Frankfurt/Main

Für alle Sinne

Ereignis für Augen und Ohren: Eröffnungsauftritt des Wiener Oberkantors Shmuel Barzilai in der Westend-Synagoge Foto: Rafael Herlich

Tosender Applaus und ein kleines Mädchen als Autogrammjägerin – Shmuel Barzilai war sichtlich geschmeichelt. Am Sonntag trat der Oberkantor der Israelitischen Kultusgemeinde Wien zum Auftakt der Jüdischen Kulturwochen Frankfurt in der Westend-Synagoge auf. Mit einer geistreichen Mischung aus Liturgie und Ironie, gepaart mit seinem samtigen Tenor, zog er das Frankfurter Publikum in seinen Bann.

Nicht ohne Grund hatte Andrei Mares, der Gemeinderatsvorsitzende der Jüdischen Gemeinde Frankfurt, Shmuel Barzilai als »einen der beliebtesten Kantoren Europas« angekündigt, der die Schranken zwischen E- und U-Musik »mühelos überwindet«.

Vielstimmig Unterstützt und getragen wurde der Auftritt des Oberkantors vom Chor der Westend-Synagoge unter der Leitung von Benjamin Brainman. Am Klavier saß Zoltan Neumann. Unter dem Titel »Jauchzt dem Ewigen, Ihr Gerechten ...« bot das Konzertprogramm in erster Linie Segenssprüche und Gebete. Letztere stimmten bereits auf die Hohen Feiertage ein. Am Ende durften sich die Zuhörer und -schauer dann selbst als Chor versuchen: Vielstimmig und aus voller Kehle schmetterten sie Jerushalajim shel zahav und das Adon olam unterm Kuppelrund.

»Das war herrlich!«, begeisterte sich eine Zuschauerin nach dem Konzert. Auch Felix Semmelroth, Kulturdezernent der Stadt Frankfurt, war zufrieden – vor allem damit, dass die Veranstaltung der Jüdischen Kulturwochen in diesem Jahr in der Synagoge und nicht im Sendesaal des Hessischen Rundfunks stattgefunden hatte. »Hier herrscht eine besondere Atmosphäre«, urteilte Semmelroth und lobte die Kulturwochen als einen »festen und wesentlichen Bestandteil des Frankfurter Kulturkalenders«.

Die ersten drei Veranstaltungen der Jüdischen Kulturwochen sind zwar schon über die Bühne gegangen – bis zum 9. September gibt es allerdings noch viel zu sehen und zu hören. Dem Publikum »besonders ans Herz legen« möchte Semmelroth, der den Akzent der Jüdischen Kulturwochen in diesem Jahr »eindeutig auf dem kulturellen Schaffen von russischen Migranten« sieht, die Lesung von Olga Grjasnowa, die am Donnerstag, 6. September, stattfindet. Die Autorin, die für den Deutschen Buchpreis nominiert ist, liest aus ihrem Werk Der Russe ist einer, der Birken liebt. Grjasnowa werfe darin einen »scharfen Blick auf die Wohlstandsoase Deutschland, deren multikulturelle Fassade anzukratzen nicht allzu selten bedeute, auf engstirnigen Provinzialismus zu stoßen«, so Semmelroth.

Vielfalt Wortkunst der eigenen Art präsentiert der Schauspieler Felix von Manteuffel. Er liest am Dienstag, 4. September, Lyrik von Heinrich Heine, musikalisch untermalt wird dies vom Duo Fragilé – Petra Woisetschläger (Gesang und Klavier) und Udo Betz (Kontrabass und Gitarre).

Nichtsynagogale Musik steht am Montag, 3. September, und am Mittwoch, 5. September, auf dem Programm: Die Frankfurt Classic Players mit der Sopranistin Oxana Arkaeva präsentieren Lieder- und Orchesterstücke aus der Oper Porgy and Bess und dem Musical West Side Story. Einen kammermusikalischen Abend bestreitet das Adorno Quartett. Am Sonntag, 9. September, tritt dann Israels Superstar David Broza auf: Der Gitarrist, Komponist und Songschreiber will das Publikum mit seiner extravaganten Mischung aus urbanem Folk und passionierter Gitarrenmusik begeistern.

Und auch Bibliophile kommen während der Kulturwochen auf ihre Kosten: zum einen mit der Ausstellung »Ein Wunder im Wunder« im Museum Judengasse. Im Jahr 1511 war das Buch Augenspiegel erschienen. Darin weist der Autor Johannes Reuchlin, einer der führenden Gelehrten seiner Zeit, den von Kaiser Maximilian erlassenen Befehl, alle hebräischen Bücher zu zerstören, als unrechtmäßig zurück. Der führende Vertreter der deutschen Juden, Josel von Rosheim, bezeichnete diesen »Akt zivilen Ungehorsams« als ein »Wunder im Wunder«. Die gleichnamige Ausstellung läuft bis zum 28. Oktober und zeigt kostbare Erstausgaben.

Filme Last but not least stehen auch zwei Filme auf dem Programm. Am Samstag, 1. September, wird ab 20.30 Uhr im Deutschen Filmmuseum David gezeigt. »Der Film wagt es, humorig von den – milde gesagt – ›islamisch-jüdischen Missverständnissen‹ im heutigen Brooklyn zu erzählen«, formulierte es Semmelroth. Das zu dessen 70. Geburtstag gedrehte Porträt über den israelischen Schriftsteller Amos Oz mit dem Titel The Nature of Dreams wird am Sonntag, 2. September, ebenfalls ab 20.30 Uhr im Filmmuseum gezeigt.

Begleitend zu den Veranstaltungen findet im Gemeindezentrum eine Fotoausstellung mit Bildern von Rafael Herlich, der unter anderem als Fotograf für die Jüdische Allgemeine arbeitet, statt.

»Sie können tief eintauchen in die jüdisch-deutsche Geschichte, aber auch die Gegenwart dieses so besonderen Verhältnisses kennenlernen, das trotz oder gerade wegen der historischen Last ungemein produktiv und anregend ist«, versprach der Frankfurter Kulturdezernent.

Karten können bei der Gemeinde unter der Rufnummer 069 / 76 80 36 100 beziehungsweise im Deutschen Filmmuseum unter der Rufnummer 069 / 961 220 220 bestellt werden.

Programm und Veranstaltungsorte unter www.juedischekulturwochen2012-frankfurt.de

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