Dresden

Hundert Biografien – eine Sprache

Mühsam: Für Zuwanderer ist es nicht einfach, sich die deutsche Sprache Buchstabe für Buchstabe zu erobern. Foto: imago

Die deutsche Sprache kann einem das Leben schon ganz schön schwer machen. »Die Grammatik ist schrecklich«, stöhnt Maxim Satanovskiy. Der 39‐Jährige ist einer von drei Juden und Jüdinnen, die am vergangenen Donnerstag im »Erzählcafé« der Bildungs‐ und Begegnungsstätte Hatikva in Dresden von sich berichteten.

Erst knapp ein Jahr ist Satanovskiy in der sächsischen Landeshauptstadt und hadert noch mit dem Idiom seiner neuen Heimat. Das elektronische Wörterbuch liegt vor ihm auf dem Tisch, eine Übersetzerin ist bereit einzuspringen, wenn die Vokabeln fehlen. Doch Maxim Satanovskiy, 1972 in der ehemaligen Sowjetunion geboren, ist entschlossen, Deutsch zu sprechen: »Kommunikation ist das Wichtigste.«

Das finden auch die Organisatorinnen des Erzählcafés. Sie möchten Gespräche anstoßen, indem sie Juden verschiedener Altersgruppen einladen, von sich zu erzählen. »Anhand der unterschiedlichen Biografien wollen wir bewusst machen, wie jüdisches Leben heute in Deutschland aussieht«, erklärt Stefanie Neumeister. Sie ist Mitarbeiterin des Projekts »Pegischa – Obschtschenie – Begegnung«, dem das Erzählcafé angeschlossen ist. Werbung macht Hatikva für die Veranstaltung bewusst nicht. Der Rahmen soll familiär bleiben. »Die meisten möchten nicht vor einer großen Gruppe sprechen. Das gilt gerade für ältere Menschen, die Traumatisches erlebt haben«, erklärt Neumeister.

hilfsmittel Ein halbes Dutzend Gäste hat sich eingefunden, um den Berichten von Maxim Satanovskiy, Valentina Marcenaro und Ekaterina Kulakova zu lauschen. Ganz unterschiedlich sind ihre Biografien, und trotzdem gibt es Verbindendes. Sie alle sind aus dem Ausland nach Dresden gekommen, und alle halten die Sprache für das wichtigste Hilfsmittel zur Integration.

Deshalb paukt Maxim Satanovskiy jeden Tag von morgens bis nachmittags Deutsch. Doch der fehlende deutsche Bekanntenkreis ist ein Problem: Mit seinen Freunden spricht Maxim Russisch, seine Freundin wohnt in Russland, ebenso sein zwölfjähriger Sohn aus erster Ehe.

»Ich spreche nicht so gut Deutsch«, schickt auch Ekaterina Kulakova ihrem Bericht voraus. Doch dann erzählt sie anschaulich und witzig von sich. Dass sie als Musikerin wohl kaum jemals reich werden wird – trotz 17 Jahre währender Ausbildung. Und dass der Drill in russischen Musikschulen deutlich härter sei als hierzulande, wo die Schüler andauernd gefragt würden, ob sie auch Spaß haben.

angekommen Einen ganz anderen Bezug zur deutschen Sprache und Mentalität hat Valentina Marcenaro. Der Sprache wegen kam sie nach Dresden. Die Italienerin studierte Englisch und Deutsch – »viel Englisch und wenig Deutsch«, wie sie lachend zugibt, – und wollte das Versäumte aufholen. Ende der 90er‐Jahre reiste sie nach Dresden, mit dem Plan, ein paar Monate zu bleiben.

Aus dem Kurzaufenthalt sind zwölf Jahre geworden, denn in Dresden lernte die Literaturwissenschaftlerin ihren Mann kennen. Inzwischen hat die lebhafte 37‐Jährige zwei Kinder, ein Studium als Kulturmanagerin draufgesattelt – und kennt weder ein Sprach‐ noch ein Integrationsproblem.

Man müsse als Jüdin das Fremdsein als Tatsache akzeptieren, meint hingegen Ekaterina Kulakova: »In Russland sind wir keine richtigen Russen, in Deutschland keine richtigen Deutschen und in Israel keine richtigen Juden«.

Richtig verwurzelt sein ist anscheinend schwierig. »Meine Familie ist eine wilde Mischung«, erzählt Valentina Marcenaro. Ihre Familie mütterlicherseits lebte im bis 1923 bestehenden Osmanischen Reich, väterlicherseits hat sie ihre Wurzeln in Thessaloniki. Ihre Mutter wurde in Ägypten geboren, sie selbst in Mailand. Und nun ist sie in Dresden angekommen.

Verwandte und Freunde in den USA, in Australien und Israel zu haben, ist für alle im Erzählcafé normal. »Im Oktober haben wir ein kleines Klassentreffen in Haifa geplant«, berichtet Maxim Satanovskiy. Etwa die Hälfte seiner Schulkameraden und Lehrer in Russland seien Juden gewesen, nur die wenigsten leben noch dort.

Keine Reue Ob sie sich in Dresden fremd fühle, will eine Zuhörerin von Ekaterina Kulakova wissen. »In der jüdischen Gemeinde nicht«, antwortet die 42‐Jährige. »Die Atmosphäre ist locker, ich kann mit den Leuten gut reden – mit Russen und mit Deutschen.« Seit 2005 wohnt die Musikerin hier. »Keine Minute habe ich bereut, aus Russland fortgegangen zu sein. Es gibt so viele kluge Leute dort, die unter schrecklichen Bedingungen leben müssen.«

Wenn die Gemeinde ein Stück Heimat bietet, dann vielleicht auch die Religion? »Ich bin noch auf dem Weg«, antwortet Ekaterina Kulakova und lächelt. Über ihre jüdische Familiengeschichte weiß sie nicht sehr viel. Sie erinnert sich an alte Familienfotos, die chassidisch gekleidete Juden zeigen. Doch wer auf den Bildern zu sehen ist, haben die Großeltern nie erzählt.

Bei Maxim Satanovskiy war das Judentum zu Hause kein großes Thema. Erst spät hat er erfahren, dass der richtige Vorname seines Vaters Salomon ist – beim Eintritt in die Armee hatte er sich in Alexander umbenannt. Zur Religion will der 39‐Jährige nur so viel sagen: »Jeder Mensch hat Gott in sich.«

Valentina Marcenaro wurde zwar nicht jüdische erzogen, trotzdem war das Jüdischsein für sie immer eine Selbstverständlichkeit, »aber eher in kultureller Hinsicht.« Erst seit sie selbst Kinder hat und ihr Mann zum Judentum übertreten will, versucht sie, die religiöse Tradition stärker in das Familienleben einzubeziehen.

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