Dresden

Gewaltfreie Zone

3,6 Kilometer Solidarität: Die Menschenkette führt auch an der Synagoge vorbei. Foto: Dietrich Flechtner

Ruhig ist es eine halbe Stunde vor Beginn der Menschenkette in Dresden. So still, dass man sich nicht vorstellen kann, woher die 10.000 kommen sollen, die die »Arbeitsgruppe 13. Februar« erwartet, um einen symbolischen Schutzwall gegen Rechte um das Stadtzentrum zu bilden. Nur vor der Frauenkirche ist ein kleiner Auflauf: Eine Gruppe Fotografen lichtet die in Dresden versammelte Parteispitze der Grünen ab. Cem Özdemir, Jürgen Trittin, Claudia Roth und Renate Künast halten ein Transparent in die Höhe: »Nazis nein danke«.

Dass die Dresdner »nein danke« zu den Neonazis sagen, die seit zehn Jahren im‐ mer am 13. Februar in der Elbestadt aufmarschieren, hofft auch das »Bündnis Dresden nazifrei«. Während die »Arbeitsgruppe 13. Februar«, an der sich unter anderem die Stadt, Gewerkschaften, Kirchen und die Jüdische Gemeinde beteiligen, auf friedlichen Protest gegen den angekündigten Fackelzug der Neonazis setzt, will das linke »Bündnis« den Aufmarsch verhindern. Ebenfalls friedlich, aber wenn nötig durch Blockaden.

Blockade An der Frage, ob man gegen die Rechtsextremen protestieren oder ob man sie blockieren soll, scheiden sich die Geister. Deshalb ruft die »Arbeitsgruppe« am Montag zur Menschenkette, das »Bündnis nazifrei« zu einem »Rundgang Täterspuren« und zu Kundgebungen in Hör‐ und Sichtweite der Neonazis auf.

Um 17 Uhr eröffnet der Erste Bürgermeister, Dirk Hilbert (FDP), die Menschenkette am Rathaus mit einer Rede, in der er den Bogen vom Rassismus der Nationalsozialisten zum Rassismus in unseren Tagen schlägt. Hilbert erinnert an die Ermordung der Ägypterin Marwa El‐Sherbini vor zweieinhalb Jahren in Dresden und erklärt, warum es angesichts einer solchen Tat am 13. Februar nicht nur ein stilles Gedenken geben könne: »Wir dürfen das Gedenken an die Opfer des Krieges nicht losgelöst betrachten von dem, was in der Welt und in dieser Stadt geschieht.« Hilbert ruft die Dresdner zu einem klaren Bekenntnis gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Gewalt auf.

Versorgung Viele begeben sich vom Rathaus direkt Richtung Synagoge, um sich dort in die Menschenkette einzureihen. Vor dem jüdischen Gemeindezentrum am Hasenberg schenken Helfer heißen Tee aus. »Stop! Gewaltfreie Zone«, mahnt ein Schild.

Gemeindevorsitzende Nora Goldenbogen pendelt geschäftig zwischen Gemeindehaus und Vorplatz. Sie wirkt entspannt: »Ich freue mich, dass so viele Gemeindemitglieder gekommen sind.« Auch Heinz Joachim Aris stellt fest: »Die Atmosphäre hebt sich positiv von den vergangenen Jahren ab. Das Gedenken an die Opfer des Bombenangriffs steht im Mittelpunkt.«

Die Stadt habe die Lage dieses Jahr besser im Griff. Angst vor den Neonazis hätten die Gemeindemitglieder nicht, meint der Geschäftsführer. Selbst die Aufde‐ ckung des braunen Terrornetzwerks Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) finde wenig Nachhall. »Man fühlt sich nicht persönlich bedroht.« Eine Haltung, die mit den antisemitischen Erfahrungen zu tun hat, die die jüdischen Zuwanderer in der ehemaligen Sowjetunion sammeln muss‐ ten, meint Gemeindemitglied Eva Rietze: »Im Vergleich dazu finden sie die Situation hier in Deutschland ziemlich erträglich.«

Versammlungsfreiheit Doch das heißt keineswegs, dass man sich in der jüdischen Gemeinde mit Rechtsextremismus abgefunden hat. »Nachvollziehbar sind die alljährlichen Aufmärsche der Neonazis nicht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Mütter und Väter des Grundgesetzes daran gedacht haben, als sie die Versammlungsfreiheit festschrieben«, sagt Aris. Selbst Jahrgang 1934, sieht er Parallelen zu den 30er‐Jahren. »Niemand hätte gedacht, dass sich das wiederholen kann. Man kennt es aus der Geschichte: Das Gezänk der Parteien macht die Extremisten stark.«

Das sieht Stephan J. Kramer genauso. Im Vorfeld des Gedenktages hatte der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland sich bereits für eine friedliche Blockade des Neonazi‐Umzuges ausgesprochen. »Das hat viele überrascht«, weiß Kramer, »aber ich bin zu der Ansicht gekommen, dass symbolische Menschenketten und Großkundgebungen nicht mehr ausreichen. Wir müssen die schweigende Mehrheit aufrütteln.«

Stille und Geläut Als sich um 18 Uhr die Menschenkette schließt, reiht sich Kramer mit rund 13.000 anderen trotzdem ein. Zehn Minuten verharren die Menschen auf einer Strecke von 3,6 Kilometern quer durch Dresden schweigend Hand in Hand. Zu hören sind nur die Glocken der Dresdner Kirchen – und der kreisende Polizeihubschrauber, denn in der Nähe des Hauptbahnhofs versammeln sich zur gleichen Zeit die Neonazis.

Proteste Die potenziellen Blockierer des braunen Fackelzuges haben sich für 18.30 Uhr auf dem Postplatz verabredet. Gerade recht, um nach dem Ende der Menschenkette zur zweiten Aktion zu schreiten. Zum Protest in Hör‐ und Sichtweite der Neonazis.

So lösen die Dresdner den Parteien‐ und Prinzipienstreit auf ihre Weise: Sie gehen sowohl zur Menschenkette als auch zur Bündnis‐Kundgebung. »Die Bürger haben wenig Verständnis für die politischen Grabenkämpfe rund um diesen Gedenktag«, meint Kramer. Kaum haben sich die Hände der Menschenkette gelöst, strebt auch Kramer dem Postplatz entgegen.

Wer im jüdischen Gemeindezentrum bleibt, hofft, dass der Abend ruhig bleibt. »Man weiß natürlich nicht, was jetzt am Hauptbahnhof los ist. Ich muss ja auch noch in diese Richtung«, sagt Heinz Joachim Aris. Will er ebenfalls die Neonazis blockieren? »Ich blockiere niemanden«, erwidert Aris trocken.

Es bleibt verhältnismäßig friedlich an diesem 13. Februar in der Elbestadt. Die Polizei meldet zehn Festnahmen. Tausende Neonazi‐Gegner zwingen die etwa 1.000 Rechtsextremen dazu, dass sie ihren Fackelzug mit erheblicher Verzögerung und auf einer verkürzten Route antreten müssen. Auch rund um die Synagoge bleibt es ruhig. Vor der Stele, die an die von den Nationalsozialisten zerstörte Semper‐Synagoge erinnert, zünden Kinder Kerzen an.

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