Düsseldorf

Helau, Heinrich Heine!

Humor als Mittel gegen Antisemitismus: Heinrich Heine mit Kippa und Schreibfeder Foto: imago/Kraft

Mehrere Hunderttausend Zuschauer haben im Düsseldorfer Rosenmontagszug den ersten jüdischen Karnevalswagen seit gut 90 Jahren gesehen. Heine und die in Gewänder des 18./19. Jahrhunderts gekleidete Gruppe auf dem Wagen wurden bei der kilometerlangen Fahrt quer durch die Düsseldorfer Innenstadt mit großer Begeisterung empfangen.

Der Mottowagen der Jüdischen Gemeinde fuhr sehr früh im Umzug. Er war bereits der sechste von insgesamt 126 Gefährten. Mit dabei waren Vertreter der Gemeinde, aber auch der stellvertretenden NRW‐Ministerpräsident Joachim Stamp (FDP) und der Vorstandschef des Verbandes Düsseldorfer Muslime, Dalinç Dereköy.

Er betonte zusammen mit dem Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde, Michael Szentei‐Heise, wie wichtig es ist, dass beide Gruppen am kulturellen Leben der NRW‐Landeshauptstadt teilnehmen und teilnehmen wollen. »Minderheiten müssen zusammenhalten«, so Dereköy.

Motiv des Wagens war ein Kippa tragender Heinrich Heine mit Gebetsschal und einer Schreibfeder. Daneben erläuterte eine Tafel: »Wir feiern den größten jüdischen Sohn unserer Stadt.« Auch der Schriftzug »Jüdische Gemeinde« und deren Logo waren deutlich sichtbar.

Wagenbauer Der versierte Wagenbauer Jacques Tilly hatte den bunten Wagen in rund einmonatiger Arbeit errichtet – und liebevoll allerlei Details eingearbeitet: den Düsseldorfer Schlossturm, die Lambertuskirche in der Altstadt und ein Abbild der 1958 eröffneten Synagoge am Paul‐Spiegel‐Platz.
Auch ein Bergischer Löwe und eine Heine‐Wiege unter einem blauen Zeltdach mit den Sternen der Europa‐Flagge waren auf dem Wagen vertreten. Die Idee hinter dem Gefährt: Auch Humor kann ein Mittel gegen Antisemitismus sein.

Die Kosten von rund 35.000 Euro finanzierte die Gemeinde durch 20.000 Euro Eigenmittel und Spenden. Die »Rheinische Post« versteigerte fünf Plätze zur Mitfahrt. Die Freude der Zuschauer erhöhte sich noch durch den freigiebigen Wurf von »Kamelle«. Die Verpackungen des Naschwerks waren hebräisch beschriftet. Kein Wunder: 1,3 Tonnen Süßigkeiten hatte die Gemeinde aus Israel kommen lassen.

Koscher/halal »Koscher und halal«, wie Szentei‐Heise versichert. Der Heine‐Wagen setzte auch musikalisch Zeichen. Aus den Bordlautsprechern kamen Rocksongs, Lieder der Neuen Deutschen Welle und israelische Melodien, die erstaunlich gut in den karnevalistischen Klangteppich passten, der sich am Rosenmontag über die Zugstrecke legte. Die Sicherheitsvorkehrungen im Zug waren hoch. Die Polizei war sichtbar, hielt sich aber im Hintergrund.

Das Medienecho auf den ersten jüdischen Karnevalswagen seit den Zeiten der Weimarer Republik war enorm. Nur der Prinzenwagen und der der »Toten Hosen« waren noch beliebter.
Ein langes Leben hat der Pappmaschee‐Heine übrigens nicht. Am Aschermittwoch wurde er bereits wieder eingestampft. Die Wagenkarosse wird schließlich im nächsten Jahr für eine neues Motiv wieder gebraucht.

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