Frankfurt/Main

Großeinkauf zu Pessach

Saisonware: Akiwa Heller und Leslie Winter vom koscheren Laden in Frankfurt Foto: Rafael Herlich

Der Auszug aus Ägypten war lang, beschwerlich – und begann so plötzlich, dass die Juden keine Zeit mehr hatten, ihren Brotteig vor dem Backen säuern zu lassen. Statt Brot entstand Mazza – die heutzutage zur Erinnerung an den Exodus während des gesamten Pessach-Festes gegessen wird.

Nach spätestens drei Tagen hat der moderne Mensch den Sinn der Entbehrung verstanden und möchte sich beim Bäcker wieder mit frischen Brötchen eindecken, doch mahnend steht in der Küche der kleine Turm aus Mazze-Paketen, der die Versorgung für die weiteren Tage sichert.

Selbst backen Doch wo bekommt man die Pessach-Menge Mazza her? Man kann sie selbst backen. Wie das funktioniert, probieren die Kindergärtner und Schüler der Frankfurter Lichtigfeld-Schule jedes Jahr selbst aus.

»Mehl, Salz und Wasser mischen. Platt machen und in den Ofen rein. Ist ganz einfach«, beschreibt ein Sechsjähriger den Produktionsprozess. Zu beachten ist nur, dass der Teig nicht unbearbeitet liegen gelassen werden darf, denn nach 18 Minuten beginnt die Gärung. Handarbeit gehört für viele Religiöse ohnehin zum Mazzot-Backen dazu – schließlich beginne mit dem Mazza-Backen bereits die Mizwa des Mazza-Essens.

Der überwiegende Teil aller Hausfrauen ist jedoch schon Tage vor Pessach vollauf damit beschäftigt, die gesamte Wohnung oder das gesamte Haus von allen gesäuerten Überresten wie Keks- oder Brotkrümeln zu befreien. Sie greifen lieber zu den fertigen Packungen. Satte 1,5 Container der ungesäuerten Backware haben Akiwa Heller und Leslie Winter, Inhaber des Frankfurter koscheren Geschäftes Aviv, neben all den anderen Pessach-Lebensmitteln in diesem Jahr geordert.

Lieferanten »Wir bestellen in Israel und Belgien«, sagt Heller. In Antwerpen, rund vier Autostunden von Frankfurt entfernt, kaufe er auch regelmäßig direkt ein – so wie einige seiner Kunden. »Wer religiös ist und deshalb einen hohen Bedarf an koscheren Lebensmitteln hat, spart mit dem Einkauf in Belgien oder Straßburg schon ein paar Cent pro Produkt«, weiß Heller. Da lohne sich der Fahrweg.

Den nehmen auch einige Aviv-Kunden auf sich. »Manche kommen mit einem Kleinbus aus Dresden«, Heller kennt seine Kundschaft. Schließlich gebe es nicht so viele koschere Geschäfte in Deutschland. Einkäufe können sich aber auch problemlos und schnell über den Versandhandel lösen, beispielweise über Doronia.

Auch »Garagenverkäufe«, blühen laut Heller gerade zu Pessach immer wieder auf. So ganz legal scheinen sie jedoch nicht zu sein. »Damit versuchen manche, ein paar Cent zu verdienen. Aber das stört uns nicht weiter«, meint der Aviv-Inhaber.

Angebot In Frankfurt gibt es zudem einen Mini-Supermarkt, der von Gila und Isaak Usvaev betrieben wird. Das Ehepaar ist Mitglied der jüdischen Gemeinde und bietet neben vielen russischen Spezialitäten in einer Ecke des Geschäfts auch koschere Lebensmittel an. »Wir werden alles für Pessach haben und die entsprechenden Regale kaschern, aber nicht den ganzen Laden«, sagt Gila Usvaev.

Aviv hatte bereits gute fünf Wochen vor Pessach sein Groß-Reinemachen. Dann wurden Cracker, Rogalach und Cornflakes auf ein schmales Regal verbannt. Stattdessen dürfen sich Mazzemehl und Kokosmakronen ausbreiten. Zu den Kassenschlagern bei Aviv zählt die mit Schokolade überzogene Mazza. Ungesäuertes mit Knoblauch- oder Zwiebelgeschmack widerstrebe ihm allerdings, sagt Heller.

Ohnehin behagen ihm nicht alle Veränderungen, die er in den vergangenen 15 Jahren beobachtet hat. Dazu gehört auch, dass die Leute viel verwöhnter und anspruchsvoller geworden seien. »Mittlerweile haben wir sechs Sorten Pessach-Kekse, und die Leute verlangen dennoch nach der siebten«, moniert er.

Fertigprodukte Als das Geschäft noch seinem Vater und seinem Onkel gehörte, seien zu Pessach höchstens mal Back- mischungen verkauft worden. Heute gingen nur noch fertige Kuchen über die Verkaufstheke. »Die Leute haben keine Zeit, sagen, sie müssen zu viel arbeiten.«

Für Heller geht damit auch ein Stück der Feiertags-Tradition verloren. Die fehlt ihm auch bei den »Drei-Tage-Juden«: Sei früher noch berechnet worden, wie viel Mazza man für die acht Tage Pessach brauche, würden heute einfach zwei Pakete für den Seder-Abend mitgenommen. »Danach essen wir sowieso wieder Brot«, lautet das offene Bekenntnis, das Heller nur ungern hört.

Talons Damit sich fromme Familien mit wenig Geld nicht mit zwei Paketen begnügen müssen, bietet ihnen die Sozialabteilung der Jüdischen Gemeinde Frankfurt sogenannte Talons an. Diese Bezugsscheine für Mazza, Mazzemehl und Wein erhalten auch alle Gemeindemitglieder, die älter als 65 Jahre sind und Grundsicherung beziehen.

»Ein Single bekommt Talons für drei Pfund Mazza, ein Pfund Mazzemehl und eine Flasche Wein«, definiert Sozialarbeiterin Christiane Yehuda die Vergaberegelung. Mehr als 1.000 der gut 7.000 Frankfurter Gemeindemitglieder haben so im vergangenen Jahr in der Sozialabteilung Gutscheine für den Pessach-Einkauf bei Aviv erhalten.

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