Fest

Kerzen, Chöre und Konzerte

Rabbiner Arie Folger spricht zur Bedeutung des Chanukka-Festes. Foto: Marina Maisel

Zu den freudigen Festen im Jahresverlauf gehört Chanukka. In München ist es seit 15 Jahren gute Tradition, das erste Licht gemeinsam mit der Bevölkerung zu entzünden. Zu diesem von Chabad Lubawitsch initiierten und gemeinsam mit der Israelitischen Kultusgemeinde veranstalteten Kerzenzünden hatten sich auch in diesem Jahr wieder viele Menschen auf dem Jakobsplatz versammelt. Oberbürgermeister Christian Ude, der in all den Jahren diese Feierlichkeit noch nie versäumt hatte, freute sich über die vielen Besucher, die trotz des winterlichen Wetters gekommen waren.

Um die Flamme in dem großen Blütenleuchter, der von Gershom von Schwarze entworfen wurde, zu entzünden, fuhr Ude auch in diesem Jahr in einem Feuerwehrkorb hoch über den Platz, begleitet nicht von dem Lubawitscher Rabbiner Israel Diskin, sondern von dessen Schwiegersohn Rabbiner Yochono Gordon. Auch ein Kind aus der Menge durfte wieder mit dabei sein. Es hatte die Fahrt vorher in einer Verlosung gewonnen.

Chance Glücklich darüber, dass die Gemeinde so sichtbar im Herzen der Stadt aufgenommen ist, zeigte sich Präsidentin Charlotte Knobloch: »In Momenten wie diesem spüre ich – und Sie beweisen es uns mit Ihrem Kommen – dass die Entscheidung für das Jüdische Zentrum an diesem Ort die wichtigste und beste unserer Gemeinde seit der Neugründung 1945 war. Wir haben hier am Jakobsplatz eine echte Chance, das vielbeschworene Miteinander mit Leben zu füllen. Wir alle nutzen diese Chance – mit Großveranstaltungen wie heute, aber auch und vor allem an jedem einzelnen Tag des Jahres.«

Einmal mehr dankte sie »unserem Oberbürgermeister Christian Ude und der Bayerischen Staatsregierung. Ohne ihre Hilfe und die Unterstützung der Münchnerinnen und Münchner wäre es uns nicht möglich gewesen, diesen Traum zu erfüllen.« Sie erinnerte daran, dass Chanukka mit der Wiedereinweihung des Tempels vor mehr als zweitausend Jahren den Erhalt der Religion bewahrt und gesichert habe: »Es ist den Gegnern nicht gelungen, das Judentum aus der Welt – aus dem öffentlichen Leben – zu verdrängen.«

Bei aller Freude verwies die Präsidentin auch auf die Gefahren durch Rechtsextreme, Neonazis und Feinde der Demokratie, forderte erneut ein Verbot der NPD: »Die Eindämmung rechtsextremen Gedankenguts kann nur in einem gemeinsamen Kraftakt der ganzen Gesellschaft gelingen. Unsere Vergangenheit hat uns ein präzises Vermächtnis hinterlassen. Es lautet: Nie wieder! Gewalt und Diskriminierung sind nicht das Problem der betroffenen Gruppe, sondern der Gesellschaft, in der sie vorkommen. Unsere Demokratie lebt von Zivilcourage. Sie lebt von der Wachsamkeit und dem guten Willen aller Bürger.«

Dieser Aufforderung schlossen sich auch Christian Ude und Kultusminister Ludwig Spaenle an. Ude unterstrich, dass die Gefährlichkeit der Rechtsextremisten viel zu lange als »Spinnerei abgetan« worden sei. Auch Spaenle forderte, dass dem ein Ende gesetzt werden müsse.

Basar Als die Lichter über dem Jakobsplatz leuchteten, feierten die Menschen bei Krapfen und warmen Getränken und Musik. Dieses gemeinsame Fest war aber nur einer der Höhepunkte der Chanukkafeiern der Münchner IKG. Im Programmheft der Gemeinde war der bunte Strauß der Veranstaltungen nicht ohne Grund als »Chanukka‐Festival« angekündigt – unterstützt von einer Vielzahl von Organisationen. Neben der Kultusgemeinde waren das Chabad Lubawitsch, die Europäische Janusz‐Korczak‐Akademie, Mifgasch, der Zentralrat der Juden in Deutschland, die Literaturhandlung, das koschere Restaurant Einstein, das Jugendzentrum Neshama und der Verband Jüdischer Studenten in Bayern.

Den Auftakt machte bereits am Sonntag vor den Feiertagen ein Basar im Foyer des Gemeindezentrums, auf dem die verschiedenen Abteilungen der IKG und die Literaturhandlung kleine Geschenke fanden – von Kunstvollem und Selbstgemachtem, Lehrreichem, Neuem und Gebrauchtem, Nützlichem und Unterhaltsamem bis hin zu leckeren Köstlichkeiten aus dem Restaurant Einstein. Alte Schallplatten‐Raritäten waren hier ebenso zu finden wie aktuelle Literatur oder Tücher mit Seidenmalerei aus dem Bastelprogramm des Saul‐Eisenberg‐Seniorenheims.

Musik Am Abend folgte dann ein Prä‐Chanukka‐Konzert von Sharon Brauner & Band, zu dem Kulturzentrum und Sozialarbeit der IKG, unterstützt vom Zentralrat, eingeladen hatten. Ein mitreißendes Programm aus bekannten jiddischen Liedern und Melodien, aber auch kubanischen Rhythmen, Balkanbeat und Tangoklängen begeisterte nicht nur das jüngere Publikum. Neben Evergreens stellte die Musikerin auf ihrer Weltreise durch die zahlreichen Facetten jüdischer Popmusik auch eigene Chansons vor. Zugleich bewies Sharon Brauner auch ihr Talent als Moderatorin. Mit Charme und Humor führte sie die Anwesenden durch ihr Programm.

Ein besonderes Ereignis war am Dienstag die Veranstaltung von »Gil Hazaav –Goldenes Alter« und dem Seniorenclub »Simcha« der IKG‐Sozialabteilung. Auf dem Programm standen Lieder in Hebräisch, Jiddisch, Deutsch und Russisch. Doch es wurde weit mehr geboten als eine musikalische Veranstaltung. Die nahezu ausschließlich aus der ehemaligen Sowjetunion stammenden Künstler und Organisatoren des Abends unterstrichen, dass auch sie in München angekommen sind – und das nicht nur durch die ausschließlich auf Deutsch geführte Moderation vor dem mehrheitlich russischsprachigen Publikum.

Expressis verbis gaben sie am Ende auch ihrer Hoffnung Ausdruck, dass zu künftigen Veranstaltungen von Simcha alle Gemeindemitglieder – unabhängig von ihrem Herkunftsland – teilnehmen mögen. Nach der Einführung von Gemeinderabbiner Arie Folger wurde bei dieser Veranstaltung im Hubert‐Burda‐Saal das erste Chanukka‐Licht entzündet. Auch hier zeigte sich der Wunsch nach Gemeinsamkeit.

Die Ehre, die erste Kerze anzünden zu dürfen, wurde dem ehemaligen langjährigen Vorstandsmitglied der IKG, Abraham Scher, zuteil, der sich stets um die Eingliederung der Zuwanderer bemüht hat und es noch heute tut. Eine ganz besondere Ovation musikalischer Art wurde auch Präsidentin Charlotte Knobloch zuteil: Nach einem Text von Anatoly Druker und der Komposition von Simcha‐Leiterin Larysa Nesterenko erklang ein Loblied auf das Gemeindezentrum, dem »Haus, das uns immer Hoffnung gibt«.

Kinder Musikalisches Glanzlicht war der zweite Chanukka‐Abend in der Ohel‐Jakob‐Synagoge vor dem öffentlichen Lichterzünden auf dem Jakobsplatz. Zwischen Mincha und Maariv fand ein Konzert des Synagogenchors Schma Kaulenu mit Kantor Moshe Fischl, dem Kinderchor Hasamir des Jugendzentrums Neshama, dem Chor Druschba–Chaverut sowie dem Knabenchor der Hauptsynagoge statt.

Wie bei nahezu allen Veranstaltungen sorgte auch hier die Pianistin Luisa Pertsovska für mehr als nur die Klavierbegleitung. Der besondere Dank von Rabbiner Arie Folger galt auch dem Chorleiter David Rees, der sich nun für eine gewisse Zeit aus München verabschiedet, um seine Promotion abzuschließen – wobei Folger das »vorübergehend« stark unterstrich.

Bereits am Nachmittag hatte Rabbiner Folger im Seniorenheim zu einer warmen Atmosphäre bei der Chanukka‐Feier beigetragen, ebenso dann am folgenden Tag in Kindergarten und Schule. Die Schüler zeigten ihren Familien im Burda‐Saal ihren Schulerfolg und ihre Begeisterung mit einem mehrsprachigen Programm. Bei vielen weiteren Veranstaltungen außerhalb des Gemeindezentrums wie von B’nai B’rith oder Maccabi wurde das Lichterfest noch ausgiebig begangen. Am Jakobsplatz feierten der Club Schachar der Korczak‐ Akadiemie und des Studentenverbands im Restaurant Einstein.

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