Marburg

»Ich wollte Judentum hier verewigen«

Baute die Marburger Gemeinde nach dem Holocaust auf: Amnon Orbach mit Torarolle Foto: Gesa Coordes

Die Liebe hatte den Israeli Amnon Orbach vor mehr als 30 Jahren nach Marburg verschlagen – damals war er der einzige Jude in der Universitätsstadt. Heute ist er der dienstälteste Vorsitzende einer jüdischen Gemeinde in Deutschland. Die Stadt ernennt ihn an diesem Sonntag zum Ehrenbürger. Als »Mann des Friedens und der Religion« bezeichnet ihn Oberbürgermeister Egon Vaupel. Mit viel Humor und Offenheit habe er die jüdische Gemeinde wieder aufgebaut und zum Blühen gebracht.

Der in Jerusalem geborene Orbach hat mit seinen 84 Jahren kaum etwas von seiner Energie eingebüßt. Bis heute hört man seinen hebräischen Akzent. Systematisch Deutsch zu lernen – dazu hatte er nie Zeit, erzählt er mit schalkhaftem Lächeln.

Sprachprobleme Als Orbach 1982 nach Deutschland kam, konnte er die Sprache überhaupt nicht. Mit Hannelore, der jungen Englisch- und Französischlehrerin aus Marburg, in die er sich verliebt hatte, sprach er Englisch. Kennengelernt hatte er sie am 7. Oktober 1981, einen Tag nach der Ermordung des früheren ägyptischen Staatspräsidenten Anwar al-Sadat. Ein Freund hatte ihn gebeten, die deutsche Touristin mit dem großen Rucksack vom Flughafen in Tel Aviv abzuholen. Ein Jahr später kam er zunächst probeweise nach Marburg.

Amnon Orbach, Vater von zwei Kindern aus erster Ehe, war zu diesem Zeitpunkt bereits 52 Jahre alt. Als Sohn eines jüdischen Geschäftsmannes wuchs er in Jerusalem auf und war wie sein Vater Mitglied der zionistischen Untergrundbewegung Hagana. Er studierte in Haifa und New York, arbeitete als Diplomingenieur zunächst in der Rüstungs- und später in der Spielzeugindustrie, für die er Lehrmaterial und Spielgeräte für Kindergärten und Schulen entwickelte.

In Deutschland gelang es ihm, sich als Repräsentant einer israelischen Firma eine Existenz aufzubauen. Er heiratete Hannelore, die heute fließend Hebräisch spricht. Die Trauung fand auf Englisch statt. Schmerzlich vermisste er jedoch das Judentum, das für ihn nicht nur Religion ist. Zunächst fand er keine weiteren Juden – »als ob sie von der Landkarte der Stadt radiert worden wären«, sagt er.

Erste Anfänge Er suchte in seiner Umgebung nach Juden – meist Schoa-Überlebenden –, mit denen er sich jede Woche traf. Mit Energie und Hartnäckigkeit baute Orbach wieder eine jüdische Gemeinde in Marburg auf, besuchte selbst Vorbeterkurse. Auf seine Initiative hin zog die wachsende Gemeinde 1989 zunächst in ein Fachwerkhaus am Fuß der Oberstadt. Doch als die zahlreichen Zuwanderer aus Osteuropa kamen, reichte der Betraum nicht mehr aus.

Die 2005 eröffnete neue Synagoge im Südviertel – in unmittelbarer Nähe der 1938 abgebrannten Synagoge – bezeichnet Amnon Orbach als sein Lebensprojekt. Über jedes Detail wurde intensiv diskutiert und nachgedacht – etwa über die Treppen aus der protestantischen Elisabethkirche, die lichte Kuppel und die breiten, bequemen Stühle, die inzwischen als »Marburger Synagogenstühle« bekannt sind. Heute hat die Jüdische Gemeinde Marburg 340 Mitglieder. Es gibt Bibel-, Judentums- und Hebräischunterricht, Konzerte, Vorträge und Lesungen.

Offenheit Amnon Orbach freut sich aber auch darüber, dass es keinen Streit in der Gemeinde gibt und dass Überwachungskameras am Eingang unnötig sind. Nie wurde ein Stein auf die Synagoge geworfen. Stattdessen führt der Israeli jedes Jahr Hunderte von Schülern und anderen Gästen durch die »Perle Marburgs«, wie er die Synagoge nennt. Antisemitismus habe er in Deutschland nie erlebt, sagt er, wohl aber erstaunliches Unwissen über die jüdische Religion.

Amnon Orbach ist gut befreundet mit dem Vorsitzenden der islamischen Gemeinde Marburgs, Bilal El-Sayat. Jedes Jahr besucht Orbach das Ramadanfest und unterstützt die Marburger Muslime beim Bau ihrer neuen Moschee. Umgekehrt kommt El-Sayat zu den hohen Festen in die Synagoge. »Über Politik sprechen wir nicht«, sagt Orbach. Wenn er am Sonntag ausgezeichnet wird, ist er erst der fünfte noch lebende Ehrenbürger Marburgs. »Das berührt mich tief«, sagt der 84-Jährige, der vor mehr als drei Jahrzehnten als Nobody in die Stadt kam: »Ich wollte Judentum hier verewigen.«

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