Jewrovision

Frontfrau gesucht

Jede kommt dran: »Atid« trainiert für die Jewrovision. Foto: Peter Roggenthin

In einem unauffälligen Hinterhaus in der Fürther Südstadt wummern Bässe, und in einem hellen Raum im ersten Stock sieht es ein wenig aus wie in einer Ballettschule. Mit einem gekonnten Sprung huscht Lisa Aynbinder über die Bühne, dann zählt sie den Takt vor, schnippt mit den Fingern und feuert ihre Mädels an, die Körperspannung zu halten und auf jede kleine Geste zu achten. »Rechtes Knie, nicht das linke«, tadelnd schaut sie ihre Nachbarin an, dann eben alles noch mal von vorn. Sprung, Takt, Zählen, rechtes Knie.

Zehn Jugendliche schlagen sich jeden Sonntag um die Ohren, um einmal auf der großen Bühne zu stehen: Training für die Jewrovision – und Fürth ist zum ersten Mal dabei. »Atid«, Zukunft, heißt die Truppe, die zeigen will, dass auch eine kleine Gemeinde etwas Großes auf die Beine stellen kann. »Unser Thema ist alles, was schön und aufregend bei einer Barmizwa- Feier ist«, verrät Elina Kurakin. Alles andere ist natürlich streng geheim.

Die angehende Dolmetscherin ist eine von drei Trainern, die die Choreografie einstudieren. Elina hat im vergangenen Jahr mit dem Jugendzentrum aus Nürnberg teilgenommen, sie kann schwärmen und werben, wie toll es ist, »auf der Jewro dabei zu sein«. Und als sie von ein paar Mädchen aufgefordert wurde, doch bitte in Fürth zu trainieren, da ließ sie sich nicht lange bedrängen und steht jetzt wieder jeden Sonntag im Probenraum.

Die beiden anderen Trainer, Anton und Aleksandra Pasternak, betreiben eine Tanzschule und üben an ihrem freien Tag jeden Schritt, jede Geste mit den Nachwuchstänzern zigmal ein, bis sie zufrieden sind. Und das kann dauern. Immer wieder klatscht Aleksandra die Übung ab, macht mit ausdrucksvollen Bewegungen vor, was sie von den Tänzern sehen will. Und lässt es noch mal und noch mal wiederholen.

TAnzausbildung Bei ihr sieht es leicht aus. Katja, Natalya und Lisa entwickeln großen Ehrgeiz, es genauso elegant nachzutanzen. Eine ist im Ballett, eine andere macht Sporttanz, eine betreibt in ihrer Freizeit Latein- und Standardtanz. Das Konzept hat Elina Kurakin zusammen mit den Jugendlichen entwickelt. »Sie sollen möglichst selbstständig und eigenverantwortlich herangehen. Die Texte haben sie selbst geschrieben, bei der Jewrovision ist ja alles streng geregelt, sogar die Zahl der Pixel auf unseren Videos ist vorgegeben«, stöhnt sie über den Aufwand.

Die Fürther Gemeinde stellt den Probenraum zur Verfügung und sponsert die Fahrtkosten. »Wir haben die Idee von Anfang an unterstützt«, erzählt Natalya Galstyan, die als Sozialpädagogin bei der Kultusgemeinde arbeitet. »Uns gefällt, dass es eine gemischte Mannschaft ist, wir sind sehr zufrieden, wie es läuft. Auch wenn es richtig ins Geld geht. Das ist unsere Zukunft!«

Sie schaut ab und zu beim Training vorbei. »Wir sind sehr froh, dass gerade bei uns so etwas läuft.« Denn bei den etwas mehr als 300 Mitgliedern liegt das Durchschnittsalter bei 75 Jahren, der Fokus soll jetzt stark auf die Jugend gerichtet werden. »Und gerade die Zusammenarbeit mit den anderen Gemeinden ist ganz toll.«

Sprachenmix Tanzlehrerin Aleksandra ruft etwas auf Russisch in die Runde, zwölf Arme straffen sich und gehen in die Höhe. »Wir sprechen Deutsch und Russisch, alle können beide Sprachen.« Aleksandra lacht und wechselt wieder ins Deutsche. Je nach Bedarf switchen alle problemlos hin und her, scherzen auf Russisch und geben die Anweisungen auf Deutsch. »Wir wollen einen Mix aus jüdischer Folklore und modernem Tanz zeigen«, erzählt Aleksandra in einer kurzen Verschnaufpause. »Hauptsache, alle haben Spaß und sind motiviert.«

Jedes Wochenende gibt sie Hausaufgaben für die Gruppe, denn sie können sich nicht einfach mal schnell treffen. Sie sollen zu Hause üben, auch wenn Anton Pasternak grinsend meint, dass er das ja schlecht kontrollieren könne.

»Eine Teilnehmerin kommt jedes Wochenende aus Augsburg, eine kommt extra aus Hof«, erklärt Elina Kurakin die logistische Herausforderung. Lisa Aynbinder und Natalya Ivanenko haben deshalb jeden Freitag eineinhalb Stunden Fahrt vor sich. »Ich lerne halt im Zug, das ist schon in Ordnung«, wiegelt Lisa (15) ab. »Ich hab’ aber schon richtig Angst vor der Aufführung, dass ich hinfalle.« Sie verdreht die Augen und lacht dann. »Wir müssen uns natürlich neben der Schule gut organisieren. Meine Mitschüler fragen sich auch, wie ich trotzdem gute Noten schreibe!« Ihre Mitschüler wollten aber vor allem wissen, was denn diese »Jewro« eigentlich sei – eine Art Eurovision, hat sie ihnen erklärt.

Schule »Wir sind eh oft in Fürth, weil wir ja viel zusammen im Landesverband sind«, meint Natalya (16), die immer von Augsburg anreist. Es funktioniert, weil sie bei den Freundinnen schlafen kann und die Eltern selbstverständlich alles unterstützen und Fahrdienst leisten. Hauptsache, die Schule leidet nicht unter dem Engagement. »Mein Mann bringt zwischendurch Getränke und etwas zu essen vorbei«, beschreibt Elina Kurakin den Zusammenhalt im Team Fürth, das eher wie eine große Familie organisiert ist.

»Wir schaffen das«, macht sie immer wieder ihren Jugendlichen Mut. Nur noch ein paar Wochen bleiben, um alles vom Kostüm bis zur kleinsten Geste auf den Punkt zu bringen. Jetzt müssen sie noch eine Sängerin aussuchen, die die Texte am 1. März in Hamburg live singen wird – kein einfacher Job, wenn so viele zuschauen. Alle gucken betreten weg, als die Frage nach der Frontfrau aufkommt. Also lieber erst einmal nur mit Musik üben, jeden Schritt so lange, bis er wie im Schlaf sitzt.

Lösungen Schulterzuckend meint Elina, dass sie eben besser Tanzen als Singen können, aber auch dieses Problem werden sie lösen. »Der Platz in Hamburg ist uns erst einmal egal«, versucht Anton Pasternak den Druck ein wenig wegzunehmen. »Hauptsache, es ist nicht der letzte Platz«, meint er. »Es ist doch schon toll, wenn die Gruppe auf einer richtigen Bühne steht – die Jugendlichen wollen einfach was zusammen unternehmen. Wir bereiten uns gut vor und schauen dann, wie es läuft.«

Zu ihren Erfolgsaussichten merkt Lisa nur trocken an: »Vielleicht fallen wir ja genau deshalb auf, weil wir so wenige sind – viele Gemeinden kommen mit vielen Leuten, und wir kommen mit so wenigen und machen dafür etwas ganz besonders Schönes!«

Kartenreservierung ab sofort per Mail unter jewrovision@zentralratdjuden.de oder telefonisch unter 030/284 45 60.

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