Charlottenburg

Jiddisch im Rathaus

Ausstellung in der Otto-Suhr-Allee Foto: Uwe Steinert

Drei Merkmale haben Goethes Faust, die Märchensammlung der Brüder Grimm und das Kommunistische Manifest von Karl Marx und Friedrich Engels gemeinsam: Alle drei Werke sind zeitlose Klassiker der Weltliteratur, sie sind im Original in deutscher Sprache verfasst, und sie wurden in den 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts ins Jiddische übersetzt.

Besonders Letzteres dürfte einigermaßen überraschen. Tatsächlich erlebte die Übersetzung deutschsprachiger Literatur ins Jiddische in der Zwischenkriegszeit in Osteuropa einen regelrechten Boom.

Unzählige Verlage in Städten mit großen jüdischen Gemeinden wie Kiew, Lemberg, Odessa und Czernowitz hatten sich darauf spezialisiert, Werke klassischer und zeitgenössischer Autoren ins Jiddische zu übertragen.

Schau Eine Ausstellung des Moses Mendelssohn Zentrums für europäisch-jüdische Studien Potsdam (MMZ) spürt diesem hierzulande weithin unbekannten Kapitel deutsch-jüdischer Geschichte jetzt nach.

Die Schau mit dem Titel ... a theyl fun jener kraft/... ein Teil von jener Kraft – Jiddische Übersetzungen deutschsprachiger Klassiker in der Zwischenkriegszeit ist bis zum 14. Februar im Rathaus Charlottenburg zu sehen.

»Es ist kein Zufall, dass diese spannende Ausstellung in unserem Bezirk ihren Auftakt in der Öffentlichkeit nimmt«, sagte der Bezirksbürgermeister von Charlottenburg-Wilmersdorf, Reinhard Naumann (SPD), bei der Eröffnung. Charlottenburg-Wilmersdorf sei in den 20er-Jahren der Berliner Bezirk schlechthin gewesen, in dem jüdisches Leben, Arbeiten und Wohnen stattgefunden habe.

Anfang der 20er-Jahre wurden rund 15 Prozent der jiddischsprachigen Literatur für den osteuropäischen Markt in Berlin produziert.

Tradition »Ich freue mich außerordentlich, dass wir heute wieder ein Stück weit an diese stolze Tradition anknüpfen können«, ergänzte Naumann. Tatsächlich wurden Anfang der 20er-Jahre aufgrund der rezessionsbedingten niedrigen Druckkosten in Deutschland rund 15 Prozent der jiddischsprachigen Literatur für den osteuropäischen Markt in Berlin produziert.

»Die Ausstellung macht deutlich, wie fruchtbar der Austausch zwischen der jüdischen Minderheit und der Mehrheitsgesellschaft war und welche kulturelle Vielfalt durch die Schoa verloren gegangen ist«, sagte die Botschafterin und Sonderbeauftragte für Beziehungen zu jüdischen Organisationen, Antisemitismus, Antiziganismus des Auswärtigen Amts, Michaela Küchler, zur Eröffnung.

Recherche Das Auswärtige Amt fördert die MMZ-Ausstellung, die auf einem zweijährigen Forschungsprojekt der beiden Wissenschaftlerinnen Elke-Vera Kotowski und Ludmila Belina basiert. Sie haben in Archiven, Bibliotheken, Forschungseinrichtungen und Museen in der Ukraine recherchiert.

Im Zentrum steht die Frage, welche deutschen Autoren und Titel es waren, die in der Zeit zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg bei der jiddischsprachigen Bevölkerung beliebt waren und wer sie herausgab. Daneben werden in der Ausstellung auch die relevanten Verlage samt Verlagsorten und vor allem die Übersetzer der Werke in den Blick genommen.

Isaac Bashevis Singer übersetzte Thomas Manns »Zauberberg« ins Jiddische.

Wenig bekannt ist etwa, dass Thomas Manns Roman Zauberberg von Isaac Bashevis Singer, dem bislang ersten und einzigen jiddischsprachigen Literaturnobelpreisträger, bereits 1930 ins Jiddische übersetzt wurde.

Identität »Es ist wirklich unglaublich, was in jener Zeit alles ins Jiddische übertragen worden ist«, sagte Kuratorin Elke-Vera Kotowski.

Waren bis Ende des 19. Jahrhunderts vor allem religiöse Schriften ins Jiddische übersetzt worden, habe sich das literarische Spektrum mit dem Jahrhundertwechsel stark ausgeweitet. »Die sich formierende Arbeiterbewegung wurde zum Sprachrohr einer jiddischen Kulturbewegung, die das Jiddische von einer reinen Alltagssprache zu einem Merkmal der Wir-Identität machte«, erklärte Kotowski.

Während der Recherchen in der Ukraine sei man auf ungeahnte Bücherschätze gestoßen. In der Ausstellung werden nun einige jiddische Originalausgaben gezeigt.

Düsseldorf

Die Makkabäer sind los!

Zum dritten Mal findet in Nordrhein-Westfalen das größte jüdische Sportfest Deutschlands statt

 03.09.2021 Aktualisiert

Brandenburg

Jüdische Gemeinden feiern 30 Jahre ihrer Wiedergründung

Mit einem Festakt begingen rund 150 Gäste aus der jüdischen Gemeinschaft und der Landespolitik das runde Jubiläum

 01.09.2021

Jubiläum

Seit 151 Jahren Teil der Stadtgesellschaft

1870 beschlossen elf Männer, in Gelsenkirchen eine eigene jüdische Gemeinde zu gründen - jetzt wurde an sie erinnert

von Michael Thaidigsmann  30.08.2021

Bremen

Neue Torarolle zum Jubiläum

In der Hansestadt feierte die jüdische Gemeinschaft am Wochenende den 60. Jahrestag der Eröffnung ihrer Synagoge

von Michael Thaidigsmann  30.08.2021

Freiburg

»Gezielte Provokation«

Eine geplante Demonstration gegen Israel auf dem Platz der Alten Synagoge beunruhigt die jüdische Gemeinde

von Michael Thaidigsmann  14.05.2021

Münster

Jüdische Gemeinde wehrt sich gegen israelfeindliche Kundgebung

Gemeindechef Fehr: »Die Antizionisten wollen israelfeindliche Stereotype im öffentlichen Bewusstsein festigen«

 24.07.2020

Gespräch

Bedrohung und Staatsversagen

Der zweite »Jüdische Salon« des Zentralrats der Juden widmet sich Ronen Steinke und seinem neuen Buch

 02.07.2020

Würzburg

Gepäckstücke erinnern

Auf dem Bahnhofsvorplatz wurde der »DenkOrt Deportationen 1941–1944« eingeweiht

von Stefan W. Römmelt  18.06.2020

Gemeinden

Aktiv und engagiert

Die Zentralwohlfahrtsstelle veröffentlicht ihre Statistik für 2019 – die Zahlen geben wichtige Hinweise

von Heide Sobotka  18.06.2020