Jüdische Filmtage Fürth

Fremdsein und Ankommen

Der Eröffnungsfilm »Red Leaves« erzählt die Geschichte des äthiopischen Einwanderers Meseganio Tadela in Israel. Foto: PR

Fremd sein» – so lautet das Thema der Jüdischen Filmtage Fürth, die dieses Jahr zum zweiten Mal stattfinden. Zwischen dem 25. und 28. Februar gibt es ein dichtes Programm mit 14 Filmen und Filmgesprächen im Herzen der fränkischen Metropolregion zu sehen. Organisiert wird das Festival auch diesmal wieder vom Jüdischen Museum Franken und dem Babylon-Kino in Fürth.

«Wir hatten natürlich gehofft, dass die Jüdischen Filmtage auf Interesse stoßen würden. Schließlich gab es ein derartiges Veranstaltungsformat in der Region bis dahin nicht. Aber dass wir dann tatsächlich sehr oft bis auf den letzten Platz ausverkauft waren, hat uns schon überrascht und gefreut», sagt Tobias Lindemann, Mitorganisator im Babylon-Kino in Fürth, über die Premiere der Filmtage 2015.

Homosexualität Den Wunsch, sich mit dem Genre Film auseinanderzusetzen, hatte Daniela F. Eisenstein, Leiterin des Jüdischen Museums Franken, schon länger. In Kooperation mit den Experten des Babylon-Kinos klappte es schließlich. Wie schon bei der Erstauflage, die Homosexualität zum Schwerpunkt hatte, steht mit «Fremd sein» ein hochaktuelles Thema im Mittelpunkt.

«Wir haben bei unseren Recherchen viele spannende Filme zum Thema Einwanderung und Neu-Sein in einer fremden Gesellschaft gesehen. Derzeit liegt der Fokus der Medien sehr stark auf einer deutschen Binnenperspektive. Mit dem Blick nach Israel und auf die dortige Situation wollen wir einen anderen Zugang zu dieser Thematik eröffnen», so Eisenstein über das diesjährige Festivalmotto.

Alltagsrassismus Zahlreiche der ausgewählten Filme greifen das Thema auf: Im Dokumentarfilm Hotline begleitet Silvina Landsman Aktivistinnen einer Hilfsorganisation, die sich in Tel Aviv um ankommende Flüchtlinge kümmert. Von Alltagsrassismus, den Tücken der Gesetzgebung und dem Kampf um Menschenrechte erzählen die Bilder, die Landsman ganz ohne Kommentar auf den Zuschauer wirken lässt.

Ein solcher Flüchtling ist auch Mussa, um den es im gleichnamigen Dokumentarfilm von Anat Goren geht. Der Sohn afrikanischer Eltern ist eigentlich ein aufgeweckter Junge, doch er verstummt, sobald er die Schule betritt. Regisseurin Goren begibt sich auf die Suche nach Mussas Familiengeschichte und dem Grund seines Schweigens.

Das, was nach der Flucht kommen soll, die Integration, steht im Zentrum des Eröffnungsfilms Red Leaves: Der 74-jährige Meseganio Tadela ist vor fast 30 Jahren aus Äthiopien nach Israel geflohen, doch richtig angekommen ist er nie. Als seine Frau stirbt und er feststellt, dass seine Kinder längst neue Werte und Traditionen leben, gerät sein eigenes Weltbild ins Wanken.

Regisseur Bazi Gete schrieb selbst das Drehbuch und wurde beim Jerusalem International Film Festival für Red Leaves mit dem Anat Pirchi Award für das beste Filmdebüt ausgezeichnet.

verboten Auf den Film Our Children/ Unzere Kinder freut sich Daniela F. Eisenstein besonders. In einem Filmgespräch wird Tamar Lewinsky, Historikerin am Jüdischen Museum Berlin, über die spannende Entstehungsgeschichte dieses semi-dokumentarischen Films aus dem Jahr 1948 sprechen. «Er wurde von und mit Holocaust-Überlebenden gedreht und war in Polen lange Zeit verboten. Erst Jahrzehnte später wurde er wiederentdeckt, aufwendig restauriert und in den 90er-Jahren zum ersten Mal wieder gezeigt», sagt Museumsdirektorin Eisenstein.

Vor allem diese Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ist es, die Tobias Lindemann für das Projekt der Jüdischen Filmtage in Franken begeistert. «Fürth ist eine Stadt mit einer langen jüdischen Geschichte. Ich verstehe die Filmtage als einen Beitrag dazu, Menschen genau darauf aufmerksam zu machen», sagt Lindemann.

Eisenstein richtet den Blick in die Zukunft: «Unser Ziel ist es, vorgeprägte Bilder aufzubrechen. Menschen denken in Schubladen, um mit der Komplexität der Welt klarzukommen. Das ist verständlich.» Umso wichtiger sei es, glaubt Eisenstein, diese Sichtweise «durch die Konfrontation mit neuen, ungewohnten Bildern immer wieder infrage zu stellen».

Koscher style Der intime Rahmen des Babylon-Kinos, in dem der größte Saal gerade einmal 90 Plätze fasst, sei perfekt geeignet, um mit Filmemachern, Experten und Zuschauern ins Gespräch zu kommen, sind sich Lindemann und Eisenstein einig.

Wer bei so viel cineastischem Programm eine Leinwandpause braucht, hat am Sonntag beim Kosher-Style-Brunch im Café Babylon Gelegenheit dazu. Wie bereits im vergangenen Jahr kommen hier traditionelle und moderne Gerichte der israelischen Küche auf den Tisch und runden das Kinoerlebnis kulinarisch ab.

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