Mitzvah Day

Juden und Muslime backen für Christen

Beim Keksebacken mit Kindern: Dervis Hizarci von der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus (l.) und Daniel Botmann, Geschäftsführer des Zentralrats der Juden Foto: Uwe Steinert

Die grünen Luftballons an der Straße weisen den Weg. So findet man auch auf Anhieb die Berliner Jugendfreizeiteinrichtung Düppel, die etwas abseits liegt. Die Musik von Boris Rosenthal und die vielen Stimmen dringen nach draußen. Es ist Mitzvah Day, der Tag der guten Tat, und der Zentralrat der Juden in Deutschland hat in Berlin zu einer besonderen Aktion eingeladen: Muslime und Juden backen in der Jugendfreizeiteinrichtung Weihnachtsplätzchen, die später durch die »Berliner Tafel« verteilt werden.

Louisa hat sich gerade ein grünes T‐Shirt übergezogen. »Nun bin ich Macherin, denn das steht hier drauf«, sagt die Zehnjährige und zeigt auf die Schrift. Sie setzt sich zu den anderen Mädchen, rollt den Keksteig aus und sticht einen Stern aus, den sie vorsichtig aufs Backblech hebt. »Ich freue mich auf den Tag«, sagt sie. Louisa ist die Tochter einer Mitarbeiterin der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus (KIgA).

BEGEGNUNG Es wird tatsächlich ein Tag der interkulturellen Begegnung: Neben Louisa sitzen Töchter der Mitarbeiterinnen des Jugendamtes Steglitz‐Zehlendorf. Und auch ein Neunjähriger, Mitglied der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, möchte mithelfen. Durch alle Räume laufen Kinder, tanzen zur Musik der israelisch‐iranischen Band »Sistanagila«, dekorieren Weihnachtsplätzchen oder helfen beim Pizzabacken.

Viele der Kleinen, die durch die Räume der Einrichtung laufen oder Kekse ausstechen, stammen aus Familien, die aus Syrien geflüchtet sind, und leben in der Unterkunft wenige Meter entfernt. Andere kommen aus der Nachbarschaft. Wiederum andere sind zum ersten Mal hier, weil die Mitarbeiter des Zentralrats, von KIgA und des Jugendamtes sie mitgebracht haben.

HILFSPROGRAMME Bundesweit organisieren jüdische Gruppen kleine und große Hilfsprogramme oder Projekte, um sich für ein gesellschaftliches Miteinander einzusetzen. »Das ist ein wichtiges Signal«, sagt Daniel Botmann, Geschäftsführer des Zentralrats, während auch er Kekse aussticht. »Ist der Teig zu dick?«, fragt er lachend seinen Nachbarn, Aycan Demirel, der gelassen abwinkt. Auch Demirel und sein Kollege Dervis Hizarci von der KIgA kneten Plätzchenteig.

In Dutzenden von Tütchen verpackt, werden die mit buntem Zuckerguss versehenen Kekse an diesem Montag freudige Abnehmer finden: Mitarbeiter von »Laib und Seele« wollen die Weihnachtsplätzchen an Kundinnen und Kunden der Berliner Tafel verteilen, sagt deren Gründerin Sabine Werth, die beim Mitzvah Day mit im Einsatz ist. Die Kekse sollen in einer Kirche in Berlin‐Gropiusstadt verteilt werden.

EHEMALIGES DP‐CAMP »Als wir vom Mitzvah Day hörten, waren wir sofort begeistert, und uns war klar, dass wir mit von der Partie sein werden«, sagt Tanya d Ágostino vom Jugendamt. Denn Gespräche und Essen brächten Menschen immer zusammen.

Die Idee sei auch bei ihren Mitarbeitern auf Rückhalt gestoßen: »Solche Projekt fördern den Zusammenhalt.« Die Mitarbeiterin des Jugendamtes erinnert daran, dass von 1946 bis 1948 an diesem Ort das DP‐Camp Schlachtensee (»Düppel Center«) stand: »Und nun findet jüdisches Leben in einer normalen Jugendeinrichtung statt«, freut sie sich.

Über den Tag verteilt kommen fast 100 Interessierte. Am frühen Nachmittag lassen Kinder und Erwachsene grüne Luftballons, mit ihren Wünschen beschriftet, in die Höhe aufsteigen. Während sich die Jüngeren eher Lego und Tabletts wünschen, haben die meisten Erwachsenen nur einen Wunsch: »Frieden«.

AKTIONEN Wie der Zentralrat der Juden mitteilte, haben sich am Mitzvah Day in ganz Deutschland jüdische Gruppen mit rund 120 sozialen Aktionen engagiert. Daneben gab es in zahlreichen Städten Aktionen für Senioren, mit behinderten Menschen, für die Umwelt oder für bedürftige Menschen.

Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden, sagte: »Beim Mitzvah Day finden zunehmend interreligiöse und interkulturelle Begegnungen statt. Dadurch stärken wir auf doppelte Weise unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt: Wir helfen bedürftigen Menschen, und wir überwinden Vorurteile zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen. Das ist eine Investition in die Zukunft.«

Der Zentralrat der Juden koordiniert den bundesweiten Mitzvah Day seit sechs Jahren und unterstützt Gemeinden und Gruppen in der Vorbereitung ihrer Projekte. Das hebräische Wort »Mitzvah« bedeutet »Gebot« und umgangssprachlich »gute Tat«.

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