Chabad

»Ich bin total beeindruckt«

Im Gespräch mit Schülern bei Chabad: der frühere Bundespräsident Christian Wulff Foto: Rolf Walter

Den gelben Kran sieht man schon von Weitem: An der Westfälischen Straße wird gebaut – der Pears Jüdischer Campus. Der frühere Bundespräsident Christian Wulff (CDU) wollte mehr erfahren und besichtigte die Baustelle. Aber nicht nur der Campus, dessen Träger die orthodoxe Bewegung Chabad Lubawitsch ist, interessierte ihn, sondern auch die Schüler der Jüdischen Traditionsschule, die im Bildungszentrum auf ihn warteten.

Als der ehemalige Bundespräsident eintritt, sitzen die Schüler in einem Stuhlkreis. »Ich fühle mich wie bei der Abi‐Prüfung«, sagt Wulff. »Darf ich die Fragen stellen?«, schäkert er. Doch die Schüler haben sich vorbereitet. Zuerst sind die Achtklässler Moshe Schapiro, Zuriel Yaacobov und David Gorelik dran, denn sie haben kürzlich mit einer Zeitschrift, in der sie den heutigen Antisemitismus aufgreifen, bei einem Schülerwettbewerb der Bundeszentrale für politische Bildung einen Preis gewonnen. »Wir finden, es ist ein brandaktuelles Thema«, sagt Mosche. In der Zeitung »The Smartis« haben sie sich mit Statistiken beschäftigt und Interviews geführt.

»Man kann das Klima einer Stadt beeinflussen«, ist Wulff überzeugt.

SCHULZEIT Schülerinnen der achten Klasse wollen von Wulff wissen, ob es in seiner Schulzeit auch schon Antisemitismus und Mobbing gegeben hat. Wulff denkt kurz nach, dann berichtet er: Als er 17 Jahre alt war, damals war er Schulsprecher in seiner Heimatstadt Osnabrück, hatte jemand Hakenkreuze an die Synagoge geschmiert. Er regte an, einen Schweigemarsch von dem Platz der zerstörten Synagoge zur neuen zu machen. Es kamen mehrere Tausend Teilnehmer. »Wir wollten zeigen, dass die Juden während der Schoa allein gelassen wurden, wir jetzt aber den Anfängen wehren«, sagt Wulff. Heute gebe es ein gutes Miteinander in der Stadt.

»Man kann das Klima einer Stadt beeinflussen«, ist er sicher. Politiker sollten immer wieder aufklären, dass alle von Vielfalt profitieren. Eine Elftklässlerin möchte wissen, ob es heute mehr oder weniger Antisemitismus gibt. »Es gibt mehr Wissen über das Judentum als je zuvor«, meint Wulff. Viele Menschen würden sich engagieren – sie lassen Stolpersteine verlegen, recherchieren über das jüdische Leben oder besuchen Konzerte der synagogalen Musik. Andererseits gebe es allerdings mehr Anschläge.

Wenn Prüfungen auf
religiöse Feiertage fallen,
muss man eine Lösung finden,
betonte Christian Wulff.

Ob die Flüchtlinge daran Anteil hätten? »Ja, auch die Israelfeindlichkeit ist ein Problem.« Er sieht es als eine große Aufgabe an, den Flüchtlingen zu vermitteln, dass sie die Religionsfreiheit akzeptieren müssen. Da sei er für eine »harte Kante«. Wertschätzungen müsse es für alle Religionen geben. Wulff hofft auf ein gutes Mit‐ und Nebeneinander der Kirchen, Synagogen und Moscheen. »Wenn es in Berlin nicht klappt, dann klappt es nirgendwo.«

PRÜFUNGEN Welche Politiker haben die größte Macht, lautete die nächste Frage. »Natürlich der Bundeskanzler und die Fraktionsvorsitzenden«, lautet seine Antwort. Als Bundespräsident hatte er die Macht des Wortes. Aber: »Alle Macht geht vom Volke aus«, betont er. »Also ihr, jeder einzelne ist verantwortlich.« Er habe heute keinen politischen Einfluss mehr. Der 59‐Jährige wäre aber gerne im Amt geblieben und bedauert es immer noch, dass er nach zwei Jahren zurücktreten musste. »Aber es ist nicht mehr so schmerzhaft.«

Und wie sieht es aus mit den Prüfungen fürs Abi oder im Studium, die auf religiöse Tage fallen, wollen Schüler der Klasse elf wissen, etwa wie in diesem Jahr auf Jom Kippur. »Da wird man eine Lösung finden, dass die Prüfungen während der Woche stattfinden«, sagt er. Das müsse in einer multireligiösen Gesellschaft möglich sein. »Ich bin total beeindruckt«, sagte Christian Wulff nach seinem Besuch zu Rabbiner Yehuda Teichtal. »Was Sie hier bauen und wie Sie es konzipieren, ist faszinierend.«

Begegnungsstätte Im Pears Campus soll es drei thematische Schwerpunkte geben: Kultur, Bildung und Sport, erläutert Teichtal. Außerdem soll der Campus als religionsübergreifende und interkulturelle Begegnungsstätte allen Berlinern offenstehen. Der Bau und das Konzept des jüdischen Bildungscampus würden in die Zeit passen, lobte Wulff.

Während Christian Wulff nun doch noch ein paar Fragen an die Schüler stellt – was sie über den Artikel 13 denken und ob sie zu den Demos »Fridays for future« gehen –, sieht man durchs Fenster, wie der Kran eine Betonwand durch die Luft balanciert. Anfang 2021 ist die Eröffnung geplant. Auf dem 7000 Quadratmeter großen Campus sind eine Kita, eine Grundschule, ein Gymnasium, eine Sporthalle und eine Bibliothek geplant. Die Kosten sollen sich auf rund 18 Millionen Euro belaufen.

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