Wiesbaden

Jewdyssee rockt die Gemeinde

Kommt an: Jewdyssee spielt eine Mischung aus DJ-Set und Livemusik. Foto: Christina Lenz

Als die vier Musiker von Jewdyssee auf der Bühne stehen, ist es fast unmöglich, sich nicht von der Musik mitreißen zu lassen. Im intimen Raum im Wiesbadener Kulturzentrum Schlachthof zündet ihr Klangfeuerwerk aus Elektro, Klezmer und Swing sofort. Wie eine rhythmische Infusion wirkt die Musik, Arme und Beine setzen sich unwillkürlich in Bewegung. Schon beim ersten Song tanzen die Partybesucher.

Maya Saban, der Kopf der Band, hat sich kurz vor dem Auftritt per SMS gemeldet: Toi, toi, toi, hat sie ihren Kollegen für das Konzert gewünscht, sie selbst musste in Berlin bleiben. Trotzdem erfüllt schon beim ersten Song Cabaret die kräftige und helle Stimme der Musikerin den Raum. Nein, hier ist keine Magie im Spiel: Vom DJ‐Pult aus spielt Bruder Moshico Saban den jiddischen Gesang seiner Schwester ein. Dazu produziert er einen trendigen Elektro‐Dancehall‐Sound. Trompete, Saxofon und Schlagzeug erzeugen den instrumentellen Klangteppich. Die Mischung aus DJ‐Set, Live‐Musik und jiddischen Texten beweist auch an diesem Abend, dass Jewdyssee bekannte Klischees zu jüdischer Musik über Bord wirft.

Partysound Was Jewdyssee aus Klezmer macht, hat die Sängerin einmal mit einem kleinen Gleichnis beschrieben: Das jiddische Lied Yankele ist eigentlich ein Schlaflied, das die Mutter ihrem Kind an der Wiege singt. So wie Jewdyssee den Song auf die Bühne bringt, ist es der Partysound für die Mutter, nachdem ihr Kind eingeschlafen ist.

Maya Saban hat mit Jewdyssee ihr persönlichstes Musikprojekt verwirklicht. Nachdem die junge Berlinerin bereits zwei deutschsprachige Soulplatten aufgenommen hatte, gewann sie 2010 als Backgroundsängerin von Lena Meyer‐Landrut den Eurovision Song Contest. Danach zog es sie zurück in ihre Kindheit, zu jiddischen Texten und Melodien.

Jüdische Musik hat es in Deutschland lange Zeit nicht leicht gehabt. Wenige sind sich hierzulande noch bewusst, dass jüdische Komponisten wie Mischa Spolinsky, Walter Juhrmann und Werner Richard Heymann bereits in den 20er‐ und 30er‐Jahren die deutsche Populärmusik prägten. Caspar Battegay vom Institut für Jüdische Studien der Universität Basel vertritt sogar die These, dass Popkultur in Deutschland partout nicht als jüdische Kultur wahrgenommen werde. Angst vor Pop und Popularität ist Jewdyssee fremd. In dieser Hinsicht führt die Band eine Tradition fort.

Klischees Die Berliner Musiker lösen die Patina, die Lieder wie Hava Nagila, Beltz, mayn shtetele oder Bei mir bist du scheijn in den alten Plattensammlungen angesetzt haben. Dabei unterwirft sich Jewdyssee aber nie den gängigen folkloristischen Klischees. Dass sie jiddische Lieder singen, ist für sie kein Kulturauftrag, sondern mitten aus dem Leben entstanden: »Wir kennen die alten Songs einfach. Aus dem Kindergarten, dem Jugendzentrum, der Gemeinde«, erzählt Saban.

Die jüdische Gemeinde in Wiesbaden hat die Band in den Schlachthof eingeladen, um lebendige jüdische Kultur stärker in die Öffentlichkeit zu tragen. »Jewdyssee verarbeitet so viele Stile, sammelt so viele Facetten der jüdischen Seele auf und bündelt sie zu einem Destillat. Das ist außergewöhnlich«, sagt Jacob Gutmark, Vorstand der Wiesbadener Gemeinde.

Obwohl Jewdyssee aus der Clubszene kommt und hippen Elektro‐Swing spielt, ziehen ihre Lieder Menschen aus allen Generationen an. Da komme es auch mal zu ungewöhnlichen Szenen, erzählt Trompeter Jotham Bleiberg: »Als wir zu einem Konzert nach Freiburg kamen, wurden wir zuerst gefragt, ob wir Russisch sprechen und leise Musik spielen. Die jüdische Gemeinde war gekommen, viele ältere Menschen, viele von ihnen russischsprachig. Da haben wir uns ein paar Sorgen gemacht, weil unsere Musik ja laut ist und auf Jiddisch. Am Ende tanzten alle miteinander, die alten Gemeindemitglieder und die jungen.«

Lebensgefühl Jewdyssee wollen nicht brav an Traditionen anknüpfen, sondern sie mit ihrem eigenen Lebensgefühl und das ihrer Generation füllen. Für die Musiker ist das selbstverständlich, denn sie sind selbst zwischen den Kulturen aufgewachsen. Bei Familie Saban, Vater Israeli, Mutter Deutsch‐Polin, lief stets israelische Musik im Auto. Bald kann auch Sängerin Maya diese Erfahrung weitergeben, denn sie blieb aus einem freudigen Grund in Berlin: Sie erwartet bald ihr erstes Baby. Vielleicht ist das das Geheimnis von Jewdyssee, sie erreichen Alt und Jung, Deutsch und Russisch sprechende Menschen gleichermaßen, wie an diesem Samstagabend.

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