Jubiläum

Gemeinsam für Heidelberg

Es ist mittlerweile 25 Jahre her, dass die neue Heidelberger Synagoge ihre Türen öffnete, dass die Zeit der regelmäßigen Umzüge und Provisorien in kleinen Räumen zu Ende ging und dass die jüdische Gemeinde wieder ein echtes Zuhause fand. Die Eröffnung des Gemeindezentrums im Stadtteil Weststadt war 1994 nicht nur eine große Erleichterung für die Juden in Heidelberg – es war ein Signal an das ganze Land. Ein Symbol, das rund 200 Heidelberger und Gäste am vergangenen Sonntag mit einem Festakt würdigten.

Die Gemeinde ist
für viele ein zweites
Zuhause geworden.

Denn vor einem Vierteljahrhundert war jüdisches Leben in der Universitätsstadt wieder selbstverständlich. Hier wurde 1979 die Hochschule für Jüdische Studien gegründet, die Kultusgemeinde wuchs und wurde zunehmend Teil der Stadtgesellschaft – »ein Teil unserer Familie«, wie es der Heidelberger Oberbürgermeister Eckart Würzner am Sonntag formulierte. Entsprechend wurde das 25. Jubiläum der Synagoge auch nicht im Gemeindezentrum gefeiert, sondern im Alten Saal des Heidelberger Rathauses – »an unserer Familientafel«, wie Würzner den Raum beschrieb.

Fokus So stand in der Feierstunde weniger das moderne Gebäude an sich im Fokus, als die Bedeutung, die es für die jüdische und nichtjüdische Bevölkerung der Stadt hat. Der Oberbürgermeister sieht darin den Ausdruck eines »neuen Heidelberger Geistes«, nach dem es selbstverständlich sei, dass jeder, der dort ankommt, willkommen sei.

»Meine Generation und ich können uns nicht mehr vorstellen, dass hier mal ein anderer Geist herrschte«, sagte Würzner mit Blick auf die Zeit des Nationalsozialismus, in der auch in Heidelberg 1938 die Synagogen in Altstadt und Rohrbach niedergebrannt wurden – »von einem rechtsradikalen Mob. Aber das sagt sich so leicht. Es waren Heidelberger – Nachbarn, ehemalige Freunde«.

Und doch kehrten einige Juden nach dem Zweiten Weltkrieg in die Stadt zurück und halfen mit, die Gemeinde wieder aufzubauen. »Das muss unglaublich schwierig gewesen sein«, würdigte Würzner diese Pioniere, »umso mehr Dankbarkeit gebührt ihnen.« Sie brachten sich in die Stadt ein, suchten den Austausch – trotz der schrecklichen Erfahrungen, die sie und ihre Familien in Deutschland und Heidelberg machen mussten.

Auch Alfred Jacoby,
der Architekt,
feierte mit.

Und doch dauerte es Jahrzehnte, bis diese vierte jüdische Gemeinde Heidelbergs wieder eine repräsentative Synagoge bekam. Anfang der 90er‐Jahre entwarf der Architekt Alfred Jacoby – auch er feierte am Sonntag mit – das Gemeindezentrum und damit ein sichtbares Symbol für das mittlerweile gute Miteinander zwischen Stadtgesellschaft und jüdischer Gemeinde. »Sie ist ein Mahnmal für die Zuversicht und ein Zeichen der Annäherung – auch nach unserer schrecklichen Heidelberger Vergangenheit«, erklärte Oberbürgermeister Würzner. Am Neckar sei der »entspannte Umgang« mittlerweile eigentlich selbstverständlich – »auch wenn der eine oder andere noch in alten Ressentiments denkt«.

glück Und auch die drei Festredner aus der jüdischen Gemeinschaft würdigten die Entwicklung der Heidelberger Kultusgemeinde, zu der auch die Synagoge beitrug. Diese sei für viele Gläubige zu einem »zweiten Zuhause« geworden, betonte Vadim Galperin, der Vorsitzende der Kultusgemeinde. Schließlich wurde sie in einer Zeit fertig, als viele Juden aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland einwanderten. »Die, die nach Heidelberg kamen, hatten großes Glück«, sagte Galperin, »für sie öffnete ein modernes Gemeindezentrum seine Türen.«

Die Neuankömmlinge bildeten bald den Großteil der Gemeinde – das habe natürlich zu Konflikten geführt. Aber die Gemeinschaft habe viel dazu beigetragen, dass sich die Einwanderer schnell integrieren konnten. »Nach 25 Jahren lebt hier mittlerweile eine ganz neue Generation. Die Kinder und Kindeskinder sind vollständig integriert, die meisten sehr erfolgreich im Arbeitsleben.«
Die Gemeinde sei zudem offen für die gesamte Stadt: Regelmäßig besuchen auch Nichtjuden die Gottesdienste in der Synagoge, beim »Interkulturellen Dialog« sei sie ein wichtiger Partner.

Gemeinschaft Aber auch über die Stadt hinaus strahlt das jüdische Leben Heidelbergs aus, wie Rami Suliman, Mitglied des Direktoriums des Zentralrats der Juden und Vorsitzender der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden, betonte. Hier seien mit der Hochschule für Jüdische Studien sowie dem Zentralarchiv zur Erforschung der Geschichte der Juden zwei bedeutende Institutionen ansässig. »Deshalb bin ich umso glücklicher, dass wir hier wieder eine funktionierende und wachsende Gemeinde haben«, sagte Suliman.

Diese Entwicklung hob auch Moshe Flomenmann, der badische Landesrabbiner, hervor. Mit Blick auf Tu Bischwat, das am Sonntagabend begann, wünschte er den Heidelbergern, dass sie auch weiterhin Entscheidungen treffen mögen, auf die man in der Zukunft stolz zurückblicken könne: »Die Gemeinde soll in 25 oder 50 Jahren die Samen schätzen, die wir heute zusammen gepflanzt haben.« So wie die Kultusgemeinde heute davon profitiere, dass Anfang der 90er‐Jahre die Synagoge errichtet wurde.

Antisemitismus Doch bei aller Feierlaune warnten alle Redner am Sonntag vor dem Antisemitismus, der in Deutschland wieder zunehme. »Auch hier passieren Dinge – täglich«, sagte Flomenmann. »Früher war Integration das Hauptthema, jetzt kommen neue Herausforderungen hinzu.« Angriffe wie die auf das jüdische Restaurant in Chemnitz Ende August 2018 oder auf junge Menschen mit Kippa in Berlin mahnen zur Vorsicht – und auch in der liberalen Universitätsstadt Heidelberg steht die Synagoge noch immer unter Polizeischutz.

»Ich hätte nie geglaubt, dass ›Jude‹ wieder ein Schimpfwort auf dem Schulhof wird«, erklärte Suliman und forderte: »Die schweigende Mehrheit muss den Mund aufmachen!« So wie es etwa die Schüler eines Gymnasiums in Walldorf bei Heidelberg auf beeindruckende Weise taten: Etwa 1200 junge Menschen hatten nach dem Angriff auf das Restaurant »Schalom« in Chemnitz eine Solidaritätserklärung unterschrieben und an den Inhaber geschickt. Dieser kam nach Walldorf und diskutierte mit den Schülern.

Rami Suliman fordert:
»Die schweigende Mehrheit
muss den Mund aufmachen!«

Und auch in Heidelberg wolle man sich weiterhin gegen jede Art der Menschenfeindlichkeit einsetzen, betonte Oberbürgermeister Würzner: »Wir dürfen uns keinesfalls an antisemitische Parolen gewöhnen, wie man sich vielleicht an schlechte Manieren gewöhnt.« Daher habe es ihn gefreut, als am 9. November 2018 im Stadtteil Kirchheim 2000 Menschen demonstriert hatten – gegen eine Veranstaltung, die klar »auf Ausgrenzung gesetzt« hatte. Die AfD hatte – ausgerechnet am 80. Jahrestag der Pogromnacht, in der auch die Heidelberger Synagogen brannten – zu einer Veranstaltung mit dem Bundesvorsitzenden Jörg Meuthen eingeladen.

Demokratie Dass der Großteil der Stadtgesellschaft in dieser Frage denkt wie Würzner, zeigte am Sonntagvormittag ein Blick in den Rathaussaal: Vertreter der Stadtverwaltung, Gemeinderäte aus verschiedenen Fraktionen und Vertreter der großen christlichen Kirchen und der Polizei feierten dort mit den jüdischen Bürgern Heidelbergs. »Lassen Sie uns gemeinsam alles tun, um unsere gemeinsamen Werte, unsere Demokratie, zu verteidigen«, das war die Botschaft Rami Sulimans – eine Botschaft weit über die kommenden 25 Jahre hinaus.

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