Wiesbaden

Gestorben 1945?

Strittige Jahreszahl: 1945 für Sobibor

»Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist.« Diesem Grundsatz folgen Juden, wenn sie an Gedenktagen sich an die durch die Nazis verfolgten und ermordeten Angehörigen erinnern und deren Namen nennen. Namen stehen auf Gedenksteinen und Monumenten. So auch auf dem im Januar übergebenen Mahnmal am Michelsberg in Wiesbaden. Hier sind zusätzlich noch der Ort und das Jahr der Ermordung zu lesen. Für die Toten von Sobibor steht dort die Jahreszahl 1945. Und das führte nun zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen der Paul‐Lazarus‐Stiftung und der jüdischen Gemeinde in Wiesbaden.

Sobibor, so das Argument der Lazarus‐Stiftung, die ein Ableger des Aktiven Museums Spiegelgasse ist, wurde 1943 dem Erdboden gleichgemacht. Das Todesdatum 1945 träfe deshalb auf die Opfer von Sobibor nicht zu, die entsprechenden Tafeln müssten ausgetauscht werden.

Jacob Gutmark vom Vorstand der Jüdischen Gemeinde Wiesbaden hält die Koppelung des Todesjahres 1945 mit Sobibor für vertretbar. Auch in anderen Fällen trage man das Todesjahr 1945 ein oder wähle den 8. Mai 1945 als symbolischen Todestag, wenn die genauen Daten nicht bekannt seien. Auch die Gedenkstätte Yad Vashem verfahre bisweilen so.

Aufstand Das Vernichtungslager Sobibor im heutigen Polen wurde 1942 angelegt. Nach einem Aufstand mit anschließender Massenflucht am 14. Oktober 1943, ermordete die SS die zurückgebliebenen Lagergefangenen, die nicht fliehen konnten. Das Lager wurde eingeebnet. Rund 150.000 bis 250.000 Menschen wurden hier in nur eineinhalb Jahren fabrikmäßig getötet.

1945, so Gutmark, sei ein Scheidepunkt gewesen. »Bis dahin wurde gemordet, danach nicht mehr«, erklärte er in einem Interview mit der Internet‐Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. »Auch die Behörden haben nach dem Zweiten Weltkrieg für Opfer, deren Todesdatum unbekannt war, das Jahr 1945 festgesetzt.« So habe ihm eingeleuchtet, dass auch das Wiesbadener Museum diese Verfahrensweise für das Namensband gewählt habe.

Yad‐Vashem‐Mitarbeiter erklärten, dass sich das Schicksal der Juden, die 1942 nach Sobibor deportiert werden sollten, sehr schwer oder gar nicht im Einzelnen aufklären lasse, weil man nicht wisse, wer wirklich dort angekommen sei. »Der Transport«, so Gutmark, »hat vor der Ankunft in Sobibor in Lublin haltgemacht. Wer dort umkam und wer nach Sobibor deportiert wurde, lässt sich bis jetzt nicht feststellen.«

Die Lazarus‐Stiftung will den Nachkommen entsprechen und die Daten ändern lassen. Er kenne solche Wünsche nicht, sagte Gutmark. Er wolle sie akzeptieren, wenn genaue Daten vorlägen. Sei dies nicht der Fall, könne alles beibehalten werden. Dass sich der Streit nun so zugespitzt habe, sieht er als mögliches persönliches Profilierungsstreben. »Das Aktive Museum ist eine lokale Bürgerinitiative«, so Gutmark. »Der Verein beansprucht eine Deutungshoheit, die ihm nicht zusteht.«

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