Rostock

»Jetzt wissen wir, wie sie wirklich ausgesehen hat«

Seltenheitswert: Das Bild von der ausgebrannten Synagoge Rostock fand Hans-Peter Weißflog im Fotoalbum seines Schwiegervaters. Foto: Repro: Jens-Uwe Berndt

Für Hans‐Peter Weißflog war es ein Bild von vielen. Denn alte Fotografien, die das zerstörte Rostock unmittelbar nach den verheerenden Bombenangriffen im April 1942 zeigen, finden sich reichlich in den vergilbten Alben. »Dass dieses kleine Stück Papier aber solch eine Sensation darstellt, hätte ich mir nicht träumen lassen«, sagt der 71‐Jährige, der im Nachlass seines Schwiegervaters ein Foto der ausgebrannten Rostocker Synagoge entdeckte.

Aber spätestens als Rostocks Stadtarchivar Karsten Schröder einen Blick darauf geworfen hatte, war klar, wie groß die historische Bedeutung der Aufnahme ist. »Sie stammt vermutlich aus dem Dezember 1938 oder wurde Anfang 1939 gemacht«, sagt Schröder. Rostocks Synagoge war am 10. November 1938 von Nazi‐Schergen angezündet worden.

Rarität Ein seltenes, allerdings recht undeutliches Foto von der Brandschatzung existiert im Rostocker Stadtarchiv, Kopien hängen im United States Holocaust Memorial Museum in Washington, im Amsterdamer Anne‐Frank‐Museum und in Yad Vashem in Jerusalem. Weitere Außenansichten des Bauwerks existierten bisher nicht, weshalb man sich in Rostock den Bau der Synagoge nur anhand von historischen Plänen vorstellen konnte.

»Jetzt wissen wir endlich, wie sie ausgesehen hat«, sagt Schröder, der dem Fotografen eine gehörige Portion Mut bescheinigt. Denn der Archivar ist sich sicher, dass es damals nicht möglich war, ohne Weiteres die zerstörte Synagoge in der Augustenstraße zu fotografieren.

Hans‐Peter Weißflog hat seinen Schwiegervater nicht gerade als einen Draufgänger in Erinnerung. Und dennoch hatte dieser trotz offiziellen Verbots das zerstörte Rostock fotografiert. Hans Nellner sei ein Hobby‐Fotograf gewesen, der in seiner Heimatstadt einfach alles und jeden ablichtete. Und gebastelt habe er. »Da gab es ein Ra‐ dio auf dem Boden«, erinnert sich Weißflog. »Damit hat er ausländische Sender empfangen. Das musste er verstecken.«

selbstschutz Nellner muss gewusst haben, was er da mit seinem Fotoapparat für die Nachwelt festgehalten hat. Und dass das Ganze für ihn gefährlich war. »Jedes seiner Fotos ist mit Datum und Beschreibung versehen«, erzählt Weißflog weiter. »Nur das Bild von der Synagoge ist ohne jegliche Erläuterung.«

Selbstschutz, um nicht mit der Aufnahme in Verbindung gebracht zu werden, falls sie in falsche Hände geraten wäre? Oder wollte er einfach behaupten können, nicht zu wissen, was auf dem Bild zu sehen ist, wenn die falschen Leute ihn danach gefragt hätten? Diese Fragen müssen unbeantwortet bleiben, denn zu seinen Lebzeiten hat sich niemand für Nellners Schätze interessiert.

Karsten Schröder jedenfalls ist begeistert. Am 7. Februar wurde ihm das Original von Hans‐Peter Weißflog als Spende ans Stadtarchiv überlassen. Der Rostocker, der seit über 20 Jahren an einer aggressiven Rheumaerkrankung leidet und deshalb im Rollstuhl sitzt, ist glücklich darüber, seiner Stadt einen Dienst erwiesen zu haben. Und nicht ganz ohne Stolz registriert er, wie in der regionalen Ostsee‐Zeitung sein Fund bereits als spektakuläre Entdeckung gefeiert wird.

Materiallager Wie es mit der Synagoge weiterging, ist laut Karsten Schröder nicht bis ins letzte Detail rekonstruierbar. »Die Stadt hat das Gelände gekauft und es später an einen Fuhrunternehmer verpachtet«, berichtet der promovierte Historiker. »Er muss ein Dach auf die Synagoge gesetzt haben, um dort Material zu lagern oder Fahrzeuge abzustellen.«

Beim Bombenangriff habe das Gebäude einen Treffer abbekommen, sodass sie fast völlig zerstört wurde. Wann die Ruinen jedoch endgültig abgetragen wurden, ist unklar. 1950 jedenfalls entstanden in der Augustenstraße bereits neue Häuser. Zu diesem Zeitpunkt sei von der Synagoge schon keine Ruine mehr vorhanden gewesen.

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