Berlin

In bester Tradition

Spiritus rector: Barbara Witting und André Schmitz enthüllen die Büste Moses Mendelssohns. Foto: Uwe Steinert

Inge Deutschkron sitzt auf dem Mäuerchen im Innenhof des Jüdischen Gymnasiums in der Großen Hamburger Straße. Gemeinsam mit anderen Ehemaligen war sie gerade beim Festakt zum 20‐jährigen Schuljubiläum. In diesem Innenhof hat sie vor fast 80 Jahren gespielt. Sie erinnert sich an ihre Englischlehrerin und an den »wunderbaren Religionslehrer«, der erschossen wurde, weil er eine Anordnung der Gestapo nicht umsetzte.

Rudi Leavor, der nur knapp anderthalb Jahre die damalige jüdische Mittelschule besuchte, erinnert sich vor allem an das gute Miteinander von Schülern und Lehrern. Er sprach im Namen der Ehemaligen und gedachte des Schulleiters Heinemann Stern, der von den Nazis abgesetzt worden war, und dessen Nachfolger Georg Feige, der in der Naziterminologie als »Halbjude« galt und im KZ ermordet worden war. Kantor Isaac Sheffer sang das El Male Rachamim in Erinnerung an die ermordeten Schüler und Lehrer der 1942 geschlossenen Schule.

Gäste »Hochbetagt sind Sie aus Anlass unseres Jubiläums zu uns gekommen«, begrüßte Schulleiterin Barbara Witting die Ehemaligen beim Festakt am Sonntagmittag. Wie wichtig ihnen die Schule ist, zeigten auch Kulturstaatssekretär André Schmitz und Gemeindevorsitzender Gideon Joffe. Norma Drimmer und Micha Guttmann waren gekommen, um das Jubiläum ihrer Schule zu feiern. Petra Pau vertrat als Vizepräsidentin des Bundestages die Politik und Yitshak Ehrenberg die Berliner Rabbiner.

Mit der Schule verbunden zeigte sich auch der Bezirksbürgermeister von Mitte, Christian Hanke. »Wir sind stolz darauf, in unserer Mitte die Jüdische Oberschule, das jetzige Moses‐Mendelssohn‐Gymnasium, zu haben«, sagte Hanke. Er erinnerte an den großen Aufklärungsphilosophen. Die Schule sei sichtbares Zeichen kultureller Vielfalt in dem multiethnischen Berliner Bezirk. Die Schule ehre mit ihrem Namen »einen kleinen klugen Mann, der durch ein Nebentor in die Stadt kommen musste«.

Rabbiner Ehrenberg fragte: »3500 Jahre in der Diaspora, und wir sind immer noch da, warum?« Seine Antwort: Weil sich Tradition gebildet und aufrecht erhalten habe. Einen Teil dazu trage auch das Moses‐Mendelssohn‐Gymnasium bei. Petra Pau brachte als Geschenk ein Lesebuch für jüdische Kinder von 1779 mit. Sie erinnerte daran, dass Bücherverbrennung und Novemberpogrom sichtbare Zeichen der »Zerstörten Vielfalt«, wie das derzeitige Berliner Themenjahr heißt, waren.

Büste Gemeinsam mit Staatssekretär André Schmitz enthüllte Barbara Witting die Kopie einer Mendelssohn‐Büste. »Die wird Barbara jetzt jeden Morgen begrüßen, wenn sie ihr Büro betritt«, sagte Schmitz, der die Grüße des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit überbrachte.

Der Geist Moses Mendelssohns präge die Schule hinsichtlich Toleranz, Konzept und Interkulturalität, betonte Barbara Witting. Rund 20 Nationalitäten seien hier vertreten. In den vergangenen Jahren habe es viele Herausforderungen gegeben. Die Anerkennung der Grundständigkeit der Schule sei ein Meilenstein gewesen, sagte Witting. Seit 2004 unterhält das Berliner Gymnasium eine Partnerschaft mit der Leo‐Baeck‐Schule in Haifa. Ein regelmäßiger Schüleraustausch bringe neue Impulse, nicht zuletzt die Idee, das ehrenamtliche Engagement der Schüler zu fördern.

»Wir haben allen Grund, Masal Tow zu sagen«, betonte Gemeindevorsitzender Gideon Joffe. 20 Jahre Jüdische Oberschule seien eine Erfolgsgeschichte. Er habe sich als Jugendlicher immer eine solche Schule gewünscht.

Werte Derweil beweist sich im Kammerorchester, bei den Solisten und der Band, wie gut das Zusammenspiel der Schüler untereinander ist. »Was würde Moses Mendelssohn denken, wenn er uns heute sähe?«, fragte Schulsprecher Seraphim Kirjuchin. »Er wäre wohl entsetzt über den Antisemitismus. Er glaubte an die Vernunft und das Gute im Menschen.« Das freundschaftliche Verhältnis der Schüler und der Lehrer heute sei dagegen wohl in seinem Sinne.

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