Leipzig

Gedenken an Leerstellen

Von der Ez-Chaim-Synagoge existiert nur noch das Bild des Innenraums. Foto: Fabian Reimann

Ein als orthodoxer Jude verkleideter Mann scharwenzelt durch die Feiergemeinde vor der Leipziger Synagoge in der Keilstraße. Er ist nicht der einzige Kostümierte; ein gutes Dutzend Schausteller in Rüschenkleidern oder Zylinder auf dem Kopf soll den Gästen der Eröffnungsveranstaltung der Jüdischen Woche zeigen, wie es vor 170 Jahren zuging. Denn die zwölfte Jüdische Woche widmet sich dem 170‐jährigen Jubiläum der Israelitischen Religionsgemeinde.

Natürlich gab es schon vor 1847 Juden in der Stadt, aber eben erst ab dieser Zeit erlaubte man ihnen, sich dauerhaft in Leipzig niederzulassen – dank Friedrich August II., König von Sachsen. Was der sächsische Staat damals für Juden tat, zählt ein Vertreter des sächsischen Ministerpräsidenten Stanislaw Tillich auf: Jüdische Schulen wurden anerkannt, Steuerungleichheiten aufgehoben, und schließlich – der Redner macht einen zeitlichen Sprung – wurden 1994 die Staatsverträge mit der jüdischen Gemeinschaft geschlossen. Sie zeigten ebenfalls, wie sehr man sich in Sachsen dem jüdischen Leben verbunden fühlt.

Auslassungen Natürlich wissen alle, warum die sechstgrößte jüdische Gemeinde im Deutschland der 20er‐Jahre von damals 13.000 Mitgliedern auf heute rund 1300 geschrumpft ist. Es bedarf auch keiner weiteren Betonung der nationalsozialistischen Barbarei. Aber die Auslassung des sächsischen Staatsbeamten ist doch bemerkenswert. Denn Sachsen ist das Land, in dem Thüringens AfD‐Chef Björn Höcke im Januar eine »erinnerungspolitische Wende um 180 Grad« forderte, um den »Gemütszustand eines total besiegten Volkes« zu überwinden. Im Dienst des Freistaats steht auch immer noch der Dresdner Richter Jens Maier, der im Namen der AfD den »Schuldkult« für »endgültig beendet« erklärte.

Keine jüdische Woche in Deutschland als Selbstvergewisserung jüdischen Lebens in der Gegenwart kommt ohne den Verweis auf die Schoa und ohne Gedenken an Synagogen‐Mahnmale aus, eben weil immer noch auffällt, dass etwas fehlt. Und auch, dass der schwarz Verkleidete vor dem Gemeindehaus als vermeintlich orthodoxer Jude der weit und breit einzige ist, der zu entdecken ist, steht emblematisch dafür. Die Erinnerung an das orthodoxe Judentum ist bis heute flüchtig. Die Tafeln, die an die Ez‐Chaim‐Synagoge erinnern, in der 1924 Ephraim Carlebach Rabbiner war, sind im vergangenen Jahr spurlos verschwunden. Der Bau wurde 1938 zerstört, es existiert heute nur noch ein Bild des Innenraums.

Kolonadenviertel
Geblieben ist ein unwirtlicher Ort im Leipziger Kolonnadenviertel, ein umzäunter Parkplatz, eine Lagerhalle aus Wellblech. Die Tafeln, 2013 vom Bürgerverein Kolonnadenstraße angebracht, verschwanden drei Jahre später, als die Halle neu gestrichen wurde. Nachforschungen des Bürgervereins blieben erfolglos. Was jetzt? Die Tafeln einfach durch neue ersetzen? Das sei zu wenig und nicht zeitgemäß, findet Fabian Reimann vom Verein für zeitgenössische Kunst in Leipzig. Zusammen mit dem Bürgerverein hat er zu einer »Performativen Leerstellenbegehung« auf den Parkplatz geladen. Eine Sprechperformance mit der Künstlerin Angelika Waniek soll ein Narrativ der Erinnerungskultur beginnen, »in der Geschichte und Gegenwart, Gedenken und Handeln sich miteinander verschränken«. Das klingt ein bisschen sperrig, und auch wenn offen ist, was dabei herauskommt, sicher ist: Genau wie die Tafeln wird es wohl eine Geste historischer Verantwortung in Stellvertretung werden.

Küf Kaufmann, Vorsitzender der Israelitischen Religionsgemeinde in Leipzig, sagt geradeheraus, das sei »unnötig«. Die Tafeln würden ihm reichen. Aus pragmatischen Gründen. Denn würde hier ein weiterer Gedenkort entstehen, wer sollte den mit Leben füllen, fragt Kaufmann, schließlich sei die Gemeinde zu klein. Außerdem: Das jüdische Leben heute solle im Mittelpunkt stehen. Und das sei nicht ganz einfach, betonte Kaufmann schon in seiner Rede zur Eröffnung der jüdischen Woche.

Unscheinbar Davon legt auch Dmitrij Kapitelman Zeugnis ab. Der Sohn eines jüdisch‐ukrainischen Mathematikers, geboren 1986 in Kiew, aufgewachsen im Plattenbau im Leipziger Stadtteil Grünau, erzählt in seinem 2016 erschienenen autobiografischen Debütroman Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters von einer Variante jüdischen Lebens im Heute, vom unwillkürlichen, eingeübten Verstecken seines Vaters, der als Jude nicht auffallen will.

Gil Landau – etwa so alt wie Kapitelman – steht mit seiner Indie‐Pop Band Lola Mash aus Tel Aviv auf der Bühne im Leipziger Werk II. Seine Großmutter ist auch da: Channa Gildoni, Vorsitzende des Verbandes ehemaliger Leipziger in Israel. »Keiner Mörderhand wird es gelingen, dieses Volk zu vernichten«, sagt sie am Denkmal der großen Synagoge an der Zentralstraße, nur einen Steinwurf entfernt von dem Ort, an dem einst die Ez‐Chaim‐Synagoge stand.

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