Leipzig

Fremde werden Freunde

Mit Gitarre und Bass im Ariowitsch-Haus Foto: Harald Lachmann

»Jawo Schalom – Sochreni Na.« Die leicht kehlige und doch einschmeichelnd weiche Stimme von Zsolt Balla verfängt vom ersten Ton an. »Schalom soll kommen. Herr, denke an mich und gib mir Kraft, noch dies eine Mal«, singt der Mann mit Kippa und E-Bass und schließt dazu meist verzückt die Augen.

Das Publikum im gut gefüllten Veranstaltungsraum des Leipziger Ariowitsch-Hauses ist begeistert. Die Nummernschilder vor dem Haus zeigen, dass mancher eine längere Anfahrt in Kauf nahm, um die rockenden Rabbis zu erleben. Denn zusammen mit Gitarrist Dani Fabian, Keyboarder Yona Raiko und Drummer Yishai Bushuev – frühere Studiengefährten von der Berliner Jeschiwa »Beis Zion« – bildet Balla die Band »The Holy Smokes«. Harmonisch verbinden die vier feinnervige rockige Rhythmen mit Texten aus der jüdischen Liturgie.

Mittlerweile ist der gebürtige Ungar Gemeinderabbiner für 1.300 Juden in Leipzig. So agierte Balla nun nicht nur auf der Bühne, sondern auch als einer der Gastgeber für diese neunte Jüdische Woche.

begegnung Vor vier Jahren wurde das Ariowitsch-Haus in der Hinrichsenstraße wiedereröffnet, nunmehr als Kultur- und Begegnungszentrum der Israelitischen Religionsgemeinde. Damit stand es auch im Mittelpunkt dieser Begegnungswoche, die nicht weniger als 69 Lesungen, Konzerte, Filme, Theateraufführungen, Vorträge und Rundgänge anbot.

»Wer den Glauben hat, hat alles, derjenige, der ihn nicht hat, was hat er dann?« So singen und spielen die vier »Heiligen Strohsäcke«, wie ihr Bandname umgangssprachlich übersetzt heißt, im Lied Deda Bei, das auf den babylonischen Talmud zurückgeht. Den Rahmen bildet die musikalisch-literarische Veranstaltungsreihe »Leipziger Ware«, zu der die Ephraim-Carlebach-Stiftung lädt. Die MDR-Moderatorin Griseldis Wenner liest zwischen den Liedern Texte ungarischer Literaten vor.

Skepsis Einiger Glauben an ein enges Miteinander war anfangs auch nötig, bevor das Ariowitsch-Haus nach gründlicher Sanierung seine Pforten öffnen konnte. Denn zugezogene Anrainer wollten eben dies gerichtlich verhindern: Sie fürchteten, ein jüdisches Zentrum provoziere neonazistische Übergriffe im Waldstraßenviertel.

Längst scheint das aber abgehakt, auch weil sich die Ängste als unbegründet erwiesen. Wie um dies zu feiern, lud die jüdische Gemeinde denn am ersten Julisonntag alle »Nachbarn auf ihren Balkonen und Fensterbänken zum Zuhören und Genießen« während eines Terrassenkonzertes ein. Das geplante Open-Air-Spektakel mit dem Jugendsinfonieorchester der Musikschule »Johann Sebastian Bach« verhinderte dann zwar der Regen. Doch auch zu der ins Hausinnere verlegten Veranstaltung fanden viele Besucher.

Respekt Zumeist handelte es sich um reifere Semester, die Jugend war im Publikum eher rar vertreten. Was trieb Nichtjuden in das jüdische Haus? »Meine Enkelin spielt hier mit«, berichtet eine Frau. Ein Ehepaar war durch die Lokalpresse neugierig geworden. Zwei ältere Herren meinten, als Deutscher müsse man doch heute einfach Respekt vor jüdischer Kultur haben: »Nach allen, was wir einst getan haben, diese auslöschen zu wollen …«

»Die Veranstaltungen zur Jüdischen Woche sind gut besucht. Unser Haus ist immer voll«, freut sich auch Küf Kaufmann, Vorsitzender der Leipziger Gemeinde. Der in der Sowjetunion aufgewachsene Theaterregisseur saß während der Begegnungswoche auch auf der Bühne: Er las aus seinem in der Stadt mittlerweile recht populären Buch Wodka ist immer koscher.

willkommen »Schalom« – so grüßten bei der im Zwei-Jahres-Rhythmus stattfinden Begegnungswoche zahllose Plakate in der Leipziger Innenstadt. Stark berührt davon zeigte sich Thea Bollag, geborene Schächter. »Wie schön ist das«, gestand die 87-Jährige, die heute in der Schweiz lebt.

»Ich komme heute wieder mal in meine Geburtsstadt und werde so willkommen geheißen!« Die Tochter eines Pelzhändlers aus dem Norden der Stadt steht für 13.000 Juden, die einst in Leipzig lebten. Ihre Gemeinde gehörte damals zu den sechs größten im Reich. 1938 wurde die Synagoge niedergebrannt. Sehr viele Juden starben später in NS-Haft. Thea Bollag konnte mit ihrer Familie fliehen. Ihre Odyssee führte sie, wie sie erzählt, über Prag, Belgien, Frankreich, Spanien und Portugal in die Schweiz, wo sie heiratete. »Doch in Leipzig bin ich immer wieder gern«, versichert sie.

Stuhlreihen Wo die Synagoge stand, befindet sich heute ein Mahnmal: Zahlreiche Stuhlreihen aus Bronze stehen auf dem einstigen Grundriss des Gotteshauses. Während der täglichen 17-Uhr-Konzerte fanden sich hier viele Besucher ein. Auch Jochen Leibel nahm Platz. Der 71-Jährige kam 1940 in Leipzig zur Welt und lebt heute in Südfrankreich. »Nein, Heimweh habe ich nicht«, erzählt er.

Doch der Mut vieler Deutscher, die ihm einst das Leben retteten, beeindrucke ihn bis heute. Immerhin hätten seine Mutter und er mehrfach auf der Transportliste für die Konzentrationslager gestanden. Sie wurden in einem Dominikanerkloster versteckt, bekamen falsche Papiere, sodass Leibel schließlich als Richard Rousseau fliehen konnte.

Ähnliche Geschichten wie er erlebten alle 42 »ehemaligen Leipziger«, die Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) eingeladen hatte. Ihre Biografien finden sich in dem Buch Jüdische Schulgeschichten – Ehemalige Leipziger erzählen. Zur Begegnungswoche war es von Elke Urban, der Leiterin des Leipziger Schulmuseums, erstmals präsentiert worden. Was sie letztlich überleben ließ, fassten die The Holy Smokes im Lied Wehi Scheamda aus der Pessach Haggada so zusammen: »Unser Vermächtnis und Glaube schützen uns durch die Generationen.«

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