Marburg

Immer ein offenes Haus

Der Alte jüdische Friedhof wurde vermutlich im 17. Jahrhundert angelegt. Foto: Marion Krüger-Hundrup

Welch ein Kontrast! Hier der Alte Jüdische Friedhof mit rund 380 Grabsteinen von 1712 bis heute, ein stiller Ort, umwachsen von Bäumen. Dort die quirligen Kinder, die sich nach der Sonntagsschule um den Tisch zum Mittagessen versammeln. Vergangenheit und Zukunft: So dicht liegen die Zeitläufte im oberhessischen Marburg beieinander.

Genau 700 Jahre ist es her, dass die erste Synagoge in Marburg urkundlich erwähnt wurde. So reicht hier jüdisches Leben bis ins Mittelalter zurück. Die erste Marburger Synagoge wurde um 1280 in der Judengasse – heute Schlosssteig/Willy‐Sage‐Platz – erbaut. Bei Baumaßnahmen stieß man vor einigen Jahren zufällig auf ihre Fundamente, heute sind sie an der selben Stelle unter einem Glaskubus zu besichtigen.

Orientierung Gleichsam amtlich bestätigt wird die Existenz dieser Synagoge erstmals in einer Urkunde vom 15. Mai 1317. Die Urkunde galt jedoch nicht dem Gotteshaus, das trat nur zufällig ins Rampenlicht der Geschichte: In einem Kaufvertrag dient es als topografischer Orientierungspunkt für das veräußerte Grundstück gegenüber der Synagoge. Um dem Rechtsgeschäft besondere Glaubwürdigkeit zu verleihen, wird es bezeugt und von der Stadt besiegelt.

Anlass genug für die jüdische Gemeinde, dieses Jubiläum das ganze Jahr hindurch zu feiern. Und zwar mit der ganzen Universitätsstadt, in der die verschiedenen Religionsgemeinschaften friedlich zusammenleben. »Wir pflegen ein sehr gutes Miteinander, haben gute Beziehungen«, sagt Amnon Orbach, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde. Diese tue ohnehin alles, um den Dialog mit der Öffentlichkeit zu suchen. So verstehe die Gemeinde ihre neue 2005 eingeweihte Synagoge in der Liebigstraße auch als »offenes Gebetshaus«. Und so lautet schon die Inschrift über dem Eingangsportal: »Mein Haus soll ein Bethaus sein für alle Völker, spricht Gott, der Herr, der die Versprengten Israels sammelt.«

Angebote Die Marburger Gemeinde hat viel zu bieten. Vorsitzender Orbach und seine Stellvertreterin Monika Tamar Bunk zählen auf: Konzerte, Lesungen, Tanz, Vorträge über das Judentum und die Bibel. Dieses Programm werde auch von interessierten Marburgern gut angenommen. Schulklassen, Gruppen aus Kirchengemeinden, von Parteien und aus der Universität zählen zu ihren Gästen. Bereits Kindergärten sind willkommen, denn »Fremden‐ und Judenhass beginnt zu Hause, da müssen wir Kinder schon früh einladen«, sagt er.

Eine Besonderheit ist sicher auch, dass im Gemeindezentrum die Gesellschaft für Christlich‐Jüdische Zusammenarbeit angesiedelt ist. Immer wieder fungieren die beiden Nachbarn als gemeinsame Gastgeber. Als Partner treten sie in einen respektvollen Austausch gerade auch mit den vielen palästinensischen Studenten in Marburg. »Das Grundvertrauen ist da, wir lernen voneinander und nehmen auch Kritik an«, spricht der Gemeindevorsitzende auf den »neuralgischen Punkt Gaza‐Krieg« an.

Wiedergründung Der 87‐jährige Orbach, der dienstälteste Vorsitzende einer jüdischen Gemeinde in Deutschland, wurde in Jerusalem geboren. »Der Liebe wegen«, wie er lächelnd erzählt, kam er 1982 nach Marburg. Dem Ingenieur gelang es, sich mit seiner Ehefrau Hannelore eine neue Existenz aufzubauen. Und weil er sich nicht vorstellen konnte, in einer Stadt ohne sichtbares Judentum zu leben, machte er sich in Marburg auf die Suche und sammelte die etwa 30 »Versprengten Israels« um sich und sorgte ab 1989 für einen Synagogenraum in einem Fachwerkhaus am Pilgrimstein.

Durch die Zuwanderung aus Osteuropa verzehnfachte sich seitdem die Zahl der Gemeindemitglieder. Wenn man deren nichtjüdische Familienangehörige mitzählt, betreut die Jüdische Gemeinde heute aber insgesamt mehr als 500 Personen. Dennoch ist »die traditionelle Einheitsgemeinde mit Blick auf moderne Strömungen« für einen eigenen Rabbiner zu klein, meint Monika Bunk.

Rabbinische Fragen klärt man gerne mit den Wiesbadener oder Frankfurter Rabbinern. Zweimal im Monat und an den Hohen Feiertagen findet ein Gottesdienst statt, zumeist mit Thorsten Akiva Schmermund als Vorbeter. Der Landesverband der Jüdischen Gemeinden in Hessen sorgt für den Religionsunterricht, der jeden Mittwochnachmittag erteilt wird.

Garten des Gedenkens Wer sich von der neuen Synagoge an der Liebigstraße aus auf einen kurzen Spaziergang macht, gelangt in den »Garten des Gedenkens« – eine ungewöhnliche Lücke mitten in der engen Bebauung zwischen alter Stadtmauer und Universitätsstraße. Die Terrassen des Gartens mit unzähligen Rosenstöcken erinnern an die einstige Synagoge, die von 1897 bis zur Pogromnacht 1938 an dieser Stelle stand. Nazis steckten sie in Brand. Gerettet wurden nur die Torarollen. Eine liegt heute im Holocaust Memorial Museum in Washington. Wie prächtig die Synagoge mit Platz für mehr als 500 Männer und Frauen aussah, zeigt ein Bronzemodell.

Wie überhaupt der ganze Garten weniger ein Denkmal ist als vielmehr ein Ort zum Verweilen, Nachdenken und um auf Bänken die Sonne zu genießen oder die hebräische Inschrift unter einer Vitrine im Eingangsbereich der neuen Synagoge näher zu betrachten: »So ich dein vergesse, Jerusalem, so versage meine Rechte, es klebe mir die Zunge am Gaumen, so ich dein nicht gedenke.«

Amnon Orbach hat Erde vom Tempelberg in Jerusalem mitgebracht – Erde mit vertrockneten Olivenblättern und Wurzeln in Plastiktüten aus der Heiligen Stadt geschleppt. Jetzt liegt sie in der mit blauem Samt ausgeschlagenen Vitrine.

www.jg-marburg.de

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