Dresden

Hauptsache friedlich

Schon Tradition: Auch in diesem Jahr werden sich wieder Gemeindemitglieder in die Menschenkette gegen Neonazis einreihen. Foto: Steffen Giersch

»Krieg deinen Arsch hoch!« Mit diesem drastischen Appell will die »Arbeitsgruppe 13. Februar« die Dresdner gegen Neonazis auf die Straße bringen. Wie alle Jahre wieder planen Rechtsextreme an diesem Tag einen sogenannten Trauermarsch durch die sächsische Landeshauptstadt. Die Rechten nehmen das Datum der Bombardierung Dresdens durch die Alliierten im Jahre 1945 zum Anlass für ihren Aufzug. Und da der 13. auf einen Montag fällt, soll am darauffolgenden Samstag gleich noch einmal marschiert werden. Für beide Termine haben die Neonazis jeweils 2.000 Teilnehmer angemeldet.

Die Arbeitsgruppe 13. Februar, bestehend aus Vertretern der Stadt, aus Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und Sport, Gewerkschaften, Kirchen und der jüdischen Gemeinde, will auf friedliche Weise dagegenhalten. Geplant ist am Montag – wie schon in den vergangenen Jahren – eine Menschenkette, die die Innenstadt umschließen und an der Synagoge vorbei bis auf die Neustädter Seite führen soll. Man hofft, dass sich 10.000 Menschen die Hand gegen Rechts reichen werden.

Farbe bekennen Am 18. Februar organisiert die Arbeitsgruppe eine Kundgebung auf dem Schlossplatz. Auch dort sollen mindestens 10.000 Dresdner Farbe gegen die Braunen bekennen. »So ein breites öffentliches Bündnis wie dieses Jahr gab es noch nie«, sagt Nora Goldenbogen, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Dresden. Positiv sei auch, dass von Jahr zu Jahr mehr Bürger der Elbestadt auf die Straße gingen. »Viele werden sich auch angesichts des jahrelangen, nicht verhinderten Mordterrors der Nazigruppe NSU entscheiden, aktiv zu werden«, hofft Nora Goldenbogen.

Gleichzeitig befürchtet die Vorsitzende, dass gerade nach den Entdeckungen der letzten Wochen die Neonazi-Aufzüge aggressiver werden. »Diese Kräfte sind gefährlich. Das sollte man nicht unterschätzen. Wir haben schon lange davor gewarnt, dass es eine gefestigte rechtsextreme Gesinnung gibt. Aber viele wollten das nicht zur Kenntnis nehmen.«

Die jüdische Gemeinde wird an beiden Demonstrationstagen ihre Schutzvorkehrungen verstärken und hat an die Polizeibehörde appelliert, auch nach Ende der offiziellen Kundgebungen auf die Sicherheit der Synagoge zu achten. »Wir haben nicht vergessen, wie es war, als diese erschreckenden, immer zahlreicher werdenden Umzüge direkt an unserer Synagoge vorbeizogen«, betont Goldenbogen.

Einladung Für die Gemeinde sei die Vorbereitung auf den 13. Februar immer wieder ein großer Kraftakt. Im Anschluss an die Menschenkette lädt die jüdische Gemeinde am 13. Februar zu Kaffee, Tee und Gesprächen in ihr Gemeindezentrum am Hasenberg ein und zeigt den Dokumentarfilm über die Sprengung der Semper-Synagoge im Jahre 1938. Am 18. Februar wird ein öffentlicher Schabbatgottesdienst in der Neuen Synagoge stattfinden.

»Als jüdische Gemeinde sind wir Teil der Stadtgesellschaft und unterstützen alle Formen des gewaltfreien Protests«, betont Goldenbogen. Wie in der Stadt insgesamt gibt es auch innerhalb der Gemeinde unterschiedliche Auffassungen darüber, welche Form des gewaltfreien Widerstands die beste ist. Denn während der Arbeitskreis 13. Februar sich das Ziel gesetzt hat, gegen Naziaufmärsche zu protestieren, will das »Bündnis Dresden Nazifrei« rechtsextreme Demonstrationen verhindern und ruft zur Blockade auf.

Blockaden »Auf diese Prinzipienstreitigkeiten wollen wir uns nicht einlassen. Uns geht es darum, die Aufmärsche der Rechtsextremen endlich zu beenden«, sagt Goldenbogen. Es sei schließlich auch ein gewaltfreier Protest, wenn sich jemand friedlich auf die Straße setze. Für die vielen älteren Gemeindemitglieder sei die Sitzblockade ohnehin keine Option. »Aber ein großer Teil befürwortet friedliche Blockaden«, weiß die Gemeindevorsitzende.

Valentina Marcenaro, die sich in der Gemeindearbeit für die jüngere Generation engagiert, weiß von Einzelnen, die den Aufrufen des Bündnisses Nazifrei folgen wollen. »Die meisten werden aber an der Menschenkette teilnehmen und an der Synagoge Präsenz zeigen. Das ist wie eine unausgesprochene Verabredung.«

Handeln Öffentlich Sympathie für die Sitzblockaden bekundet Gemeindemitglied Herbert Lappe: »Wo der Rechtsstaat versagt, muss der verantwortungsvolle Bürger eigenständig handeln! Und so lange Leute wie Holger Apfel, Vorsitzender der Sächsischen NPD, im Landtag mit göbbelschen Parolen wie ›Nur wer deutsches Blut in seinen Adern fließen hat, kann für uns ein Deutscher sein‹ ungestraft hetzen dürfen, solange die NPD-nahen Schlägertrupps durch Dresden marschieren – so lange werde ich mich denen anschließen, die die Freiheit mit allen möglichen friedlichen Mitteln verteidigen. Wenn nötig, auch durch die Teilnahme an Sitzblockaden. Meine Kinder sollen nie fragen müssen, weshalb wir Juden uns nicht rechtzeitig gewehrt haben.«

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