Avishag Carmel-Weidner

»Ich erlebe ganz viel Unsicherheit«

Psychologin Avishag Carmel-Weidner Foto: Sven Weidner

Frau Carmel‐Weidner, am 19. März startet die Interventions‐ und Beratungsstelle OFEK des Kompetenzzentrums der Zentralwohlfahrtsstelle (ZWST) ein Coaching für jüdische Familien mit Antisemitismuserfahrung an Schulen. Welche konkreten Hilfestellungen wollen Sie den Familien geben?
Welche Unterstützung eine Familie braucht, hängt von dem individuellen Fall ab. Grundsätzlich fungiert OFEK als Anlaufstelle für alle, die Antisemitismus erleben, aber der schulische Bezug ist dabei zentral. Aus meiner Arbeit als Psychologin weiß ich, dass es den Menschen oft schwerfällt, genau einzuordnen, was eigentlich passiert ist. Manchmal wissen die Eltern und Kinder auch gar nicht, ob ein Vorfall als antisemitisch einzustufen ist. Uns ist es wichtig, den Familien Raum für ihre Gefühle, Erfahrungen, Sorgen und Fragen zu geben. Natürlich geht es auch darum, mit Ratsuchenden ins Gespräch zu kommen, mit ihnen gemeinsam konkrete Strategien zu entwickeln und gegebenenfalls Partnerorganisationen zu kontaktieren.

Wie wirken sich Antisemitismuserfahrungen auf die Familien aus?
Ich erlebe ganz viel Unsicherheit. Diese zeigt sich häufig auf drei Ebenen: Zum einen stehen die Eltern ratlos vor dem bürokratischen System, da sie nicht wissen, wo sie Unterstützung bekommen können. Oftmals wissen die Eltern auch gar nicht, an wen sie sich wenden können und wie sie persönlich mit der Situation umgehen sollen. Auch stellen sie sich die Frage, wie sie ihrem Kind am besten helfen können.

Welche Fragen bewegen die Eltern?
Wenn ich einen Vorfall in der Schule thematisiere, wie wirkt sich das auf die Lern
atmosphäre aus? Wie reagieren die anderen Eltern? Wie sehen das Lehrer und die Schulleitung? Im schlimmsten Fall führt die Unsicherheit dazu, dass ein Vorfall unter den Teppich gekehrt wird. Unser Ziel ist es, das zu verhindern.

Wie gehen Jugendliche damit um?
Das ist pauschal schwierig zu sagen. Meiner Erfahrung nach ziehen sich viele Jugendliche zurück oder suchen bei sich selbst die Schuld. Oft erzählen sie ihren Eltern nichts davon. Bei Jugendlichen, die sich in der Pubertät sowieso viel mit ihrer eigenen Identitätsfindung beschäftigen, führt das Erleben von Ausgrenzung unter Umständen dazu, dass sie ihre jüdische Identität verstecken. Eltern können dem begegnen, indem sie mit ihren Kindern reden und regelmäßig nach ihrem Alltag fragen. Kommunikation ist das A und O.

Welche psychischen Folgen kann anhaltendes Mobbing haben?
Diskriminierung oder Mobbing im Klassenzimmer kann im Extremfall psychologischen Schaden anrichten. Dafür gibt es leider viele traurige Beispiele. Das Spektrum reicht vom Rückzug aus dem sozialen Umfeld über Essstörungen bis hin zu Depressionen.

Gibt es genügend Hilfsangebote in Berlin und Brandenburg für Betroffene?
Viele Träger engagieren sich gegen Antisemitismus und andere Formen von Diskriminierung im schulischen Bereich. Aber diese haben nicht unbedingt den Zugang zu jüdischen Familien. Auch werden antisemitische Vorfälle häufig nicht als solche wahrgenommen. Lehrer schreiten in vielen Fällen gar nicht oder erst dann ein, wenn die Situation bereits eskaliert ist. Das Alarmsystem ist vielerorts nicht optimal.

Werden antisemitische Vorkommnisse heute ernster genommen?
Das Problembewusstsein ist heute größer als früher. Dazu hat die mediale Aufmerksamkeit beigetragen. Seit einiger Zeit gibt es auch innerhalb der jüdischen Community Träger, die sich dem Problem stellen. Eltern können sich dort jederzeit an OFEK oder RIAS wenden, sowohl für Einzelfallberatung als auch für Gruppencoaching. Allerdings frage ich mich, wie be‐
kannt diese Angebote innerhalb der Community sind. Deswegen ist es sehr wichtig, sie bekannter zu machen.

Mit der Psychologin und OFEK‐Beraterin sprach Jérôme Lombard.

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