Erfurt

Frau Dolze und Herr Asher

Reich an jüdischem Erbe: Vor Kurzem wurden bei Abrissarbeiten in Erfurt weitere Grabsteine gefunden, der älteste ist von 1259. Foto: cc

Die Stadt Erfurt hat ein weiteres Pfund in die Unesco-Bewerbung als Weltkulturerbe einzubringen. Vor Kurzem wurden bei Abrissarbeiten 20 mittelalterliche jüdische Grabsteine gefunden. Bagger beförderten sie als barocke Fundamente eines Hauses zu Tage. Sie waren zurechtgehauen, um als Mauersteine zu dienen.

Inzwischen wurden sie im Bauamt aufgereiht und von der Kunsthistorikerin Maria Stürzebecher begutachtet. Der älteste Stein trägt die Inschrift: »Dieses Zeichen wurde errichtet zu Häupten der Frau Dolze, Tochter des Herrn Asher, die verschied und (zu ihren Vätern) versammelt wurde im Jahr neunzehn des sechsten Jahrhunderts« und stammt demnach aus dem Jahr 1259. Damit ist er der älteste bislang entdeckte jüdische Grabstein in Erfurt.

»Insgesamt haben wir über 20 historische Grabsteine aus der Zeit vor der Vertreibung der Juden aus Erfurt im 15. Jahrhundert gefunden«, erklärt der Erfurter Baubeigeordnete Ingo Mlejnek. Komplett erhalten ist allerdings kein einziger der Sandsteine.

Unesco-Bewerbung Mit den neuen Fundstücken erhöht sich die Zahl der in Erfurt entdeckten historischen jüdischen Grabsteine auf etwa 58. »Ich bin froh, dass wir damit einen weiteren Baustein auf dem Weg zur Unesco-Bewerbung dazubekommen haben«, sagte Mlejnek.

Die Vorbereitungen seien mittlerweile so weit fortgeschritten, dass die Bewerbung Thüringens für den Weltkulturerbestatus am 1. August eingereicht werden könne, wenn nötig auch alleine, da eine gemeinsame Bewerbung mit den rheinland-pfälzischen Gemeinden Mainz, Worms und Speyer wohl nicht zustande käme, was Mlejnek bedauert. »Das ist schade, eine Bündelung unsere Kräfte wäre sicher sinnvoll.«

Unbekannt In welch krassem Missverhältnis die Bekanntheit und die Bedeutung der Erfurter Schätze stehen, habe sie bereits mehrfach erfahren müssen, erklärt Stürzebecher. So sei James Robinson, Kurator im British Museum in London bei seiner Thüringen-Visite »völlig fassungslos« gewesen, »als er die Stadt sah und als Mittelalter-Experte noch nie etwas von Erfurt gehört hatte«, erinnert sich Stürzebecher. »Er blieb noch bis spät in die Nacht, um sich alles anzusehen.« Es sei traurig, wie unbekannt die Schätze Thüringens in Deutschland und der Welt seien.

Um Relikte wie die Grabsteine adäquat zu präsentieren, soll der Keller des Steinernen Hauses, eines Profanbaus aus dem Mit- telalter, nun umgebaut werden. Dort sollen sie Fachbesuchern und bei Führungen gezeigt werden, erklärt Stürzebecher. Ein eigener Museumsbetrieb sei dort jedoch nicht geplant. In den kommenden Jahren könnte die Suche nach der zweiten Synagoge beginnen. Über ihren Standort haben die Wissenschaftler schon ein Vermutung. ja

Gespräch

Bedrohung und Staatsversagen

Der zweite »Jüdische Salon« des Zentralrats der Juden widmet sich Ronen Steinke und seinem neuen Buch

 02.07.2020

Würzburg

Gepäckstücke erinnern

Auf dem Bahnhofsvorplatz wurde der »DenkOrt Deportationen 1941–1944« eingeweiht

von Stefan W. Römmelt  18.06.2020

Gemeinden

Aktiv und engagiert

Die Zentralwohlfahrtsstelle veröffentlicht ihre Statistik für 2019 – die Zahlen geben wichtige Hinweise

von Heide Sobotka  18.06.2020

Nachruf

Zeitzeuge, Wissenschaftler, Gabbai

Der Medizinhistoriker Gerhard Baader starb im Alter von 91 Jahren in Berlin

von Christine Schmitt  16.06.2020

Hannover

Tausende spenden für Familie

Im Internet wird für Witwe und Kinder von Rabbiner Wolff sel. A. gesammelt – über eine Million Euro sind schon eingegangen

von Michael Thaidigsmann  30.04.2020 Aktualisiert

Jahrestag

In kleinem Rahmen

Zum 75. Jubiläum sollte es große Feiern geben, doch wegen Corona wurde es ein stilles Gedenken

von Eugen El  23.04.2020

Fraenkelufer

Mufleta mit Schwarzwälder Kirsch

Zum Mimounafest treffen sich die Beter virtuell statt in der Synagoge – und backen zusammen

von Ralf Balke  23.04.2020

München

Alle Hände voll zu tun

Steven Guttmann tritt sein Amt als IKG-Geschäftsführer in schwieriger Zeit an. Ein Porträt

von Helmut Reister  23.04.2020

Dortmund

Jüdische Grundschule geplant

Stadtverwaltung hat Projekt bereits gebilligt – schon kommendes Jahr könnte Einrichtung für 180 Kinder öffnen

von Michael Thaidigsmann  22.04.2020