Porträt der Woche

»Ich liebe meine Kultur«

Sveta Kundish tritt mit jiddischen Liedern auf und amtiert als Kantorin in Braunschweig

von Christine Schmitt  29.01.2018 16:08 Uhr

»Ich bin zurück zu meinen Wurzeln gegangen«: Sveta Kundish lebt in Berlin. Foto: Uwe Steinert

Sveta Kundish tritt mit jiddischen Liedern auf und amtiert als Kantorin in Braunschweig

von Christine Schmitt  29.01.2018 16:08 Uhr

Meinen Rollkoffer packe ich oft und gerne, denn ich liebe es, unterwegs zu sein. Derzeit wohne ich in Berlin‐Charlottenburg, aber an etlichen Tagen sitze ich im Zug, um irgendwohin zu fahren. Zweimal im Monat fahre ich nach Braunschweig, wo ich das Glück habe, seit fast einem Jahr als Kantorin in der Jüdischen Gemeinde amtieren zu dürfen. Morgen geht es nach Halle an der Saale – dort gebe ich Studenten der Jüdischen Studien eine Einführung in die jüdische Liturgie. Und im Sommer bin ich viel in Weimar beim Festival Yiddish Summer. Oder ich toure mit meinen Konzertprogrammen durch Deutschland.

Ach ja, und ein regelmäßiger Weg führt mich immer wieder zum Abraham Geiger Kolleg nach Potsdam, an dem ich mich zur Kantorin ausbilden lasse. In diesen Tagen werde ich fertig. Das Studium habe ich geliebt. Meine Bachelorarbeit habe ich gerade abgegeben. Darin habe ich untersucht, wie Zitate aus der Liturgie ins jiddische Lied kamen. Mit diesen Liedern setze ich mich schließlich schon seit meiner Kindheit auseinander, denn die ersten Worte auf Jiddisch habe ich von meiner Großmutter gelernt.

Ukraine Die Musikalität in meiner Familie lässt sich bis zu meinem Urgroßvater zurückverfolgen, der streng orthodox war und als Kantor an der Synagoge in Owrutsch in der Ukraine amtierte. Meine Mutter kann sich noch gut an ihn erinnern. Ihre Eltern, also meine Großeltern, sind religiös aufgewachsen. Aber dann wurde die Religion in der Ukraine verboten, und man konnte die Musik nur noch heimlich singen. Meine Mutter hat eine schöne Stimme und wurde Sängerin.

Geboren wurde ich 1982. Nach dem Auseinanderbrechen der Sowjetunion gehörte meine Mutter zu den ersten Künstlern der Westukraine, die jiddische Lieder in der Öffentlichkeit sangen. Meine Eltern waren zunächst unentschlossen, ob sie bleiben oder auswandern sollten. Letztendlich entschieden sie sich, nach Israel zu gehen, denn meine Mutter brauchte eine gute medizinische Betreuung. Zu diesem Zeitpunkt war ich 13 Jahre alt. Ich besuchte das Musikgymnasium, studierte anschließend Musik – erst Gesang und Klavier an der Ironi Alef High School of Arts in Tel Aviv, später Gesang bei Ella Akritova und schließlich jiddische Musik in der Meisterklasse von Nehama Lifshitz.

Als ich 25 Jahre alt war, spürte ich, dass nun der Zeitpunkt gekommen war, nach Wien zu ziehen, um dort Operngesang am Prayner Konservatorium zu studieren. Ich hätte mit meinem lyrischen Sopran in Opern singen können, aber ich habe mich anders entschieden, denn meine Leidenschaft galt damals wie heute Liedern aus dem jüdischen Repertoire.

tradition Das ist meine Kultur, das ist meine Musik, und das ist genau das, was ich machen muss. Ich bin also zurück zu meinen Wurzeln gegangen, zum Ursprung, zu meiner Kultur. Sie ist ein wichtiger Teil von mir. Ich liebe sie, sie spricht zu mir. Das ist nicht nur wunderschöne Musik, das ist Tradition – meiner Familie, meines Volkes. Es ist meine Identität.

Meine Eltern und mein älterer Bruder sind nicht sonderlich religiös. Und so bin ich auch aufgewachsen. In Wien kam ich mit der Zeit ins Grübeln und dachte über meine Identität nach, wer ich bin und wie meine Einstellung zur Religion ist. Das war ein langsamer Prozess, und ich merkte, dass ich nicht genug weiß. Aber ich konnte lernen – und das wollte ich unbedingt. Ich wollte alles über die Liturgie erfahren und mag es, eine Gemeinde im Gottesdienst anzuleiten. Nun amtiere ich als Kantorin, was für mich ein Glücksfall ist, denn ich mag diese Berufung sehr.

Anfangs war es auch eine Herausforderung, denn ein Kantor muss viel können und die Rituale der jeweiligen Liturgie kennen. Heute fällt es mir leichter, weil ich Erfahrungen in verschiedenen Synagogen gesammelt habe. Mittlerweile amtiere ich ja nicht nur zu den Gottesdiensten, sondern auch an Gedenktagen und bei Beerdigungen. Ich übernehme inzwischen auch seelsorgerische Aufgaben und hoffe, dass es einmal mehr Jugendliche sein werden, die Bar‐ und Batmizwa‐Unterricht haben möchten. Derzeit gibt es in der Gemeinde nur wenige Kinder.

taxi Ich freue mich immer, wenn ich in den Zug nach Braunschweig steige. Dass ich in einer Synagoge vorbete und jiddische Lieder singe, ist für meine Familie sehr wichtig. Und meine Mutter ist glücklich, dass ich das musikalische Leben führen kann, das ihr verwehrt wurde.

Dass ich als Kantorin überhaupt amtieren kann, habe ich auch meiner Ausbildung am Abraham Geiger Kolleg zu verdanken, denn dort hatte ich ein sehr intensives Programm und habe mich musikalisch sehr weiterentwickelt. Zu der Ausbildung gehört ein Jahrespraktikum in Israel, das ich natürlich auch absolviert habe.
Das Reformjudentum ist in Israel nicht so bekannt, weshalb es dort oft zu Konflikten kommt.

Einmal nahm ich mir dort ein Taxi. Der Fahrer fragte mich während der Fahrt, was ich beruflich mache. Als ich ihm sagte, dass ich Kantorin werden möchte, da hat er den Wagen gestoppt und mich nicht gerade höflich gebeten, sofort auszusteigen. Das hat mir die Augen geöffnet, wie viele Leute gegen liberales Judentum sind. Die Reaktion hatte mich überrascht, und ich nahm mir vor, vorsichtiger zu werden.

Motik Dieses Jahr wurden mein Musikerkollege Patrick Farrell und ich ins Kulturprogramm des Zentralrats aufgenommen – mit »Motiks Tonband. Die Geschichte einer Familie«. Unser Programm basiert auf meiner Familiengeschichte: Mein Großvater Motik hatte in den 70er‐ und 80er‐Jahren heimlich Tonbandaufnahmen gemacht, die das Alltagsleben und die Lieder und Geschichten seiner Familie im Schtetl Owrutsch in der Ukraine wiedergeben – als Teil eines jüdischen Lebens, das es heute dort nicht mehr gibt. Patrick begleitet mich auf dem Akkordeon, wenn ich russische, hebräische, ukrainische und deutsche Lieder singe. Dazu spielen wir Auszüge dieser Tonbandaufnahmen ab, und ich zeige Fotos meiner Familie.

In einem anderen Ensemble singe ich ebenfalls mit, es heißt »Voices of Ashkenaz«. Wir sind sechs Musiker und spielen aschkenasische Volksmusik – eine Musik, die die fast 1000‐jährige Geschichte jiddischer und jüdischer Kultur in Deutschland und Osteuropa erzählt, deren Volkslieder eine gemeinsame Tradition haben. Die Geschichte reicht bis ins Mittelalter zurück. Wie spielen mit den Texten und Melodien. Ich sage immer, dass es »eine kreative Annäherung an die Verwandtschaft« ist. Das gebe ich auch gerne als Dozentin weiter.

Beim Yiddish Summer Weimar bin ich als Dozentin im Einsatz. Das gefällt mir gut, denn viele junge und ältere Leute kommen in die Workshops. Die Stimmung ist immer sehr gut. Was vor Jahren als Wochenend‐Workshop begann, hat sich mittlerweile zu einem vierwöchigen Festival entwickelt, in dem traditionelle und zeitgenössische Kultur gelehrt, weiterentwickelt und dem Publikum präsentiert wird. Das ist ein wichtiges Festival für mich, denn dort bin ich innerhalb von neun Jahren von der Studentin zur Dozentin gewachsen.

interviews In Berlin gefällt es mir sehr gut, denn ich habe wunderbare Freunde gefunden. Seit einem Jahr fahre ich Fahrrad. Aber nur dort, wo es Radwege gibt! Um mich auf Konzerte vorzubereiten, übe ich zu Hause in meiner Wohnung. Doch demnächst möchte ich wieder einen Gesangslehrer nehmen.
Mit der Philharmonie, dem Konzerthaus, drei Opernhäusern und vielen Konzertbühnen ist die Stadt für mich natürlich toll. Ich mag aber auch die vielen kleinen privaten Bühnen. Beispielweise höre ich gerne Konzerte in der »Wunderkammer« in Neukölln. Da wird ein großes Wohnzimmer zum Konzertraum.

Ich gehe auch gern ins Kino und schaue Arthouse‐Filme oder alte sowjetische Streifen. Nach einer Serie, die mittlerweile als Film erschienen ist, bin ich richtig süchtig geworden: Human. Neben den großartigen Bildern stehen Interviews mit Menschen aus der ganzen Welt im Mittelpunkt. Mich bewegt immer wieder, wie arm manche Menschen leben müssen und trotzdem optimistisch bleiben. Beispielsweise hat eine Frau aus Indien erzählt, dass die Familienmitglieder, wenn sie Hunger haben, nach Rattenlöchern suchen, denn die Tiere legen immer eine Vorratskammer an. Wenn die leer ist, dann wird es auch für die Menschen heikel, berichtete sie.

Ich habe dadurch viel über die Welt und unterschiedliche Lebensstile erfahren und umso mehr die Möglichkeiten zu schätzen gelernt, die ich habe. In Europa bin ich schließlich auch Vegetarierin geworden. Übrigens habe ich in meinem Rollkoffer immer Bücher dabei. Denn ich lese gern, am liebsten israelische und russische Literatur. Und natürlich Liedtexte und Liturgie.

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