die 1985 in Wolgograd Geborene, die als jüdischer Kontingentflüchtling nach Deutschland kam und sich seit Jahren binären Geschlechterzuordnungen entzieht. »Allein, das wir existieren, ist schon Protest.«

AGENDA Auch Gümüsay fragte: »Haben wir nicht bereits verloren, wenn wir anfangen, uns zu verteidigen?« Ferner warnte sie vor einer – mitunter unbewussten – Übernahme der Sprache der rechten Populisten. »Mich ärgert der Drang nach Konformität. Allein schon die Beschäftigung mit der Frage, was die Agenda einer offenen Gesellschaft sein könnte, führt meiner Meinung nach zu der Vernachlässigung unserer eigentlichen Aufgabe: eine eigene Agenda zu schaffen.«

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