Fraenkelufer

Gemeinschaft der Querdenker

Festakt: Die Synagoge am Fraenkelufer besteht seit 1916. Foto: William Glucroft

Es war ein ganz besonderer Nachmittag am vergangenen Sonntag in Kreuzberg. Der Regen hatte rechtzeitig aufgehört, die Sonne tauchte den Uferweg am Landwehrkanal in ein warmes Licht – pünktlich zur Jubiläumsfeier zum 100. Geburtstag der Synagoge und des jüdischen Gemeindelebens am Fraenkelufer.

Viele Beter, Nachbarn und geladene Gäste waren in die Räumlichkeiten des im September 1916 eingeweihten Gotteshauses gekommen. »Wenn wir 2016 das Jubiläum der Synagoge am Fraenkelufer feiern, geht es um viel mehr als das 100-jährige Bestehen eines Gebäudes. Es geht vor allem um die Menschen, die diesen Ort im Laufe des letzten Jahrhunderts mit Leben gefüllt haben«, betont Nina Peretz in ihrer Begrüßungsrede.

Peretz ist Vorsitzende des Vereins »Freunde der Synagoge Fraenkelufer«, der als Gremium viele Aktivitäten organisiert, die über den Gottesdienst hinausgehen. Die Jubiläumsfeierlichkeiten haben die Ehrenamtlichen seit über einem Jahr geplant. »Wir wollen diesen Ort nicht als Mahnmal oder als Museum erhalten, sondern als einen Ort, an dem auch zukünftig aktives Gemeindeleben stattfinden kann«, sagt die Vereinsvorsitzende.

Psalmgesang Das Festprogramm an diesem Nachmittag hatte neben musikalischen Darbietungen und kantoralem Psalmgesang ein besonderes Highlight: die Eröffnung der beiden Ausstellungen 100 Jahre Fraenkelufer – Ein Jahrhundert jüdisches Leben in Kreuzberg und Neubeginn – Robert Capa am Fraenkelufer. Erstere erzählt die Geschichte der Synagoge anhand ausgewählter biografischer Skizzen von Gemeindemitgliedern, letztere zeigt Fotos des amerikanischen Fotografen Robert Capa, der 1945 den ersten Gottesdienst am Fraenkelufer nach Ende des Zweiten Weltkriegs mit der Kamera festhielt.

Zum Festakt waren viele Mitglieder der Gemeinde mit ihren Kindern gekommen. Auch Politiker wie der Bundestagsabgeordnete Volker Beck (Grüne) und die Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg, Monika Herrmann (Grüne), zählten zu den Gästen. Der Rabbiner und Direktor der Stiftung Topographie des Terrors, Andreas Nachama, ordnete die Kreuzberger Synagoge in den historischen Kontext ein. Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Gideon Joffe, lobte das vorbildliche Engagement der Beter. »Jüdisches Leben in Kreuzberg ist keine Selbstverständlichkeit.

Die Synagoge am Fraenkelufer ist heute wie zu Zeiten ihrer Gründung ein Ort für Querdenker«, so Joffe. Der Berliner Gemeindevorsitzende erinnerte an die Gründungsgeschichte des Gotteshauses: Inmitten des Ersten Weltkriegs wurde die Synagoge im orthodoxen Ritus, entgegen dem damals vorherrschenden liberalen Mainstream, gegründet. »Treibende Kraft des Wiederaufbaus jüdischen Lebens in Berlin nach der Schoa war auch die Synagoge Fraenkelufer. Heute finden Juden aus Israel und aller Welt ein Zuhause am Fraenkelufer«, sagte Joffe.

Vielfalt In der Tat spiegelt die Kreuzberger Synagogengemeinde die kulturelle Vielfalt des sie umgebenden Bezirks wider. Es ist gerade auch diese Vielfalt, die viele Gemeindemitglieder so attraktiv finden. So wie der 31-jährige Josh. Er stammt aus Israel und wohnt seit einiger Zeit in Neukölln. »Ich finde es super, dass am Fraenkelufer sowohl orthodox als auch konservativ oder liberal betende Menschen willkommen sind. Die Gemeinde lässt sich einfach nicht in herkömmliche Schemata pressen«, sagt der Israeli, der regelmäßig am Gottesdienst teilnimmt und sich auch am zivilgesellschaftlichen Engagement der Gemeinde beteiligt.

So besucht er oft mit anderen Gemeindemitgliedern eine Flüchtlingsunterkunft in Wilmersdorf. Andere Synagogenbesucher schätzen vor allem die gute Gemeinschaft.
»In Israel war ich nie in einer Synagoge. Mit Religion habe ich wenig am Hut. Mit Freunden gehe ich gerne zum Schabbatdinner ans Fraenkelufer. Hier trifft man immer tolle Menschen«, meint der ebenfalls aus Israel stammende 33-jährige Gai.

Ganz gleich, aus welchem persönlichen Antrieb heraus jemand zur Synagoge ans Fraenkelufer kommt, in einem Punkt sind sich alle einig: Die nächsten 100 Jahre können kommen.

Münster

Jüdische Gemeinde wehrt sich gegen israelfeindliche Kundgebung

Gemeindechef Fehr: »Die Antizionisten wollen israelfeindliche Stereotype im öffentlichen Bewusstsein festigen«

 24.07.2020

Gespräch

Bedrohung und Staatsversagen

Der zweite »Jüdische Salon« des Zentralrats der Juden widmet sich Ronen Steinke und seinem neuen Buch

 02.07.2020

Würzburg

Gepäckstücke erinnern

Auf dem Bahnhofsvorplatz wurde der »DenkOrt Deportationen 1941–1944« eingeweiht

von Stefan W. Römmelt  18.06.2020

Gemeinden

Aktiv und engagiert

Die Zentralwohlfahrtsstelle veröffentlicht ihre Statistik für 2019 – die Zahlen geben wichtige Hinweise

von Heide Sobotka  18.06.2020

Nachruf

Zeitzeuge, Wissenschaftler, Gabbai

Der Medizinhistoriker Gerhard Baader starb im Alter von 91 Jahren in Berlin

von Christine Schmitt  16.06.2020

Hannover

Tausende spenden für Familie

Im Internet wird für Witwe und Kinder von Rabbiner Wolff sel. A. gesammelt – über eine Million Euro sind schon eingegangen

von Michael Thaidigsmann  30.04.2020 Aktualisiert

Jahrestag

In kleinem Rahmen

Zum 75. Jubiläum sollte es große Feiern geben, doch wegen Corona wurde es ein stilles Gedenken

von Eugen El  23.04.2020

Fraenkelufer

Mufleta mit Schwarzwälder Kirsch

Zum Mimounafest treffen sich die Beter virtuell statt in der Synagoge – und backen zusammen

von Ralf Balke  23.04.2020

München

Alle Hände voll zu tun

Steven Guttmann tritt sein Amt als IKG-Geschäftsführer in schwieriger Zeit an. Ein Porträt

von Helmut Reister  23.04.2020